| von Wolfgang Gomoll

Seit dem Dieselskandal ist der Status des Automobils als des Deutschen liebstes Kind arg ins Wanken geraten. Damit nicht genug: Die COVID-19 Pandemie schädigt die Kaufkraft der Kunden enorm. Hunderttausende von Neuwagen und etliche Gebrauchtwagen stehen sich auf den Höfen der Automobilhäuser die Räder platt. Der Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK) beziffert allein den Wert der Neuwagen auf rund 14,8 Milliarden Euro.

Die Forderung des Sprachrohrs der deutschen Autohändler ist eindeutig. "Wir brauchen eine schnelle Entscheidung der Politik für eine Kaufprämie, die auf jeden Fall Neufahrzeuge und junge Gebrauchte mit umweltfreundlichen Verbrennungsmotoren der aktuellsten Schadstoffnormen einbeziehen muss", sagt ZDK-Vizepräsident Thomas Peckruhn und fügt alarmierend hinzu: "Die momentane Hängepartie verschlechtert zusehends die Lage im Handel." Der Automobilhändler-Verband unterstreicht diese Alarmstimmung mit handfesten Zahlen: Die Anzahl der Standtage für Gebrauchtwagen ist im April im Vergleich zum Vorjahresmonat um 17,2 Prozent auf durchschnittlich 109 Tage angestiegen. Laut Berechnungen der Deutschen Automobil Treuhand (DAT) fallen im Automobilhandel Kosten von 28 Euro pro Tag und Fahrzeug an. Doch das Konjunkturpaket der Bundesregierung in Höhe von stattlichen 130 Milliarden Euro bringt weder Autohändlern noch Herstellern ernsthafte Entspannung. Eine Abwrackprämie wie vor rund zehn Jahren in der Finanzkrise ließ sich politisch diesmal nicht durchdrücken. Anders als von vielen erwartet, gab es allein eine Verdoppelung der Kaufprämie von Plug-In-Hybriden und Elektroautos bis 60.000 Euro und eine bis zum Ende des Jahres befristete Mehrwertsteuersenkung um drei Prozent. Gut für den einzelnen, aber alles andere als Entspannung für die Autohändler, denn die Höfe stehen voll mit Fahrzeugen. Die meisten Kunden wollen jedoch kein Elektroauto, sondern einen Diesel oder Verbrenner - und diese profitieren vom Konjunkturpaket nicht.

Für den CDU-Europaabgeordneten Dennis Radtke sind jetzt die Automobilhersteller gefordert, den Kurs gegenüber den Autohändlern und den Zulieferern zu korrigieren. Im Umgang mit diesen beiden Partnern würden "seit Jahren Risiken verlagert und die Marktmacht in einer Weise ausgenutzt, die ich für schäbig halte", klagt Radtke. Angeblich sei von einigen Händlern zu hören, dass die Verkaufsziele der Hersteller nicht korrigiert würden, obwohl der Markt zusammengebrochen sei. Eine Rabattschlacht würde weiteres Öl in das Feuer gießen. "Angesichts der ohnehin schon schmalen Margen im Handel und zusätzlich der krisenbedingten Atemnot der Betriebe wäre das Anzetteln von Rabattschlachten gerade jetzt kaufmännisch verantwortungslos und nähme für viele Betriebe ein schlimmes Ende", so Peckruhn.

Konzerne verlängern Haltedauer

Fragt man bei Autohändlern nach, stößt man auf eine Mauer der Verschwiegenheit und diese Trutzburgmentalität zieht sich durch alle Marken und Größen des Autohandels. "Wir machen da grundsätzlich keine Aussagen", heißt es unisono. Die ungewöhnliche Reserviertheit der Autohäuser zeigt, wie tief die Verunsicherung sitzt. Keiner will die Hand beißen, die ihn füttert. Selbst wenn die Stücke immer kleiner und die Schläge immer härter werden. Die Gefahren lauern überall. "Richtig bedrohlich werden können aber Rücknahmeverpflichtungen aus Flottengeschäften, wenn diese zu einem ungünstigen Zeitpunkt und in größeren Mengen erfolgen. Da hilft dann nur ein Gespräch mit dem Flottenkunden, um die Rücknahmen zum Beispiel über einen längeren Zeitraum zu strecken", weiß Arthur Kipferler von der Strategieberatung Berylls.

Bei VW versucht man alles, um diesen drohenden Blech-Tsunami zu verhindern, und fegt dabei erst einmal vor der eigenen Tür. Wie die Automobilwoche berichtet, hat der niedersächsische Autobauer die Haltedauer seiner rund 30.000 Dienstwagen von acht auf 15 Monate erhöht. Diese Regelung betrifft aber nur Modelle, die in der Gunst der Autofahrer nicht so weit oben rangieren. Anders schaut die Sache bei elektrifizierten Gebrauchtwagen aus, die heiß begehrt sind. Dazu zählen E-Up, E-Golf sowie die Hybride Golf GTE und Passat GTE. "Die Maßnahme ist unseres Erachtens eher beruhigend, als beunruhigend da der Druck so etwas vom Markt genommen wird. Außerdem führt die zeitlich angepasste Angebotssteuerung dazu, dass der Wiederverkauf - entsprechend den makroökonomischen Prognosen - unter deutlich günstigeren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stattfinden kann. Insgesamt ist die Maßnahme daher gut nachvollziehbar und aus Restwertüberlegungen sinnvoll", erklärt Maarten Baljet, der Geschäftsführer von BF Analytics.

Kunden wollen wieder mehr Individualverkehr

Offenbar ersticken nicht alle Händler unter der Blechlawine. Manche Autoverkäufer leiden unter einer Unterversorgung. "Nach unseren Beobachtungen ist die Schwemme kein allgemeines Phänomen - wir kennen Händler, die eher vor einer "Dürre" und Unterversorgung mit wichtigen Modellen Angst haben. Schließlich können Kundeninteresse und Auftragseingang ohne Neuwagenlieferungen keinen Umsatz erzeugen", zeigt Arthur Kipferler die Kehrseite der Medaille auf, die aufgrund des Produktionsstopps in den Werken für manche Autohäuser zum Problem wird.

Vom Nachschubmangel betroffen sind auch die Händler, die früh auf den Onlinevertrieb gesetzt haben und so das Geschäft am Laufen gehalten haben. Das zwiespältige Bild setzt sich bei den Gebrauchtwagen fort, da manche Kunden aufgrund der COVID-19 Pandemie vor einer Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel zurückschrecken und sich jetzt ein Auto holen wollen, obwohl sie vorher keines hatten. "Umfragen zeigen, dass auch viele derzeit autolose Führerscheininhaber wieder oder sogar erstmals einen Fahrzeugkauf erwägen", erklärt Arthur Kipferler.

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