Der Rahmen hätte passender nicht sein können. Beim Pebble Beach Concours d’Elegance stand ein schimmernder Aston Martin auf dem akkurat geschnittenen Rasen des Golf Kurses. Dort wo die Schönen und Reichen ihr nächstes Spaß-Mobil in Augenschein nehmen, sammelte sich bald eine Menschentraube um den Roadster. Der Kühlergrill, die lange Schnauze, die schmalen Augen und die perfekt platzierten Sicken und Lichtkanten, die sich an der Flanke des Roadsters entlang schlängelten – zogen die Blicke magisch auf sich.

Keine Frage, das Design der Aston Martins gefällt nach wie vor. Und das ziemlich gut. Auch wenn die echten optischen Weiterentwicklungen fehlen. Irgendwie droht Aston Martin das Audi-Syndrom, als sich bei den Ingolstädtern die Optik-Veränderungen an der Dreidimensionalität des Kühlergrills festmachen ließen. Trotzdem: Der Vanquish Volante V12 S verströmt schon im Stand eine elegante Dynamik. Von außen. Lässt man sich in die bequemen Sportsitze sinken, verändert sich die schöne Welt ein wenig. Denn das Interieur wirkt leicht angestaubt.

Dass ein Aston Martin in einer echten Manufaktur entsteht, merkt man am fein gesteppten Leder, das die bequemen Sportsitze mit den Halt gebenden Wangen überzieht. An Leder mangelt es in dem Cockpit nicht. Fühlt sich fein an und sieht auch genauso aus und auch die Carbon-Applikationen passen zu dem schnittigen Briten. Doch mittendrin irritiert billig wirkendes Plastik Hand und Auge. Da sind wir auch schon beim Thema: Das Infotainment-System zeigt eine Grafik, wie sie zu Zeiten der Ur-Playstation, die vor gut einem Jahrzehnt das Maß aller Dinge war: Pixelige Schriften und eine Navigations-Anmutung auf einem aufklappenden kleinen Monitor, die die Grafik des beileibe nicht beeindruckenden Porsche-Lotsen, wie Hightech wirken lässt. Die fein skalierten Rundinstrumente gehen noch als Traditionsbewusstsein durch.

Doch das Ganze verschwindet hinter dem Horizont des Bewusstseins, wenn erst der Schlüssel geschluckt wird (hat was!) und dann der Sechs-Liter-Dampfhammer aus zwölf Kehlen mit der Kraft von 576 PS voller Angriffslust grollt. Per Knopfdruck auf “D” rollt der Vanquish Volante V12 S los. Allerdings muss man schon charakterfest sein, um dem Drängen des Raubtiers unter der langen Motorhaube, das laut tönend darum fleht von der Leine gelassen zu werden, nicht nachzugeben. Dazu kommt, dass das automatisierte sequentielle Schaltgetriebe im reinen Automatikmodus bei jedem Schaltvorgang ein leichtes Nicken provoziert. Das liegt in der Natur der Sache. Also nimmt man beim Volante V12 S sein Glück besser selbst in die Hand, beziehungsweise in die Schaltwippen. Dann macht das Bewegen des formschönen Briten noch mehr Spaß. Stellt man den Vanquish mit der Sport-Taste scharf, straffen sich die adaptive Dämpfer, die Lenkung wird etwas schwergängiger und die Gasannahme direkter. Das dreistufige ESP sollten nur echte Könner am Volant komplett deaktivieren. Denn beim tänzelnden Heck sind im Falle des Falles schnelle Handgelenke gefragt.

Darin lauert die größte Gefahr. Der Akustik-Orkan aus zwölf Töpfen hat Suchtpotential. Jeder Gasstoß mündet in ein lustvolles, kraftvolles Jauchzen, das den folgenden Tornado ankündigt. Um den Aston Martin mit allen Sinnen zu genießen, genügt ein Kickdown. Sobald der Untergrund feucht ist, bekommt der 4,69 Meter lange Sportwagen die Kraft des maximalen Drehmoments von 630 Newtonmetern trotz Transaxle-Bauweise und der Achslastverteilung von 51:49, nicht mehr komplett auf den Boden. Beim engagierten Einlenken in enge Kurven und dem darauffolgenden Herausbeschleunigen, macht sich das Gewicht des V12-Monsters bemerkbar.

In nur vier Sekunden knackt der Volante V12 S die 100-km/h-Marke und erst bei 317 km/h ist Schluss. Der angegebene Durchschnittsverbrauch von 12,8 Liter pro 100 km/h dürfte ins Reich der Fabel verwiesen werden, wenn man den Aston Martin auch nur ansatzweise artgerecht bewegt. Dass das nicht jedem vergönnt ist, liegt am ziemlich knackigen Preis von 268.995 Euro. Klar ist der Aston Martin Vanquish keine Stangenware, aber angesichts des Gebotenen definitiv etwas für echte Liebhaber.

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Wolfgang Gomoll; press-inform