Boysen-Chef Rolf Geisel

"Der Trend zum Downsizing drückt auf unsere Umsätze", gesteht Boysen-Chef Rolf Geisel, ist aber für 2011 optimistisch. - Bild: Boysen

Rolf Geisel, Geschäftsführer des Abgastechnik-Spezialisten Boysen, rechnet für 2011 mit einem weiteren Umsatzwachstum in der Größenordnung von 15 Prozent auf dann 850 Millionen Euro.

Im Gespräch mit AUTOMOBIL PRODUKTION nimmt er Stellung zu Erwartungen, Herausforderungen, Strategien und Visionen im Rahmen der Trends-2011-Umfrage. 2010 funktionierten Produktion und Lieferkette der Altensteiger trotz stark schwankenden Bestellmengen der Kunden praktisch störungsfrei. Persönlich wettet er, dass frühestens in 40 Jahren genauso viel Fahrzeuge mit rein elektrischem Antrieb wie mit klassischem Verbrennungsmotor gefertigt werden.

 

AUTOMOBIL PRODUKTION: Herr Geisel, Post-Automotive- und Post-Finanzkrise 2008/2009, wahrscheinlich die schwerste Zeit seit 1929 und dem Zweiten Weltkrieg, mit Blick in Ihre Auftragsbücher, wie positiv ging 2010 zu Ende, wie wird 2011 für Boysen?
Für Boysen war 2010 – praktisch in jeder Hinsicht – ein gutes Jahr. Wir sind sehr zügig aus der Krise gekommen. Wir erwarten für das am 31. Dezember zu Ende gehende Geschäftsjahr einen Umsatzzuwachs von rund 15 Prozent auf etwa 740 Millionen Euro. 2009 hatten wir noch einen leichten Umsatzrückgang von 1,7 Prozent auf 634 Millionen Euro verzeichnen müssen. Mit anderen Worten: Beim Umsatz liegen wir 2010 voraussichtlich 13 Prozent über dem Wert von 2008.

Auch mit unserem Ergebnis können wir in diesem Jahr zufrieden sein. Wir hatten ja das Glück, sogar im Krisenjahr 2009 schwarze Zahlen zu schreiben. Zwar nennen wir in Bezug auf unseren Gewinn traditionell keine Zahlen. Aber gehen Sie davon aus, dass 2010 in unseren Augen kein gutes Jahr gewesen wäre, wenn sich nicht auch unsere Rendite positiv entwickelt hätte.

Abgerundet wird unsere erfreuliche, zum jetzigen Zeitpunkt aber immer noch vorläufige Bilanz des Jahres 2010 durch unsere hervorragende Lieferfähigkeit. Mit Lieferengpässen, wie sie von manchem Fahrzeughersteller teilweise sogar über die Medien beklagt wurden, hatten wir rein gar nichts zu tun. Im Gegenteil: So reibungslos wie im zu Ende gehenden Jahr haben wir die stark schwankenden Bestellmengen unserer Kunden in der Vergangenheit noch nie abarbeiten können. Produktion und Lieferkette funktionierten praktisch störungsfrei: Unsere Investitionen haben sich gelohnt; unser Produktionsverbund mit optimierten Schnittstellen funktioniert sehr gut.

Aus heutiger Sicht haben wir allen Grund, auch für das kommende Jahr optimistisch zu sein. Wir rechnen für 2011 mit einem weiteren Umsatzwachstum in der Größenordnung von 15 Prozent auf dann 850 Millionen Euro. Besonders erfreulich daran ist, dass dieses Wachstum nicht nur aus dem Ausland kommen wird, wie wir noch bis vor kurzem annehmen mussten, sondern zu gut einem Viertel auch aus dem Inland. Darüber hinaus erwarten wir bei der Zahl der Beschäftigten in der Boysen-Gruppe einen weiteren Anstieg um rund 80 auf insgesamt 1.900 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Prof. Sinn vom Ifo rechnet für Deutschland – nach der vorhergesagten Apokalypse noch vor knapp zwei Jahren – nun mit „biblischen sieben fetten Jahren“. Trifft das Ihrer Ansicht nach zu? Wenn nicht, warum nicht für Sie?
Den Vorhersagen von Prof. Sinn will ich gerne Glauben schenken. Aber im Ernst: Für einen Automobilzulieferer und Abgastechnik-Spezialisten wie Boysen sind sieben Jahre eine sehr lange Zeit. Wenn mir vor sieben Jahren jemand gesagt hätte, dass wir Ende 2010 mit fast 1900 Mitarbeitern an zehn Standorten auf drei Kontinenten einen Umsatz von 740 Millionen Euro machen würden, dann wäre ich damals auch skeptisch gewesen. Natürlich haben wir ein Ziel fest vor Augen, wo wir in fünf bis zehn Jahren stehen wollen.

Aber ob wir es erreichen, verfehlen oder gar übertreffen, kann heute kein Mensch sagen. Dazu ist das Ganze viel zu komplex und die Zahl der Unbekannten in dieser Rechnung viel zu groß. Alles, was über einen Zeitraum von maximal drei Jahren hinausgeht, liegt jenseits unseres Planungshorizonts. Entsprechende Prognosen sind bestenfalls mutig. Als Stiftungsunternehmen und mittelständisch strukturierte Gruppe denken und handeln wir zwar möglichst langfristig und nachhaltig. Gleichzeitig fahren wir immer auf Sicht. Diese Vorgehensweise hat sich bewährt und daran halten wir gerne fest.

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AUTOMOBIL PRODUKTION: Damoklesschwerter wie Rohstoffknappheit, Stichwort seltene Metalle, Währungs-Schwankungen/-Konflikte (Dollarschwäche/Eurostärke), der drohende Double Dip in den USA (verunsicherter Absatzmarkt) – welches sind Ihrer Ansicht nach die wahren Herausforderungen 2011 und darüber hinaus?
International, ökonomisch und politisch gibt es eine Vielzahl von Problemen, Risiken und Unwägbarkeiten, mit denen sich Ihre Aufzählung fast bis ins Unendliche fortsetzen ließe. Was uns als Boysen betrifft, ist die Liste der Herausforderungen deutlich überschaubarer. Trotzdem will jede einzelne davon erst einmal bewältigt werden: unser Themenspektrum erstreckt sich in etwa vom Ingenieurs- und Fachkräftemangel, sich verschärfende Preiskämpfe und steigenden Wettbewerbsdruck bis hin zur weiteren Internationalisierung der Boysen Gruppe.

Angesichts der sich nur schwach entwickelnden europäischen Märkte wächst naturgemäß unsere Abhängigkeit von Wachstumsmärkten wie den USA und China, wobei die Mechanismen dieser Märkte grundverschieden sind. Ein wachsendes wirtschaftliches Risiko insbesondere für Zulieferer sehe ich in der durch Plattformen und Baukastenstrategien bedingten Zunahme von Großaufträgen. Bricht ein solches Volumen einmal weg, kann ein mittelständisches Unternehmen leicht ins Schlingern geraten.

 

Solange es Hybride gibt, braucht es auch konventionelle Abgasreinigungs- und Schalldämpfertechnik: Akustik-Erprobung im Labor in Altensteig/Nordschwarzwald. - Bild: Boysen

AUTOMOBIL PRODUKTION: Stichworte Leichtbau/Downsizing, Integration mobiler (internetbasierter) Technologien/Dienste, E-Mobilität/Hybridisierung bei Fahrzeugen/Materialien: Welche Trends im Automobilbau werden Ihr Produktportfolio mittelfristig wie verändern? Und was will Ihr Kunde?
Der Trend zum Downsizing drückt auf unsere Umsätze, vor allem weil wir als Boysen in der Vergangenheit überdurchschnittlich hohe Marktanteile bei großen Motorisierungen hatten. Die echte E-Mobilität ist nach unserem Dafürhalten noch in weiter Ferne. Ich persönlich wette ja, dass frühestens in 40 Jahren genauso viel Fahrzeuge mit rein elektrischem Antrieb wie mit klassischem Verbrennungsmotor gefertigt werden. Und solange es Hybride gibt, braucht es auch konventionelle Abgasreinigungs- und Schalldämpfertechnik.

Die beiden entscheidenden Faktoren für das Geschäft mit der Abgastechnik sind und bleiben erstens die Emissionsgesetzgebung als Innovationsmotor für noch leistungsfähigere Reinigungstechnologien und zweitens der Kostendruck.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Fokus Deutschland: Ingenieur- resp. Fachkräftemangel, Alterung der Gesellschaft und Rente mit 67, drohende Lohnkostensteigerungen, fehlgeleitete Kundenerwartungen an künftige Elektromobilität, wie schlimm ist es wirklich?
Zu all den genannten Problemen haben wir eine eigene Meinung. Für unser Geschäft als Abgastechnik-Spezialist ist aber lediglich der Ingenieur- und Fachkräftemangel von einiger Bedeutung. Dem begegnen wir durch verstärkte Aktivitäten in den Bereichen Ausbildung, Marketing/Werbung und Employer Branding.

AUTOMOBIL PRODUKTION: VW-Chef Prof. Dr. Martin Winterkorn will bekanntlich Toyota und GM als weltgrößte Autobauer ablösen. Welche Ziele haben Sie sich für 2011 ff. gesetzt?
Unsere Ziele für das Jahr 2011 und darüber hinaus sind die alten: Erstens geht es uns darum, die Zukunft von Boysen zu sichern und zweitens setzen wir alles daran, unsere Arbeitsplätze in Deutschland zu erhalten. Diesen Zielsetzungen ordnen wir alles andere unter.

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AUTOMOBIL PRODUKTION: Und wie wollen Sie diese erreichen?
Wie gesagt: 2010 war für uns ein gutes Jahr. Die Botschaft lautet klar und deutlich: Boysen ist zurück auf Wachstumskurs. Mit Blick auf die mittel- und langfristige Zukunft haben wir 2010 eine Reihe wichtiger Weichenstellungen vorgenommen. Dazu zählt etwa die Fertigstellung des dritten Versuchsgebäudes innerhalb unseres Entwicklungs- und Verwaltungszentrums in Altensteig. In den Neubau haben wir im Zeitraum 2008/2009 rund 18 Millionen Euro investiert – und zwar nicht zuletzt im Hinblick auf unser neues Geschäftsfeld Abgastechnik für Nutzfahrzeuge und Off-Highway-Anwendungen.

Außer in Forschung und Entwicklung haben wir auch einen zweistelligen Millionenbetrag in die Modernisierung und Erweiterung unserer Produktionskapazitäten investiert: Das gilt für unser Montage-vor-Ort-Werk Boysen MVO im niederbayerischen Salching ebenso wie für unsere Produktionsstätten in den USA und in China. In beiden ausländischen Werken haben wir die Produktionsfläche verdoppelt. Darüber hinaus haben wir entschieden, unsere Produktion im Raum Altensteig von Grund auf neu zu ordnen. Der erste Schritt in diesem Reformprozess zur langfristigen Standortsicherung ist die Erweiterung unseres Werkes Turmfeld. Zu den vorhandenen Werksteilen wird bis Mitte 2011 ein dritter hinzukommen. Die vorbereitenden Bauarbeiten sollten Mitte Dezember beginnen.

Drittes Versuchsgebäude im Entwicklungs- und Verwaltungszentrums in Altensteig fertiggestellt: Boysen hat dafür rund 18 Millionen Euro investiert. - Bild: Boysen

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie wirkt sich der dauernd steigende Kostendruck vonseiten der Kunden und der Wettbewerber auf Ihr Unternehmen aus – umsatztechnisch im Hinblick auf Ihr Automotive-Geschäft? Mit welchen Auswirkungen auf bestehende Standorte und die künftige Standortauswahl? Wo planen Sie bis 2015 neue Investitionen, neue Werke? Was heißt das für den Produktionsstandort Deutschland?
Der Kostendruck ist brutal, da gibt es gar nichts zu beschönigen. Andererseits sind wir lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass sich in diesem Punkt nichts zum Besseren verändern wird. Die Entwicklung wird in genau dieser Richtung weiter voranschreiten. Jammern hilft da nicht. Wir werden weiter nach Wegen suchen müssen, mit dem Kostendruck klarzukommen. Unser Erfolgsrezept in der Vergangenheit hieß: dem Kunden nicht nur den besten Preis, sondern darüber hinaus nach Möglichkeit einen technologischen, logistischen oder sonst wie gearteten Mehrwert zu bieten. An dieser Linie werden wir festhalten.

Gegenüber unseren wichtigsten Wettbewerbern haben wir als Stiftungsunternehmen den Vorteil, dass wir nicht auf kurzfristige Renditen fixiert sind, sondern dass wir langfristig denken und handeln können und dass wir vor allem praktisch unseren gesamten Gewinn wieder in die Stärkung unserer Wettbewerbsfähigkeit investieren können. Hinzu kommt, dass wir als Mittelständler immer noch etwas schneller und flexibler reagieren können als ein Großkonzern.

Noch mehr Flexibilität werden wir in Zukunft auch in Bezug auf unsere Produktion an den Tag legen. Und zwar werden wir mit unseren Fertigungsstätten vor allem international konsequent an die Produktions- und Montagewerke der Fahrzeughersteller heranrücken. Das bedeutet, dass wir in einer Reihe von Ländern neue Fabriken errichten werden. Welche das sind, werden wir zu gegebener Zeit kommunizieren. Eine Schwächung des Standortes Deutschland sehe ich darin vorläufig noch nicht. In der aktuellen Konstellation tragen auch die Auslandsaktivitäten dazu bei, Arbeitsplätze im Inland zu erhalten.

Dauerlaufprüfstand: Mittels eines leistungsfähigen Heißgaserzeugers können die Ingenieure und Techniker Neuentwicklungen motorunabhängig erproben. - Bild: Boysen

AUTOMOBIL PRODUKTION: Stichwort Markt-/Einkaufsmacht: Die Verteilungskämpfe innerhalb der Gesellschaften wie zwischen den Staaten/Wirtschaftsmächten werden härter – viel scheint derweil auf ‚Krawall gebürstet‘ zu sein. Auch im Automobilbau kann von den vielbeschworenen Partnerschaften keine Rede sein, eher ist der Tenor: Der Kunde ruft, der Lieferant hat zu gehorchen. Wie entwickelt sich Ihr Verhältnis zu den OEM-Kunden/ zu den Zulieferern? Wird der Ton in der Branche noch rauer? Was bedeutet das für die Zukunft?
Wir stehen alle unter einem enormen Kosten- und Wettbewerbsdruck: die Politik praktisch ebenso wie Automobilzulieferer und Fahrzeughersteller. Natürlich sind wir Zulieferer selbstbewusst genug, dass wir uns manchmal ein Mehr an partnerschaftlichem Miteinander wünschen. Schließlich sind wir alle, Automobilhersteller und Zulieferer genauso wie die Zulieferer untereinander, ein gutes Stückweit aufeinander angewiesen. Ich glaube auch, dass sich diese Einsicht langfristig und auf breiter Front durchsetzen wird. Andererseits wird es immer irgendwo negative Auswüchse geben. Aber auch in unserer Branche gilt, dass zum Glück nicht alles so heiß gegessen wird wie es gekocht wurde.

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AUTOMOBIL PRODUKTION: „Gelbe Gefahr“ – machen Sie sich, macht sich die deutsche Autobranche von China auf Dauer zu abhängig?
Ich glaube nicht. Wir alle wollen von den Chancen profitieren, die sich uns in China bieten. Das bedeutet andererseits auch, dass wir gewisse Risiken eingehen müssen. Die Kunst wird, wie so oft, darin bestehen, das richtige Maß zu finden, nicht übermütig oder gar zu gierig zu werden. Was uns bei Boysen betrifft, sind wir heute schon ganz wesentlich vom Wachstumsmarkt China abhängig. In 2011 wollen wir unseren Umsatz im Reich der Mitte gegenüber 2010 mehr als verdoppeln. Von einer „gelben Gefahr“ zu sprechen halte ich für unpassend und völlig unangebracht. Mit Blick auf den chinesischen Markt und seine Möglichkeiten sehe ich auch mittel- und langfristig eher Gold als Gelb, gerade auch in unserem Kerngeschäft Abgastechnik. Was nämlich Emissionsgrenzwerte und Abgasreinigungstechnologie angeht, werden sich die Chinesen an unseren hochentwickelten Standards orientieren müssen. Daraus können für uns noch enorme Marktchancen erwachsen.

Die Fragen der AUTOMOBIL PRODUKTION stellte Andreas Gottwald