| von Wolfgang Gomoll

Die Zeiten, in denen die chinesischen Autobauer tumb die Designs der europäischen Autobauer abkupferten, sind vorbei. Zwar findet man auf dem einen oder anderen Messestand noch Automobile, die einen frappierend an einen Mercedes, Land Rover oder Porsche erinnern, aber für die automobilen und technologischen Big Player im Reich der Mitte zählt nur noch die von der Staatsführung ausgegebene Prämisse: Von China für die ganze Welt. Dementsprechend rücken zunehmend Tech-Giganten wie Apple und Google in den Fokus. Die chinesischen Konzerne wollen vor allem bei den Zukunftstechnologien ganz oben mitspielen. Also will auch der Elektronikhersteller Xiaomi, dessen Produktpalette von Smartphones bis hin zu Saugrobotern reicht, ein Auto auf den Markt bringen. Das hat der Gründer des Konzerns Lei Jun bereits bestätigt.

Da will Konkurrent Huawei nicht zurückstehen und investiert eine Milliarde US-Dollar in das autonome Fahren. Auf der Shanghai Auto Show 2021 steht mit dem Arcfox Alpha S HBT (HBT steht für "Huawei Bluepark Together") ein Fahrzeug, das die Lidar-Technik des Technikkonzerns und dessen Unter-Division "Huawei Intelligent Automotive Solution" (IAS) nutzt. Das ist erst der Anfang: Eine enge Zusammenarbeit zwischen der BAIC Group, deren Untermarke Arcfox und Huawei ist auch in Zukunft geplant. Auch beim Start-up Seres ist Huawei mit an Bord. Das Elektroauto Seres Huawei Smart Selection SF5 bekommt die Technologiespritze des chinesischen Technik-Konzerns.

Mit Xpeng (voller Name Xiaopeng Motors) bringt ein weiteres Elektro-Start-up bereits sein drittes Auto nach Shanghai. Die kompakte BEV-Limousine P5 bietet unter den Namen XPilot 3.5 autonome Fahrfunktionen. Das System besteht aus 32 Wahrnehmungs-Sensoren, zwei Lidar-Einheiten, zwölf Ultraschallsensoren, 13 hochauflösenden Kameras, Fünf-Millimeterwellen-Radargeräten und einem hochpräzisen GPS-Sensor.

Infotainment wird auch bei Chinas Herstellern wichtiger

Der klassische Autobauer Geely will den US-Amerikanern aus dem Silicon Valley mit seinem EV-Derivat Zeekr den Rang ablaufen. Das Unternehmen soll als eigene Geschäftseinheit fungieren und sowohl von Geelys Expertise als klassischer Autobauer profitieren als auch bei der Hightech konkurrenzfähig sein. Ein simples Elektroauto zu bauen, genügt den Kunden auf dem Heimatmarkt nicht mehr. Deswegen sollen die Zeekr-Autos immer wieder mit Software-Updates auf den neuesten Stand gebracht werden. Um beim autonomen Fahren Schritt zu halten, holt sich Geely Baidus automotiven Ableger Apollo, der auch mit Ford und GAC zusammenarbeitet, ins Boot. Der erste Vertreter dieser Gattung, der Zeekr 001, wird im National Exhibition and Convention Center (NECC) in Shanghai dem breiten Publikum vorgestellt. Der ansehnliche 4,97 Meter lange rein elektrische Shooting Brake soll mit einer Akku-Ladung 700 Kilometer weit kommen.

Auf das Infotainment legen die Chinesen ohnehin nach wie vor gesteigerten Wert. Und auch bei den Karosserien bleibt alles beim Alten. Neben den prestigeträchtigen Limousinen sind nach wie vor SUVs bei den Chinesen sehr gefragt und die einheimischen Hersteller haben ein Händchen für eingängige Markennamen. Nach solchen Stilblüten wie Weltmeister (WM Motor Technology) oder General Patton (SUV-Tuner) legt jetzt der Autobauer und BMWs Joint-Venture-Partner Great Wall bei seiner Premium-Marke "Wey" nach und rollt den Cyber Tank 300 auf den Stand. Dabei handelt es sich um eine aufgepeppte Variante des Tank 300 aus dem vergangenen Jahr, das gegen G-Klasse und Defender 110 antritt. Im Cockpit sind die Ähnlichkeiten mit den Mercedes-Modellen aufgrund der großen senkrecht stehenden Bildschirme und den Propeller-Luftdüsen unübersehbar. Ora, eine andere Great Wall-Tochter, die sich auf rein elektrische Automobile spezialisiert hat, will mit ihren elektrischen Automobilen den Sprung nach Europa schaffen. Auf der Shanghai Auto steht eine moderne Interpretation des VW-Käfer-Designs, die ebenfalls auf Great Walls Elektroauto-Plattform ME basiert.

Die FAW-Tochter Hongqi lässt ihren Ankündigungen Taten folgen und präsentiert stolz das Hypercar S9, dessen Prototyp 2019 auf der IAA in Frankfurt schon für Aufsehen gesorgt hat. Die China-Flunder will die Konkurrenz mit 1.030 kW / 1.400 PS vor sich herjagen und in weniger als zwei Sekunden von null auf 100 km/h beschleunigen. Dank der V8-Hybrid-Power ist der Hongqi S9 bis zu 400 km/h schnell. Die ersten 99 Exemplare sollen im nächsten Jahr an die Kunden ausgeliefert werden. Deutlich kleiner präsentiert sich auf der Auto China das kleinste Elektroauto. Wuling, Kooperationspartner von General Motors, präsentiert auf der Messe die neueste Version seines Mikromodells Hong Guang MINI EV Macaro. Der gerade einmal 37.600 RMB (rund 3.500 Euro) teure Kleinwagen mit seinem 20-kW-Motor und einer Länge von 2,92 Metern spielt in der Smart-Liga - natürlich rein elektrisch. Immerhin 100 Kilometer schnell schafft der 2+2-Sitzer eine Reichweite von 170 Kilometern. Aufgeladen wird jedoch ausschließlich an einer 220-Volt-Steckdose.

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