| von Wolfgang Gomoll

Seit 17 Jahren ist der Audi RS 6 Avant der Traum eines jeden Handlungsreisenden. Mit Sakko auf dem Kleiderbügel und hochgekrempelten Hemdsärmeln mit Volldampf über die Autobahn brettern zaubert jedem Dienstwagenlenker ein Grinsen auf das Gesicht. Los ging es mit 450 PS bei der Modellreihe mit dem internen Code C5, ehe sich die Leistung auf rund 600 PS einpendelte. Genau bei dieser Marke legt der aktuelle Audi RS 6 Avant mit 441 kW / 600 PS, die der 4,0 Liter große Biturbo generiert, eine Punktlandung hin. Gut möglich, dass eine Plus-Variante diesen Wert noch überbietet. Allerdings wird es keine Limousine geben; dafür wird der RS 6 Avant erstmals in den USA um die Käufergunst buhlen.

Leistung war noch nie das Problem der RS-6-Modelle. Wenn es um die Ecke ging, offenbarten sich bisweilen Schwächen, etwa beim Audi RS 6 plus der Baureihe C6, der von einem Lamborghini-Zehnzylinder befeuert wurde. Diesem Umstand sind die Ingenieure mit der Allradlenkung zu Leibe gerückt, die schon dem Lamborghini Aventador leichte Füße verpasst hat. Der Kniff funktioniert auch beim RS 6 im Zusammenspiel mit dem Allradantrieb und dem Sperrdifferenzial an der Hinterachse hervorragend.

Der fünf Meter lange Kombi carvt souverän um jede Kurve, egal welchen Radius diese hat. Um die Untersteuerneigung möglichst gering zu halten, fällt die Kraftverteilung des Quattro-Antriebs grundsätzlich 40 : 60 zugunsten der Hinterachse aus. Falls nötig, können 70 Prozent der Antriebskraft nach vorn oder bis zu 85 Prozent nach hinten fließen. Bei der Lenkung haben die Audi-Techniker bei den Konzernkollegen von Porsche genau hingeschaut. Die Steuerung ist leichtgängig, aber dennoch präzise, lediglich im Effizienz-Fahrmodus werden die Rückstellkräfte größer. Apropos Effizienz: Mit der 48-Volt-Mildhybridisierung gönnt sich der schnelle Kombi einen Durchschnittsverbrauch von 11,7 Litern pro 100 Kilometern.

Enttäuschender Klang

Nicht nur in Zuffenhausen haben die Ingenieure abgekupfert: Wie bei den BMW-M-Modellen kann man sich individuelle Fahrprogramms-Konfigurationen auf den RS-Knopf legen und so schnell abrufen. Aber auch mit "Sport" und "Sport plus" ist man ziemlich schnell unterwegs. So macht der RS 6 Avant Spaß und der 2.075 Kilogramm schwere Kombi legt beeindruckende Fahrleistungen hin: Nach 3,6 Sekunden knackt er die 100-km/h-Marke und schafft sogar 305 km/h, wenn diese freigeschaltet sind. Das ist jetzt auch mit der Luftfederung möglich, was bisher nicht der Fall war und das Dynamic-Ride-Control-(DRC)-Fahrwerk ist als Zugfahrzeug eines Gespanns einsetzbar. "Der RS 6 Avant ist unser Superheld mit Anhängerkupplung", schmunzelt Designer Andreas Joachim Koglin. Über 30 Assistenzsysteme sorgen dafür, dass der Superheld auf der Straße bleibt und der Fahrer sich im Kolonnenverkehr entspannen kann.

Das Kryptonit dieses Supermans sind aber die Abgasnormen. Das merkt man an einem kleinen Turboloch und dem angesichts der aggressiven Optik ziemlich zurückhaltenden Motorenklang, der aus den monströsen Auspuffrohren entweicht. Der Audi RS6 Avant ist nicht nur pro Seite 40 Millimeter breiter als der Normalo-Avant, das Top-Modell der A6-Reihe scheint mit dem riesigen weit aufgerissenen Kühlergrill, flankiert von großen Nüstern / Lufteinlässen, den Asphalt förmlich aufzusaugen. Unter den weit ausgestellten Radläufen finden sogar 22-Zoll-Walzen Platzt. Dass dieser Flankengummi-Minimalismus nicht in eine prügelharte Abstimmung mündet, die die Zahninlays auf eine harte Probe stellt, ist der gut abgestimmten Luftfederung zu verdanken. Die ist mit einem steiferen Luftbalg als beim Audi S6 und neuen Dämpfern von ZF ausgestattet, deren Ventilblock schneller reagiert als bisher. Damit schafft dieses Fahrwerk den anspruchsvollen Spagat zwischen Sportlichkeit und Langstreckentauglichkeit, was gerade bei den notorisch schlechten US-Straßen hilfreich ist. Aber auch das optionale DRC-Fahrwerk ist nicht zu kompromisslos sportlich abgestimmt, wenngleich es straffer ist als die Luftfeder. Jetzt muss der eilige Vertreter nur noch die 117.500 Euro auf den Tisch legen.