| von Wolfgang Gomoll

Bei den Entwicklern der Audi-RS-Modelle ist offenbar das Lastenheft umgeschrieben worden. Mittlerweile dürfte der Punkt "dicke Backen" in den Top drei angekommen sein. Das hat sich schon beim neuen RS Q8 gezeigt, den die Audianer gerne noch breiter gemacht hätten, doch die Lackierkabine des Werks in Bratislava und vermutlich so manche Waschanlage haben diesem Ansinnen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Beim vergleichsweise schmalen Grundmaß des Audi A4 durften sich die Formengeber dagegen austoben. Mit dem Ergebnis, dass der schnelle Kombi pro Seite drei Zentimeter breiter ist als die Serienversion. Ein RS-Modell soll sich wohl von den zahmen Serienbrüdern auf den ersten Blick deutlich unterscheiden. Und nirgendwo ist das so nötig wie beim A4 und A6 Avant, den Königen unter den Audi-Dienstwagen. Also bekommt auch der A4 Avant eine neue Front mit dem flacheren und breiteren schwarzen Wabengrill, größeren seitlichen Lufteinlässen und serienmäßigem LED-Licht, das für 880 Euro zu Matrix-LED-Scheinwerfer mit abgedunkelten Blenden aufgerüstet werden kann. Diese Investition lohnt sich auf alle Fälle.

Und sonst? Die ganze optische Kraftmeierei ändert nichts am Antriebsstrang mit Quattroantrieb, Sportdifferential (1.350 Euro) und dem 2,9-Liter V6-Biturbo. Der befeuert den 4,78 Meter langen Kombi nach wie vor mit 331 kW / 450 PS und liefert das maximale Drehmoment von 600 Newtonmetern zwischen 1.900 bis 5.000 U/min ab. Das klingt nach Fahrbarkeit - stimmt. Das Fahrwerk mit den Fünflenkerachsen vorne und hinten ist ohnehin nicht von schlechten Eltern, aber wir sagen uns beim RS 4 Avant: wenn schon, denn schon. Also nehmen wir eine Version mit dem RS-Sportfahrwerk inklusive "Dynamic Ride Control" (1.950 Euro) dazu, was den Bewegungen der Karosserie entgegenwirkt. Das kennen wir schon aus anderen RS-Modellen, die dann auch in schnellen Kurven beinahe so liegen wie das berühmte Brett.

Wie bei modernen Automobilen üblich kann man auch den RS4 Avant anhand von verschiedenen Parametern konfigurieren: Neben den klassischen Fahrmodi "comfort", "auto" und "sport" gibt es noch die beiden individuellen Einstellungen "RS 1" und "RS 2", die man direkt am Lenkrad per Knopfdruck aktivieren kann. Also kann man die Lenkung auf komfortabel stellen, den Motor auf sportlich sowie das Fahrwerk auf "ausgewogen" und ist ziemlich schnell unterwegs. Die Audi-Ingenieure verfallen nicht dem Irrglauben, dass die Steuerung eines sportlichen Modellderivats auf Biegen und Brechen so stramm eingestellt sein muss, dass man Bodybuilder-Arme braucht, um am Volant zu drehen. Zwar könnte die elektromechanische Progressivlenkung ein wenig mehr Rückmeldung geben, mit ihr lässt sich der flitzende RS 4 Avant aber zielgenau um die Kurve carven.

Gewicht spielt gefühlt keine Rolle

Generell hat man nicht das Gefühl, in einem 1.745 Kilogramm schweren Kreuzer mit einem Radstand von 2,83 Metern zu sitzen. Dieser RS 4 liegt ausgewogen in der Hand. Klar, wenn man ihn mit Karacho um die Ecke wirft, dann merkt man, dass der Allradantrieb ganz schön zu kämpfen hat. Der Motor baut jenseits der 2.000 U/min guten Druck auf und lässt den Audi in 4,1 Sekunden bis zur 100-km/h-Marke fliegen, ehe die Elektronik bei 280 km/h ihr Veto einlegt. Da macht sich das breite Drehzahlband positiv bemerkbar. Und wenn man es einmal auf der Landstraße wissen will und spät den Anker wirft, dann ist man froh, dass man die optionale Keramikbremse (mindestens 6.000 Euro) auf der Preisliste angekreuzt hat, die hält lange durch. Lediglich der Auspuff ist im "dynamic"-Fahrmodus für unseren Geschmack etwas zu krawallig, denn er übertreibt es mit dem Sprotzeln und Zwischengassalven etwas.

Im Inneren des RS 4 Avant bekommt man davon nicht ganz so viel mit, sondern freut sich über die guten Sportsitze, ausreichend Platz im Fond und einen ebenen Ladeboden. Dass der Kofferraum mit einem Volumen von 495 bis 1.495 Litern nicht die Bestmarke in dem Segment markiert, sollte bei einem Audi RS 4 nicht wirklich stören. Dagegen nimmt man wohlwollend zur Kenntnis, dass das Infotainment mit dem 10,1-Zoll-Touchscreen und dem 12,3 Zoll großen Cockpit ein Update bekommen hat und jetzt wieder zeitgemäßer wirkt. Dazu gehören auch die RS-Anzeigen, die den Rennfahrer in spe mit Informationen, Reifendruck und Drehmoment beziehungsweise Boost versorgen. Uns reicht die klassische Rundinstrumenten-Anmutung und das Head-up Display (980 Euro). Ach ja, da war ja noch was: Ganz billig ist der schnelle Kombi nicht - mindestens 81.400 Euro sollte man dabeihaben.

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