Auch mit seinem doppelt aufgeladenen V8-Triebwerk inklusiv weich säuselnder 512 PS ist der Bentley Mulsanne Extended Wheelbase ein langsames Auto - ein geradezu betuliches. Es dauert nicht enden wollende 400 Stunden, ehe sich das Topmodell aus dem Hause Bentley derart majestätisch präsentiert, um die erlauchte Kundschaft auf der ganzen Welt begeistern zu können. Allein in 150 Stunden wird dem Innenraum im Stammwerk Crewe, einer Orgie aus Leder, Holz, dezenten Lichtelementen und einer Vielzahl von Schaltern vollste Aufmerksamkeit geschenkt. Die 125 Standardlackierungen werden Schicht für Schicht aufgebracht und anschließend in einer zwölfstündigen Politurprozedur hollywoodreif in Szene gesetzt.

Mit 5,83 Metern ist die Langversion des Bentley Mulsanne als Extended Wheelbase eine der längsten automobilen Pralinen, mit der man die eigene Einfahrt verzieren kann. Wo ein Mulsanne auftaucht, gehen Köpfe und Augenbrauen gleichermaßen hoch; es wird getuschelt, fabuliert, gerätselt. Ein derartiges Schlachtschiff sieht nicht nur in Kontrastlackierungen wie Damson over Tungsten oder Rose Gold over Magnetic stark nach Staatsgast, Oligarch oder Showsternchen aus. Ein Mulsanne fährt nicht einfach, er gleitet - mondän, elitär und nicht zuletzt nach der gründlichen Überarbeitung - souveräner als je zuvor. "Unser Mulsanne ist Benchmark", unterstreicht Markenchef Dürheimer, "daran kommt aktuell keiner ran." Wie auch? Rolls-Royce hat seinen Phantom als einzigen Konkurrenten in den vorzeitigen Ruhestand geschickt. Der Nachfolger säuselt erst 2018 heran.

Der ehemalige Einzeldarsteller Mulsanne ist längst zu einem Triumvirat geworden. Neben dem normalen Luxusmodell, was insbesondere in den USA und Europa punkten soll, strahlt der 537 PS starke Mulsanne Speed, der mühelos die 300-km/h-Marke knackt. Über den Dingen zu schweben scheint dagegen die Topversion des Mulsanne Extended Wheelbase mit einem um 25 Zentimeter verlängerten Radstand (3,52 Meter). Der belederte Fond wird damit so groß wie eine rasende Einzimmerwohnung; perfekt klimatisiert, mit Liegestühlen für maximale Entspannung, einem voll vernetzten Touch-Screen-Infotainment, ausfahrbaren Bildschirmen und einem Oberlicht, das auch Sonne ins Innere bringt, wenn die blickdichten Gardinen geschlosen wurden. Pfiffig: die ausfahrbaren Bildschirme lassen sich als Tablets mit einem Handgriff entnehmen und mit zum Termin nehmen. Geht doch! Da werden selbst Lücken bei den Fahrerassistenzsystemen und die ein oder andere Bedienschwäche verziehen.

Von unten heraus

Die standesgemäße Motorisierung sei beim Mulsanne EWB nur am Rande erwähnt. "Das V8-Triebwerk mit seinen 6,75 Litern Hubraum hat seine Anfänge rund ein halbes Jahrhundert zurück", sagt Produktdirektor Sam Graham, "es bietet Hightech, Performance und ist absolut auf dem neuesten Stand." 377 kW / 512 PS perfekt kombiniert mit Hinterradantrieb, einer Achtgang-Automatik aus dem Hause ZF und einem variablen Luftfederfahrwerk, das über alles hinwegschwebt, was sich den 21-Zöllern in den Weg legen mag. Doch so spektakulär und überraschend kraftvoll tönend der Bentley selbst als 2,7 Tonnen schweres Schlachtschiff damit anschiebt, aus dem Stand in 5,5 Sekunden auf Tempo 100 beschleunigt oder zum Höhepunkt fast 300 km/h erreicht; was dem Mulsanne gerade in der Extended-Wheelbase-Variante fehlt, ist ein imageträchtiger Zwölfzylinder, für den Bentley im Volkswagen-Konzern an sich längst die Entwicklungshoheit übernommen hat. Dabei ist es nicht so, dass der Vortrieb, sonor untermalt, nicht beeindrucken würde oder das gewaltige Drehmoment von 1.020 Nm maximalem Drehmoment auf einzigartig niedrigen 1.750 U/min einer Verbesserung bedürfte. Der Drehzahlmesser des V8-Turbo geht wie bei einem Diesel gerade einmal bis 5.000 U/min. Es geht schlicht darum, dass Kunden in der Liga vermeintlicher Staatskarossen gerade in Asien oder den USA einfach einen Zwölfzylinder als Krone der automobilen Schöpfung wollen. Mit der 6-3/4-Liter-Historie wissen immer weniger etwas anzufangen.

Dass der Mulsanne in der automobilen Nahrungskette ganz oben parkt, spürt man nicht erst durch Leder, Edelholz, 400 Stunden Handarbeit oder 300 km/h Höchstgeschwindigkeit. Sein Auftritt ist ebenso elegant wie opulent. "Wir haben die gesamte Front neu erschaffen", ergänzt Bentley-Chefdesigner Stefan Sielaff, "wir wollten die Tradition bewahren und dabei mit dem neuen Modell einfach moderner und crisper sein." Man kann ihm nicht widersprechen: für eine Modellpflege haben die Briten sehr viel angefasst. Dabei überall integriert die Insignien der Macht. In den LED-Strahlen thront der Bentley-Schriftzug ebenso wie Rückleuchten und Chromelemente in B-Form. Diese Detailliebe hat ihren Preis: mindestens 351.526 Euro - Sonderwünsche nicht eingerechnet. Und man kann sicher sein. Das hauseigene Individualisierungsstudio Mulliner sagt selten zu einem Kundenbegehr einfach "no".

press-inform