Audi A8

Pionier: das erste Modell mit vollautonomen Möglichkeiten – der Audi A8.

In Ingolstadt möchte man mit aller Macht die belastende Ära, ausgelöst durch den Dieselskandal und dem quälend langen – längst nicht abgeschlossenen – Aufarbeitungsprozess, hinter sich lassen. Darum hat man vor der großen Modelloffensive unter anderem personell neue Weichen gestellt. Vier Vorstände mussten ihre Posten räumen, damit der Neustart mit möglichst wenig Altlasten gelingt. In der Startaufstellung im Kundenwettbewerb stehen neben dem Audi A8 vier weitere Kernbaureihen, die erstmals die Designhandschrift von Marc Lichte zeigen.

Mit dieser Basis will der in der Kritik stehende Vorstandsvorsitzende Rupert Stadler demonstrieren, dass er nach wie vor das Heft des Handelns in der Hand hält. Vor allem aber will er beweisen, dass die „Best“-Marke des Wolfsburger Konzerns nichts vom bislang erfolgreichen Claim „Vorsprung durch Technik“ eingebüßt hat.

Hauptdarsteller für die Erfolgsstory sollen hochautonome Systeme sein – mit Recht eines der Lieblingsthemenfelder Stadlers. Nach der aktuellen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln belegt Audi bei den weltweiten Patentanmeldungen zum autonomen Fahren Platz 2 – weit vor BMW und Daimler.

Das Ergebnis der bisherigen Bemühungen ist eine technologische Glanzleistung. Nicht nur, dass es Audi wieder auf vordere Plätze in Sachen Innovation hieft, das neue Flaggschiff ist das erste Serienfahrzeug der Welt, mit dem durch Einsatz des AI-Staupiloten hochautomatisiertes Fahren auf Level 3 möglich ist. Bedeutet: Bis Tempo 60 übernimmt im Kolonnenverkehr der AI-Staupilot auf Autobahnen und mehrspurigen Kraftfahrstraßen mit baulicher Trennung zur Gegenfahrbahn die Fahraufgabe. Das System managt Anfahren, Beschleunigen, Lenken und Bremsen in seiner Spur. Es beherrscht ebenso anspruchsvolle Situationen wie nah einscherende Fahrzeuge. Die Steuersignale, die der Staupilot zum hochautomatisierten Fahren braucht, erhält er aus dem zentralen Fahrerassistenzsteuergerät (zFAS) und aus einer redundanten Datenfusion im Radarsteuergerät.

Sensorik des neuen Audi A8

Sensorik des neuen Audi A8
Die Sensorik im neuen Flaggschiff: Von 2016 bis Juli 2017 hat Audi 516 Patente zum autonomen Fahren angemeldet. Bild: Audi

Hat der Fahrer den Staupilot mit der AI-Taste auf der Mittelkonsole aktiviert, kann er den Fuß vom Gaspedal und die Hände dauerhaft vom Lenkrad nehmen. Der große Unterschied zu den Systemen der Konkurrenten BMW und Mercedes ist das Wörtchen „dauerhaft“. Bei den dort eingesetzten Systemen des Levels 2 wird der Fahrer nach spätestens 30 Sekunden wieder gezwungen, das Steuer zu übernehmen. Beim A8 wiederum muss der Fahrer unter den geschilderten Bedingungen das Auto nicht permanent überwachen und kann sich, abhängig von den geltenden Landesvorschriften, einer Beschäftigung widmen. Das Audi Virtual Cockpit zeigt derweilen grafisch die Bewegung und das Umfeld des neuen A8 an.

Während der Fahrt überprüft eine Kamera, ob der Fahrer bereit ist, gegebenenfalls das Steuer wieder zu übernehmen. Sie analysiert etwa Position und Bewegung des Kopfes sowie den Lidschlag und generiert daraus anonymisierte Daten. Sind beispielsweise die Augen des Fahrers längere Zeit geschlossen, fordert das System ihn auf, die Fahraufgabe wieder auszuführen. Es erfolgt eine Übernahmeaufforderung in drei Phasen – von optischen und akustischen Warnungen bis hin zur Notbremsung. Steigt das Tempo über 60 km/h oder die Kolonne löst sich auf, teilt der Staupilot dem Fahrer mit, dass er die Fahraufgabe wieder selbst ausüben muss. Ignoriert er dies und die folgenden Warnungen, bremst der A8 kontinuierlich herunter bis zum Stillstand – in seiner Spur.

So sehr Audi mit dem A8 technologisch nach vorne stürmt, die Hoffnung von Audi-Chef Rupert Stadler, mit dem neuen A8 auch beim Absatz den Rückstand auf den Platzhirschen Mercedes S-Klasse und den 7er BMW zu verkürzen, dürfte sich nicht erfüllen. So sieht IHS Markit den A8 in der Spitze bei etwa 43.000 Einheiten, im Durchschnitt der Modelllaufzeit bei unter 40.000 Einheiten pro Jahr. Damit kommt man auf die Hälfte der Absatzzahlen der deutlich älteren S-Klasse. Das deutlichste Defizit sieht Henner Lehne, Senior Director Global Forecasting bei IHS Markit, darin, dass sich das neue Modell optisch „nicht merklich vom Vorgänger abhebt“.

Die konservative Prognose für den Audi A8 begründet Lehne zudem mit der immer noch guten Form der S-Klasse, neuer Konkurrenz wie den Porsche Sport Turismo und der Aufrüstung vieler Hersteller im lukrativen Bereich der Luxus-SUVs. Hier ist Audi mit dem Q8, dessen Produktionsstart für Ende 2018 geplant ist, selbst mit im Boot. Hinzu kommt: Für die Level-3-Fähigkeit erntet Audi zwar Applaus aus der Technologie-Ecke, für die Kunden bleibt das jedoch auf absehbare Zeit ein Feature auf der Wunschliste. Denn, was deren Alltagseinsatz blockiert, sind fehlende Regelwerke, sowohl auf der gesetzlichen Ebene als auch bei den Zulassungsvorschriften. Bislang gibt es lediglich in Deutschland einen gesetzlichen Rahmen, der den Betrieb von Level 3- und Level 4-Fahrzeugen im Serienbetrieb auf öffentlichen Straßen regelt, bei den Zulassungsvorschriften gibt es dazu aber auch hierzulande noch nichts.

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Vor dem Hintergrund der rechtlich ungeklärten Fragen habe man sich bezüglich einer vollumfänglichen Verfügbarkeit des AI-Staupilots bewusst sehr zurückgehalten, gibt Audi-Sprecher Christoph Lungwitz unumwunden zu, schließlich wolle man hier keine falschen Versprechungen machen. Einen zeitlichen Horizont zeichnet Lungwitz nicht auf und nimmt die Sache sportlich: „Es ist Teil der Pionierarbeit, dass wir in der Frage des Zulassungsverfahrens eine Art Schneeräumer für die gesamte Branche spielen.“ Audi bemüht sich um Sondergenehmigungen für die Zulassung des Systems. Das ist eine Ochsentour, muss doch für jedes einzelne Land eine solche Sondergenehmigung erteilt werden. In Deutschland könnte das aufgrund des bestehenden gesetzlichen Rahmens einigermaßen zügig gehen. In den wichtigsten A8-Märkten China und in den USA dürften die Erfolgs-Chancen eher dünn sein. In China gilt als ausgeschlossen, dass die Behörden eine Sondergenehmigung ausgerechnet für ein Exportmodell erteilen werden; in den USA ist das Standing des VW-Konzerns und seiner Premiumtochter nicht gerade so, dass man den Deutschen den roten Teppich bei der Einführung der neuen Technologie ausrollen wird – zumal die US-Konkurrenz selbst an solchen Konzepten arbeitet.

Bis es mit dem Serieneinsatz der Level-3-Technologie soweit ist, können sich die A8-Käufer ab 2018 mit Stau-, Park- und Garagenpilot an die Vorzüge autonomen Fahrens herantasten.