Denn gusseisernen Bentley-Jüngern dürfte beim Anblick des neuesten Bentaygas vor Entsetzen der Cognac-Schwenker aus der Hand fallen. "V8 Diesel" prangt da in großen Lettern auf der Flanke. Noch vor ein paar Jahren war es für die Fahrer der englischen Edelmarke undenkbar, dass Bentley einen solchen "Unterschichten-Motor" in seinen Modellen anbieten würde. "Diesel, recht schön und gut, aber bitte nicht in einem Bentley", lautete die Attitüde. Dieses Alleinstellungsmerkmal ist nun obsolet. Der Bentayga ist der erste Bentley, der von einem Selbstzünder angetrieben wird.

Damit die Fahrleistungen auch standesgemäß sind, haben sich die Ingenieure aus Crewe kräftig bei Audi, um genau zu sein beim SQ7 TDI, bedient. Ein Vierliter-V8-Biturbo befeuert den Luxusdampfer mit 320 kW / 435 PS und einem maximalen Drehmoment von 900 Newtonmetern. Zu dem Ingolstädter Paket gehört auch ein elektrischer Verdichter, der lediglich 250 Millisekunden braucht, um loszulegen. Die Konsequenz: Bereits bei 1.000 Umdrehungen kann der Fahrer aus dem vollen Drehmoment schöpfen. "Wir sind mit diesem Motor lediglich 1.000 Umdrehungen von der Elektromobilität entfernt", schmunzelt Bentley-Chef Wolfgang Dürheimer. Der Allgäuer hat allen Grund zur Zufriedenheit: Dank des Bentaygas legt Bentley in Europa im zweistelligen Prozentbereich zu und wird dieses Jahr etwa 5.900 Autos verkaufen. Um die große Nachfrage zu befriedigen, müssen die Arbeiter in der englischen Fabrik Extra-Schichten schieben und erstmals bis Silvester durcharbeiten. Wer einen Bentayga will, muss rund vier Monate auf sein Exemplar warten. "Der Individualisierungsgrad ist bei unseren Kunden extrem hoch. Auf dem Band sehen Sie nie zwei identische Autos hintereinander", erklärt der Bentley-Chef.

Doch Bentley wäre nicht Bentley, wenn es nicht einen Unterschied zu dem Volks-V8 im Audi SQ7 TDI gäbe. Schließlich ist der Briten-Luxusliner mit einem Basispreis von 174.335 Euro fast doppelt so teuer wie der Ingolstädter Bruder. "Wir haben den Motor gezüchtigt", erklärt Dürheimer. Durch die Regulierung und Anpassung von Kraftstoffmenge und Kraftstoffdruck sowie jeder Menge Dämmmaterial läuft der Achtender im Bentayga akustisch extrem zurückhaltend, dreht sehr geschmeidig hoch und meldet sich nur bei einem Kickdown zur Wort. Wie der Audi SQ7 TDI braucht der Bentley 4,8 Sekunden, bis er Landstraßentempo erreicht, distanziert den deutschen Verwandten aber mit einer Höchstgeschwindigkeit von 270 km/h um 20 km/h. Für die Gusseisernen bedeutet das nur, dass der Bentayga immer noch der langsamste Bentley ist. Der Normverbrauch von 7,9 Litern pro 100 Kilometer wurde bei den ersten Testfahrten mit 12,3 l/100 km deutlich überboten.

Luxuriöser Innenraum

Dank Kniffen wie der blitzschnellen elektrischen Wankstabilisierung und einem Allradantrieb zeigt das Edel-SUV aber in freier Wildbahn, was es kann. Auch wenn der Bentayga nicht ganz so spitz ausgelegt ist wie der Audi, geht es in den Kurven derart schnell um die Ecke, dass sich so mancher Pkw-Fahrer beim Versuch, zu schauen, was ihn da gerade verblasen hat, den Hals verrenkt. Doch bei einem Lebendgewicht von rund 2,5 Tonnen stößt jede Technik an ihre Grenzen. Wenn man mit dem Bentayga frei feuert, schiebt er gleichmäßig über alle vier Räder nach außen und die ESP-Lampe blinkt wie ein Discotheken-Stroboskop in den 1970ern. Die leichte Untersteuerneigung bei engen Kurven dürfte an den montierten Ganzjahresreifen liegen. Die Fahrmodi sind komfortabler ausgelegt als beim SQ7 TDI und die Lenkung ist präzise, aber bentleytypisch auch im Sportmodus nicht allzu schwergängig.

Der Innenraum verströmt Luxus aus jeder Lederpore. Das Beste ist nur gut genug. Die Stiche der Nähte sind exakt gesetzt, die Massagesitze haben den Komfort eines Vitra-Loungestuhls und die Instrumententafel strotzt nur so vor Klavierlack und Chromapplikationen. Da passt es nicht ins Bild, dass die Kopfstützen beim gefahrenen Modell nicht elektrisch zu verstellen waren und der USB-Anschluss in der Armlehne nicht beleuchtet ist. Letzteres bietet sogar der Audi A4. Wer um die 200.000 Euro für ein Auto hinlegt, erwartet aber auch konsequenten Luxus. Die fehlende Matrix-Funktion beim LED-Licht hat einen Designgrund: Die Scheinwerfer sollen mit den kreisrunden Punkten ein Gesicht wie ein Diamantring zeichnen, damit man einen Bentley überall auf der Welt als solchen erkennt. Für viele wird es heißen: "Nur anschauen, nicht fahren", denn der Testwagen kostete unter dem Strich: 254.993,20 Euro. Allen Bentley-Puristen sei verraten, dass voraussichtlich nur 15 Prozent der Bentaygas einen Diesel unter der mächtigen Motorhaube haben werden - gute Nachrichten für alle Cognac-Schwenker.