| von Wolfgang Gomoll

Einem Auto, wie dem Porsche 718 RS 60 Spyder begegnet man mit einem gehörigen Schuss Ehrfurcht. Das liegt nicht nur am Wert, der vermutlich einen zweistelligen Millionenbetrag ausmacht, sondern auch an der grandiosen Historie. Mit einem solchen Gefährt demütigte Porsche 1960 bei der legendären Sizilien-Rundfahrt Targa Florio die Konkurrenz und holte die Plätze eins und drei. Am Berg war gegen das 550 Kilogramm Leichtgewicht ohnehin kein Kraut gewachsen. Der Schweizer Heini Walter gewann im 718 RS 60 Spyder die Europa-Bergmeisterschaft 1960 und 1961.

Jetzt dürfen wir den Spyder, von dem nur 19 gebaut wurden, im Rahmen der Wiederauflage des Gaisbergrennens nahe Salzburg artgerecht bewegen. Schon der erste Anblick bestätigt die Vermutung: Die silberne Flunder, unter einem Meter hoch, 3,70 Meter lang, 1,51 Meter breit und mit einem kurzen Radstand für wieselflinke Passfahrten versehen, ist ein Rennwagen, der keinen Spaß versteht. Leichtbau und maximale Leistung, sorgten in der "kleinen" Klasse der Sportwagen-Weltmeisterschaft für Furore.

Dass dies keine leeren Worte sind, merken wir schon beim Hineinschlängeln in den eng geschnittenen Zweisitzer. Die übliche Taktik: An der Cockpitwand und dem Sitz abstützen auf das Bodenblech stellen und die Beine unter dem Lenkrad versenken, wird uns sofort verboten. "Bitte nur auf den Stahlrahmen treten, sonst drückt es uns irgendwann das Bodenblech heraus", macht uns der Porsche-Mitarbeiter freundlich, aber unmissverständlich klar.

Drehzahlen nicht zu tief fallen lassen

Sobald wir uns erfolgreich in der kleinen Sitzschale versenkt haben, nimmt einen die unheimliche Präsenz des Porsche 718 RS 60 Spyder gefangen. Das geht schon beim Schalten los. Die Berg Gämse hat nämlich im Grunde zwei erste Gänge - einen mit Untersetzung (drücken und links nach oben) und dann den nächsten, der einfach nach oben geschoben wird. Also Handbremse rein, die beiden Benzinpumpen mit Hebeln am Armaturenbrett aktiviert, den Zündschlüssel gedreht und sofort erwacht das vielgerühmte Carrera-Triebwerk rasselnd und schnaubend zum Leben. Wer das Gaspedal gleich malträtiert, wird vom Motor einem verächtlichen Vierzylinder-Husten bestraft. Also gemach, gemach und viiiel Gefühl.

Die motorische Empathie zahlt sich aus. Geschmeidig rollt der Rennbolide an und dankt einem die Nachsicht mit erstaunlich gutmütiger Fahrfreude. Die 46er-Weber Doppelfallstromvergaser versorgen die vier Brennräume stets mit genug Luft und die Nadel des Drehzahlmessers klettert genauso behände gen der 7.800 Umdrehungen-Marke, wie der Spyder die kurvige Strecke hinauf. Der lebendige Vierzylinder-Motor gewichtsgünstig vor der Hinterachse platziert, die vertrauensvoll zupackenden Trommelbremsen und die Lenkung machen uns das Leben leicht. Mit jeder Ecke steigt unser Zutrauen in die millionenteure Preziose. Bremsen, Runterschalten Zwischengas und die Drehzahl nicht zu tief fallen lassen und weiter geht es. "Wir haben die Vergaser aufgrund des Höhenunterschieds bei Start und Ziel einem Bergrennen immer auf einen Kompromiss eingestellt", erzählt Rudi Lins, der im 718 RS 60 Erfolge feierte.

Gebührender Respekt

Der 1.6 Liter Vierzylinder-Sauger bringt es auf 118 kW / 160 PS und tobt am liebsten jenseits der 5.000 U/min-Marke. Das maximale Drehmoment von etwa 147 Newtonmetern reicht für das Leichtgewicht und die Hatz um die Kurven, auf die sich der offene Zweisitzer lustvoll stürzt, wie ein Raubvogel auf seine Beute. Beeindruckend, wie leichtfüßig der Porsche um die Ecken wedelt und sich dabei absolut problemlos führen lässt. Nur nicht übertreiben, denn der Porsche 718 RS 60 Spyder ist und bleibt, bei allen guten Manieren, ein reinrassiger Rennwagen, der auch mal auskeilen kann.

Das wollen tunlichst vermeiden. Also bewegen wir den silberglänzenden Veteranen ambitioniert, aber stets mit gebührenden Respekt. Das belohnt der Porsche 718 RS 60 Spyder mit Fahrspaß und Vergnügen, das auch heute noch seines Gleichen sucht. Doch irgendwann ist auch der schönste Tanz vorbei und wir klettern aus dem Cockpit. Dabei stellen wir die Füße auf die Streben des Stahlrahmens, wie es sich gehört.