Erfahrene Anleger wissen: Man investiert antizyklisch, will man an der Börse Erfolg haben. Wer das Maximum aus seinen Investments rausholen möchte, der schwimmt gegen und nicht mit dem Strom. Auch Olaf Bongwald scheint das zu wissen. Der Chef des finnischen Auftragsfertigers Valmet Automotive ist seit 2018 an Bord und sollte das Traditionsunternehmen aus der Mitte Europas heraus fit für die Zukunft machen.

Das klare Ziel: Aus dem Pkw-Fertiger soll ein Tier-1-Zulieferer mit klarem Fokus auf die E-Mobilität werden. Auf elektrifizierte Antriebe zu setzen, ist freilich noch nicht das Schwimmen gegen den Strom. Wohl aber gilt das für die Entscheidungen Bongwalds in der Krise. Denn während viele Unternehmen in der Autobranche zu Zeiten von Corona das Spardiktat ausgerufen haben, ist Valmet seinen Kurs unbeirrt weitergegangen.

Perspektivisch soll die Business Line EV Systems das Unternehmen tragen. Die klassische Auftragsfertigung ist volatil: Fahren die OEMs ihre Stückzahlen herunter, bekommen dies zuerst die Manufacturing-Dienstleister zu spüren. Das geht Valmet nicht anders und sorgte in Uusikaupunki bereits vor der Pandemie für Unbehagen. Im Stammwerk am Hauptsitz im Südwesten Finnlands rollen derzeit die Mercedes-Benz-Modelle A-Klasse und GLC vom Band, rund 3.500 der etwa 4.500 Beschäftigten arbeiten dort – Tendenz derzeit steigend. „Um die Position unseres Fertigungsbereichs weiter zu stärken, arbeiten wir mit Hochdruck daran, neue Modelle und auch einen zweiten Kunden so schnell es geht für uns zu gewinnen“, sagt Bongwald zur Pkw-Produktion in „Neustadt“, wie Uusikaupunki übersetzt heißt.

Am Stammwerk entsteht eine Batteriefabrik

Doch dabei soll es nicht bleiben. Um das Werk und das ganze Unternehmen fit für eine elektrische Zukunft zu machen, hat der Ex-Magna-Mann ausgerechnet in der schwierigen Coronazeit eine weitreichende Entscheidung getroffen: Das Pkw-Werk wird um eine Batteriefabrik erweitert. Auf einer Fläche von rund zwei Hektar – zum Teil baulich in das bestehende Werk integriert – sollen ab der zweiten Jahreshälfte 2021 in großer Stückzahl Batteriesysteme gefertigt werden. Der Entscheidung ging ein Großauftrag eines Autoherstellers für die Montage der Batteriesysteme und die Produktion der Zellmodule voraus.

Zuvor wurden Batteriesysteme lediglich in Kleinserie in Uusikaupunki gefertigt. Anfang dieses Jahres bekam Valmet bereits den Zuschlag eines weiteren OEM, die ersten Produktionsmitarbeiter für die Batteriefabrik sind an Bord. „Der Ausbau unseres Batteriegeschäfts ist eng mit unserem Ziel verknüpft, Tier-1-Systemlieferant für Batteriemodule und -packs zu werden“, sagt Bongwald. „Wir werden die komplette Wertschöpfung von Batterien bedienen – von der Konzept- zur Serienentwicklung über die Simulation und Erprobung bis hin zum Supply Chain Management und schließlich der Fertigung.“

Die beiden Großaufträge sichern die Beschäftigung auf Jahre. Dadurch mache sich Valmet weniger abhängig von der schwankenden Auftragsfertigung, so der CEO. „Uki“, wie das Werk intern heißt, ist zwar das größte, aber nicht das einzige Puzzleteil in der Elektrostrategie des Auftragsfertigers. Innerhalb kürzester Zeit hatte man im Jahr 2019 das ehemalige Nokia-Werk in Salo – rund 150 Kilometer von Uusikaupunki entfernt – für die Fertigung von Batteriepacks umgebaut. Zu Beginn 2020 stand dort das maximale Produktionsvolumen bereits zur Verfügung. Zwar macht Valmet zur Kapazität keine genauen Angaben, beide Fabriken gemeinsam könnten allerdings mehrere hunderttausend Batteriesysteme pro Jahr fertigen, teilen die Finnen mit.

Valmet stärkt Standort Deutschland

Auch in der Entwicklung konzentriert sich Valmet auf die E-Mobilität: Der Geschäftsbereich Engineering Services rund um die klassische Fahrzeug- und Motorenentwicklung wurde Ende 2020 an den Finanzinvestor Mutares verkauft – ein Schritt, der bei Arbeitnehmervertretern und Gewerkschaften auf Kritik stieß. Die Engineering-Aktivitäten im Elektro-Umfeld hingegen werden ausgebaut. Erst kürzlich kündigte Valmet an, in München und Bad Friedrichshall neue Stellen für Ingenieure, Techniker und Supportfunktionen schaffen zu wollen.

Damit nicht genug: In Baden-Württemberg laufen bereits die Planungen für eine dritte Batteriefabrik. Bereits im ersten Quartal 2022 soll die Vorserienfertigung starten. Die Nähe zur deutschen Autoindustrie liegt als Grund für den Standort auf der Hand.

Vom Auftragsfertiger zum Zulieferer

Der Switch zur Elektromobilität scheint nötig. Zwar konnte Valmet Automotive seit 2013 stets steigende Produktionszahlen pro Jahr vermelden – 2019 wurden 114.000 Pkw gefertigt –, allerdings ging der Umsatz bereits im vorletzten Jahr leicht zurück. Noch liegen Zahlen für 2020 nicht vor. Es ist allerdings schwer vorstellbar, dass die Fertigung bei Valmet in einem Jahr mit dramatischen Produktionseinbrüchen in der globalen Autoindustrie auf diesem hohen Niveau verbleiben konnte.

Der Schritt, ein neues Batteriewerk zu errichten und das eigene Geschäft breiter aufzustellen, scheint vor diesem Hintergrund mehr als logisch. Das gilt auch für die Entscheidung, Batterien und Fahrzeuge unter einem Dach zu fertigen. Denn zum einen können so Synergieeffekte zwischen beiden Geschäftsbereichen optimal genutzt werden, etwa im Bereich Wartung und Logistik. Zum anderen ist gerade im Umfeld der Elektromobilität das Thema Nachhaltigkeit von entscheidender Bedeutung.

Bis Ende 2021 soll das Werk in Uusikaupunki CO2 -neutral sein – und durch die Ansiedlung der Batteriefabrik am und im Fahrzeugwerk werden zahlreiche Transportwege vermieden. Die Pläne von Olaf Bongwald für „Uki“ sind groß. Die Ambitionen von Valmet Automotive sind es auch. Die Finnen unter deutscher Führung setzen einiges auf die Karte E-Mobilität, um im globalen Spiel der Automotive-Player eine neue Rolle einzunehmen. Ob der Schachzug aufgeht, wird sich wohl erst zeigen, wenn die Produktion im Werk anläuft – und der batterieelektrische Antrieb auch tatsächlich langfristig zum Mittel der Wahl in der Autobranche wird.

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