| von Stefan Grundhoff

Man wird ihn im Straßenbild kaum vermissen und es wird auch kein Aufschrei durch die Automobilwelt gehen, weil Bentley seinem Topmodell Mulsanne keinen Nachfolger spendiert. Die Stückzahlen waren zuletzt kleiner denn je und so ist in diesem Frühjahr Schluss. Man spricht von zuletzt weniger als 100 verkauften Fahrzeugen pro Jahr. Kein Wunder, dass ein neuer Mulsanne dafür nicht lohnt. Zum Vergleich: Mercedes verkauft von seinem S-Klasse-Edelmodell Maybach mit ähnlichem Komfortstandard in manchen Monaten mehr als 1.000 Fahrzeuge allein in China - zugegeben bevorzugt mit einem kleinen Sechszylindermotor. Immerhin: seitdem der aktuelle Bentley Mulsanne im Jahre 2009 nach einem mehrjährigen Entwicklungsprozess vorgestellt wurde, fand er 7.300 stolze Kunden. Ursprünglich sollte es 2018 einen Nachfolger geben. Doch Analysen ergaben, dass eine komplette Neuentwicklung zu teuer und zu aufwendig sein würde. Zudem sollte der vom Porsche Panamera abgeleitete Bentley Flying Spur die Marke moderner und zeitgemäßer machen.

Der Bentley Mulsanne ist ein Stück Alteisen - und zwar ein überaus sehenswertes sowie luxuriöses mit unverkennbarem britischen Charme einer Trutzburg auf Rädern. Denn viel komfortabler und exklusiver kann man auch heutzutage kaum unterwegs sein. Es dauerte nicht enden wollende 400 Stunden, ehe sich das Topmodell aus dem Hause Bentley derart majestätisch präsentierte, um die erlauchte Kundschaft in aller Welt begeistern zu können. Allein 150 Stunden werden im Stammwerk Crewe dem Innenraum, einer Orgie aus Leder, Holz, dezenten Lichtelementen und einer Vielzahl von Schaltern gewidmet. Die 125 Standardlackierungen werden Schicht für Schicht aufgebracht und anschließend in einer zwölfstündigen Politurprozedur hollywoodreif in Szene gesetzt.

Mit 5,83 Metern ist die Langversion des Bentley Mulsanne als Extended Wheelbase auch heute noch eine der längsten automobilen Pralinen, mit der man die eigene Einfahrt verzieren kann. Wo ein Mulsanne auftaucht, gehen Köpfe und Augenbrauen gleichermaßen hoch; es wird getuschelt, fabuliert, gerätselt, wer hinter Dämmglas und zugezogenen Gardinen im Fond sitzen mag. Ein derartiges Schlachtschiff riecht nicht nur in Kontrastlackierungen wie Damson over Tungsten oder Rose Gold over Magnetic stark nach Staatsgast, Oligarch oder Showsternchen. Ein Mulsanne fährt nicht einfach, er gleitet - mondän, elitär und souverän wie seit seiner Vorstellung vor mehr als einer Dekade.

V8 statt W12

Der ehemalige Einzeldarsteller Mulsanne war zwischenzeitlich zu einem Triumvirat geworden. Neben dem normalen Luxusmodell, das insbesondere in den USA und Europa punktete, strahlte der 537 PS starke Mulsanne Speed, der mühelos die 300-km/h-Marke knackte. Über den Dingen zu schweben scheint dagegen die Topversion des Mulsanne Extended Wheelbase mit einem um 25 Zentimeter verlängerten Radstand (3,52 Meter). Der belederte Fond wird damit so groß wie eine rasende Einzimmerwohnung; perfekt klimatisiert, mit Liegestühlen für maximale Entspannung, einem voll vernetzten Touch-Screen-Infotainment, ausfahrbaren Bildschirmen und einem Oberlicht, das auch Sonne ins Innere bringt, wenn die blickdichten Gardinen geschlossen wurden. Pfiffig: die ausfahrbaren Bildschirme lassen sich als Tablets mit einem Handgriff entnehmen und mit zum Termin nehmen. Da werden selbst Lücken bei den Fahrerassistenzsystemen und die ein oder andere Bedienschwäche verziehen.

Die beispielsweise 377 kW / 512 PS arbeiten perfekt mit Hinterradantrieb, einer Achtgang-Automatik aus dem Hause ZF und einem variablen Luftfederfahrwerk zusammen, das über alles hinwegschwebt, was sich den 21-Zöllern in den Weg legen mag. Doch so spektakulär und überraschend kraftvoll tönend der Bentley selbst als 2,7 Tonnen schweres Schlachtschiff damit anschiebt, aus dem Stand in 5,5 Sekunden auf Tempo 100 beschleunigt oder zum Höhepunkt fast 300 km/h erreicht; was dem Mulsanne gerade in der Extended-Wheelbase-Variante fehlt, ist ein imageträchtiger Zwölfzylinder, für den Bentley im Volkswagen-Konzern vor Jahren die Entwicklungshoheit übernommen hatte.

Dabei ist es nicht so, dass der Vortrieb, sonor untermalt, nicht beeindrucken würde oder das gewaltige Drehmoment von 1.020 Nm maximalem Drehmoment auf einzigartig niedrigen 1.750 U/min einer Verbesserung bedürfte. Der Drehzahlmesser des V8-Turbos geht wie bei einem Diesel gerade einmal bis 5.000 U/min. Es geht schlicht darum, dass Kunden in der Liga vermeintlicher Staatskarossen gerade in Asien oder den USA einfach einen Zwölfzylinder als Krone der automobilen Schöpfung wollen. Mit der 6-3/4-Liter-Historie wissen immer weniger etwas anzufangen. Dass der Mulsanne bis zu seiner Einstellung in der automobilen Nahrungskette ganz oben parkte, spürt man nicht erst durch Leder, Edelholz, 400 Stunden Handarbeit, 300 km/h oder ganz nebenbei eben dem Preis: mindestens 351.526 Euro - Sonderwünsche nicht eingerechnet. Oder die Bedienungsanleitung, die in deutscher Sprache stattliche 529 Euro extra kostet. Ganz old school - in gedruckter Form.

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