Wer sich über das alltägliche Verkehrschaos in Großstädten wie Paris, Berlin und London beschwert, oder traumatisch an volle Highways im Großraum Los Angeles denkt, hat noch keinen Tag auf Chinas Straßen verbracht. In den namenlosen Millionenagglomerationen gehört der alltägliche Megastau ebenso zum Alltag wie in den Metropolen Shanghai, Peking oder Hangzhou. Die genauen Einwohnerzahlen sind dabei allenthalben weitgehend unbekannt. Statt der kommunizierten 25 Millionen Einwohner soll zum Beispiel Peking inoffiziell deutlich mehr als 45 Millionen haben - und ist damit im asiatischen Land der unbegrenzten Möglichkeiten noch nicht einmal die Nummer eins. Der Verkehrsinfarkt ist zwischen sieben Uhr morgens und 23 Uhr abends Normalität.

So beschaulich und entspannt es außerhalb der großen Zentren auf Autobahnen und Landstraßen zugeht, so überfüllt sind die Straßen in den Städten selbst. Der Chinese steht durchschnittlich 1,6 Stunden pro Tag im Stau. Liegt die Durchschnittsgeschwindigkeit im deutschen Straßenverkehr bei 50 km/h, stockt es in China bei gerade einmal Tempo 29. Kein Wunder, dass das eigene Mobiltelefon bei Fahrern wie Passagieren wie in der Hand festgewachsen scheint. Die Bedeutung des Smartphones ist weit größer als in westlichen Hemisphären. Dabei spielt das Telefonieren im Auto eine eher untergeordnete Rolle. Vielmehr bilden die prachtvoll illuminierten Hightechdisplays von Huawei, Samsung oder Apple das Tor in die weite (China-)Welt. Hier werden im Minutentakt die Verkehrslage gecheckt, Musik heruntergeladen, Nachrichten gelesen und via WeChat kommuniziert.

Das chinesische Pendant zu WhatsApp ist vielmehr als eine Möglichkeit, nur Nachrichten und Bilder zu verschicken. WeChat hat bei Mobilfunkteilnehmern eine Marktabdeckung von 100 Prozent. Besonders wichtig ist dabei die Bezahlfunktion, denn egal ob Mittagessen, Kartenbestellung, Taxinutzung oder die Bezahlung der Autobahnmaut - alles geschieht per WeChat. Kreditkarten werden zumeist gar nicht mehr akzeptiert und wer an der Tankstelle mit einem Bündel Geldscheine zum Bezahlen bezahlt, wird vom freundlichen Tankwart verwundert angeschaut. Englisch hilft einem im Alltag genauso viel wie eine Schneeschaufel in der Arktis. Der Liter Kraftstoff ist mit rund sieben RMB - umgerechnet einem Euro - günstiger als in Europa und damit teurer als in den USA.

Limousinen mit langem Radstand

Wer in China etwas auf sich hält, fährt ein europäisches Premiumprodukt. Bei der Jagd nach den höchsten Verkaufszahlen liefern sich Audi, BMW und Mercedes mit jeweils knapp 600.000 Fahrzeugen pro Jahr ein enges Rennen. Ein Hersteller wie Mercedes produziert dabei rund 70 Prozent seiner Fahrzeuge lokal. Der Grund sind die 25prozentigen Strafsteuern für Importfahrzeuge, die in nächster Zeit reduziert werden sollen. Gemessen an der Einwohnerzahl ist Autodichte deutlich geringer als in Deutschland oder den USA. Kaum mehr als 70 Auto kommen auf 1.000 Einwohner. In den USA ist die Zahl mehr als zehnmal so hoch; in Deutschland hat sie immer noch den Faktor neun. Doch beide Märkte sind im Gegensatz zu China gesättigt - kein Wunder, dass China längst zur größten Autonation der Welt geworden ist und die Zuwachsraten trotz zunehmender Probleme steigen. Wenn schon ein europäisches Luxusprodukt, dann am besten eine Limousine aus deutscher Produktion. Diese werden in China durchweg mit langem Radstand angeboten, weil der der lokale Kunde es nicht nur gerne edel, sondern auch eine Nummer größer mag. Den Einstieg in die Familienliga bilden dabei Modelle wie die verlängerten Versionen von Mercedes C-Klasse, Audi A4 oder BMW 3er. Wer mehr Luxus will, gönnt sich die größeren Brüder mit noch mehr Komfort.

Erfreuten sich in den vergangenen drei Jahren insbesondere klassische Limousinen einer großen werdenden Nachfrage, so dreht sich dieser Trend gerade um. Wie überall anders in der Welt führt am SUV kein Weg mehr vorbei. "In den nächsten fünf Jahren wird der SUV-Anteil in China auf rund 60 Prozent wachsen", so Skoda-Marketing-Vorstand Alain Favey. BMW bietet bereits einen verlängerten X1 an und Audi stellte jüngst den Q5 L vor. Mercedes, Jaguar Land Rover und Volvo dürften zeitnah folgen. Das Durchschnittsalter eines Premiumneuwagenkäufers liegt bei 35 Jahren - 20 Jahre jünger als zum Beispiel in Deutschland. "25 Prozent der Kunden kaufen sich bei uns zum ersten Mal ein Auto", sagt Andreas Stockhege, der seit Jahren im Daimler-Entwicklungszentrum in Peking arbeitet, "selbst zehn Prozent unserer S-Klasse-Kunden hatten zuvor gar kein Fahrzeug." Eine noch größere Nummer ist in China Volkswagen. Die Wolfsburger waren 1984 die ersten, die mit ihrem Mittelklassemodell Santana die Volksrepublik enterten und abgesehen von aufkommenden inländischen Marken wie Geely, BYD, Brilliance und Co. das Straßenbild prägen. Die meisten Chinesen sind nach wie vor mit dem Roller unterwegs, der nur noch elektrisch betrieben werden darf. Das sorgt für eine überraschend angenehme Ruhe im Verkehr. Eigene Fahrräder haben zumindest in den Metropolen ausgedient. Hier greift man - natürlich via WeChat - auf ein Mietfahrrad zu und stellt es nach dem Gebrauch einfach ab. Das ist Mobilität - irgendwo zwischen 3.0 und 4.0 und damit ideal für die "Chinese Digital Generation".

Komplette Überwachung

Doch Stau hin und scheinbares Verkehrschaos her - der Chinese ist gerne im Auto unterwegs; ist der fahrbare Untersatz doch ein Stück Freiheit in einem weitgehend reglementierten Staat. Die Überwachung ist auch im Auto an der Tagesordnung. Auf den Autobahnen gibt es zumeist alle paar hundert Meter Überwachungskameras. Die einen messen das Tempo, andere die Verkehrssituation, Gefahrenlagen oder scannen die Nummernschilder. So wird man selbst auf abgelegenen Landstraßen niemals unentdeckt und kann jederzeit aufgefunden werden. Wer zu schnell fährt, dem macht das chinesische Punktesystem ähnlich zu schaffen die Verkehrssünderkartei in Flensburg. Ab sechs Punkten wird es kritisch und bei zwölf Punkten war es das mit dem Führerschein. Keine Überraschung, dass die Tempolimits von 60 km/h innerorts, 80 km/h auf Landstraßen und Tempo 120 auf der Autobahn nur selten deutlich überschritten werden. Immerhin teilt einem das Navigationssystem Lage und Art der Kontrollen peinlich genau mit.

"In Shanghai läuft ein Modellversuch, bei dem das Verkehrsvergehen direkt an die Mobilnummer des Fahrers gegeben wird und dieser noch im Auto seine Strafe per Mobiltelefon bezahlen kann", berichtet Daimler-Mann Andreas Stockhege von der nächsten Überwachungsstufe. Angesichts des hohen Verkehrsaufkommens und der unnachgiebigen Fahrweise überrascht die vergleichsweise geringe Zahl der Unfälle. Dabei ist es nicht ungewöhnlich, dass einem selbst auf überfüllten Straßen ein Rollerfahrer entgegenkommt oder in dritter Reihe im Gegenverkehr überholt wird.

Undenkbar, dass einen zum Beispiel beim Abbiegevorgang jemand in eine Fahrlücke lassen würde. Doch man gewöhnt sich schnell an die Egomanie und wer ähnlich ichbezogen seine Bahnen im Straßenverkehr zieht, hat keine Probleme. Immerhin: in China gilt die 0,0-Promille-Grrenze. Wer trinken will, bestellt sich den Fahrdienst Didi Chuxing, nimmt das Taxi, das zu Stoßzeiten allenfalls zu ersteigern ist oder lässt sich von einem Fahrer mit dem eigenen Auto nach Hause bringen.

In die großen Städte einfahren darf man nur mit dem rechten Kennzeichen. Zumeist an einem Tag in der Woche ist die Einfahrt in die jeweilige Millionenmetropole je nach entsprechender letzter Kennzeichenziffer verboten. Viele machen es trotzdem; hoffen durchzurutschen oder zahlen die Strafe von umgerechnet 30 bis 70 Euro. Für längere Strecken innerhalb des Landes bietet sich nicht nur das Flugzeug, sondern auch der Zug an. Im Gegensatz zum Schienenverkehr in Europa ist alles sauber, schnell und pünktlich. Von den Chinesen lässt sich eben doch einiges lernen.