Die Produktion des Elektroautos e.Go Life ist ins Stocken geraten. Von den geplanten 1000 Stück konnte nur etwa die Hälfte produziert werden.

Die Produktion des Elektroautos e.Go Life ist ins Stocken geraten. Von den geplanten 1000 Stück konnte nur etwa die Hälfte produziert werden. Bild: e.Go

| von Wolfgang Gomoll

Beim Genfer Automobilsalon ließ Volkswagen die E-Katze aus dem Sack. VW wird dem Aachener Startup e.Go Mobile AG seinen Elektrifizierungsbaukasten (MEB) für ein Elektrofahrzeug zur Verfügung stellen. Es spricht einiges dafür, dass der ID.Buggy dieses Spaßauto sein wird. Weitere Projekte sind vorgesehen. Langfristig soll das Aachener Unternehmen Partner von Volkswagen werden. Bei der gemeinsamen Verkündung stahl der eloquente e.Go-Gründer Günther Schuh am Vorabend der Schweizer Automesse VW-Chef Herbert Diess die Show. Später posierten beide lächelnd im ID.Buggy – und alles war eitel Sonnenschein. Der charmante Produktionswissenschaftler galt als kommender Star der Automobilbranche und als Beweis, dass auch in Deutschland mutige Neuunternehmer in das digitalelektrische Zeitalter eintreten können. Gut ein halbes Jahr später ist die blendende Aufbruchsstimmung verflogen, am einst strahlend blauen Aachener Himmel sind dunkle Wolken aufgezogen.

Produktionskapazitäten sollen ansteigen

Günther Schuh weht eine steife Brise ins Gesicht. Der deutsche Akademiker ist nicht von Anlaufschwierigkeiten bei der Produktion des kleinen Elektroautos e.Go Life verschont geblieben. Bei der Überprüfung der Wasserdichtigkeit der Batterie beziehungsweise der Gusswanne traten Probleme auf, die die Fertigung im Werk in Aachen Rothe Erde ins Stocken brachten. Statt wie geplant 1000 Stück des Stromers sollen dieses Jahr nur etwa 500 bis 600 Einheiten auf die Straße rollen. Die anderen der rund 3300 Vorbesteller wurden auf nächstes Jahr vertröstet. Dann soll alles besser werden und der Fertigungstakt sukzessive auf rund 10.000 Autos pro Jahr hochgefahren werden. Läuft alles glatt, werden es rund ein halbes Jahr später 20.000 Stück pro Jahr sein, ließ Schuh gegenüber dem Westdeutschen Rundfunk verlauten. Das klingt ähnlich wie die Wasserstandsmeldungen eines anderen Elektroautobauers: Elon Musk aus Kalifornien. Eine ähnliche Trutzburgmentalität hat sich auch in Aachen breitgemacht. Anfragen nach dem Status quo des Unternehmens und der Fertigung werden nicht beantwortet. „Derzeit konzentrieren sich alle Mitarbeiter auf den Serienhochlauf des e.Go“, lässt das Unternehmen verlauten, also habe man keine Zeit zu antworten. Es scheint, dass die Nerven blankliegen und doch nicht alles so reibungslos läuft wie einst tapfer geplant und lange Zeit prognostiziert. Eine Serienfertigung hochzuziehen, ist etwas anderes, als ein paar Prototypen auf die Straße zu bringen. Der Elektromobilitätsguru aus Kalifornien kann davon ein Lied singen.

Chinesen haben Marktvorteile

Trotzdem: Die Idee eines bezahlbaren kleinen Elektroautos für rund 16.000 Euro erscheint nach wie vor vielversprechend. Mittlerweile sind die Giganten der Automobilbranche jedoch aufgewacht und haben ihrerseits bezahlbare Stromer im Modellprogramm. koda will 20.950 Euro für seinen Citigo-e iV, Volkswagen bietet den technisch eng verwandten E-Up für 21.975 Euro an und Seat verlangt für seinen Mii Electric mindestens 20 650 Euro. Hinter diesen Fahrzeugen steckt ein ausgereifteres Produktions- und Händlernetzwerk, für viele Kunden ist das den Aufpreis wert. Die Konkurrenzsituation wird sich weiter verschärfen, wenn asiatische Hersteller mit ihren Elektrofahrzeugen in Europa auf den Markt drängen. „Vielfach sehen wir das gleiche Muster: Das Produkt wird teurer als erwartet, es dauert länger bis zum Launch, die Investoren werden nervös, man benötigt aber eigentlich noch sehr viel mehr Geld für die Infrastruktur rund um Händler. Diese Negativspirale ist aktuell schwer aufzuhalten, da der Markt auch nicht gerade durch die Decke geht. Die Chinesen hingegen haben zumindest noch einen sehr großen Binnenmarkt, der recht viele Probleme auffängt, das ist bei uns leider nicht der Fall“, stellt Jan Burgard von der Unternehmensberatung Berylls Strategy Advisors mit Blick auf die Probleme des deutschen Startups fest.

Kooperation mit Automobilherstellern

Mit StreetScooter ist ein zweites Projekt, das Günther Schuh zusammen mit seinem Aachener Kollegen Achim Kampker aus dem Taufbecken gehoben hat, in unruhiges Fahrwasser geraten. Deutsche-Post-Chef Frank Appel ging in einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung für das laufende Geschäftsjahr von einem Verlust in Höhe eines „signifikanten zweistelligen Millionenbetrags“ aus. Das Wettbewerbsumfeld wird in Zukunft kaum einfacher werden. Ähnlich wie beim Elektro-Startup e.Go Mobile treten ebenfalls etablierte OEMs auf den Plan und bieten ihrerseits elektrische Transporter an, beispielsweise Mercedes den E-Vito und den E-Sprinter, bei VW ist es der E-Crafter. Logistikunternehmen wie DPD oder Hermes greifen bereits beherzt zu. Selbst wenn die Post immer wieder betont, kein Automobilhersteller werden zu wollen, ist das Traditionsunternehmen kein Wohlfahrtsverein und kann sich einen Klotz am Bein, der auf Dauer Verluste anhäuft, nicht leisten. Dazu kommt, dass die Post mittlerweile einen zweiten StreetScooter-Produktionsstandort in Düren betreibt und mit Selbstverkäufen allein die Produktionsanlagen nicht auslasten kann. Für Jan Burgard scheint der Lösungsansatz klar: „StreetScooter kooperiert mit Ford bei der Produktion – aber insgesamt muss natürlich ein Angebot über alle Phasen der Wertschöpfungskette entstehen.“ Mit Peter Bardenfleth-Hansen und Ulrich Stuhec sollen zwei Automobilmanager – der eine kommt von Tesla, der andere von Ford – das leckgeschlagene Schiff wieder flottmachen.

Auch ein Verkauf der Elektrofahrzeugdivison ist eine Option. Einer der Interessenten ist – angeblich – Günther Schuh, der das Unternehmen 2014 an das Logistikunternehmen verkauft hatte und jetzt wieder nachhause holen möchte. Dieser Schachzug erinnert ebenfalls an Tesla-Chef Elon Musk, der mehrere Projekte anstößt und dabei Gefahr läuft, sich zu verzetteln. Offiziell wiegelt der gelbe Logistikriese noch ab. „StreetScooter ist eine Erfolgsgeschichte und Marktführer im Bereich der elektrischen Nutzfahrzeuge. Zu Marktgerüchten äußern wir uns grundsätzlich nicht“, heißt es bei DHL. Und weiter: „Wir möchten strategische Partner an Bord nehmen, um StreetScooter weiteres Wachstum im Markt der E-Mobilität zu ermöglichen.“ Das ist dringend nötig, wenn die Logistikfahrzeuge zu einer Erfolgsgeschichte werden sollen.

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