| von Stefan Grundhoff

Bernd Mayländer kennt im Fahrerlager jeder. Egal Monaco, Bahrain, Austin oder Melbourne - kein Wunder, denn der gebürtige Schorndorfer ist bereits seit 20 Jahren in der ersten Liga des Motorsports dabei. Und zwar ganz vorne. Bernd Mayländer kennen die meisten F1-Piloten dabei meistens nur vom Hinterherfahren, denn der Schwabe darf in seinem silbernen Safety Car in keinem Falle überholt werden. Bernd Mayländer greift dann ein, wenn bei einem der Formel-1-Rennen etwas passiert ist. Entweder kam es zu einem schweren Unfall oder es liegen nach kleineren Scharmützeln im Feld scharfe Karbonteile auf dem Asphalt, die erst einmal geborgen werden müssen. Vielleicht regnet es auch in Strömen und das Feld der rasenden Formel-1-Fahrer muss schleunigst eingebremst werden. Wenn Mayländer seine Blinkleuchten einschaltet und raus auf die Strecke fährt, können sich Lewis Hamilton oder Sebastian Vettel genauso ärgern, wie das einst Michael Schumacher, Fernando Alonso oder Juan Pablo Montoya getan haben. Damit ihre Reifen nicht zu sehr abkühlen, wird am Funk gerne munter gemeckert, doch der Waiblinger macht das Tempo und donnert mit seinem AMG GT R ohnehin am Limit.

Bernd Mayländer fährt ein Auto im Serientrimm mit Straßenreifen und ausgeschaltetem ESP. Zusammen mit seinem Beifahrer ist er ständig mit der Rennleitung verbunden, bremst das Feld ein oder lässt es schließlich wieder frei. "In den kleineren Rennserien fährt man mit dem Safety Car rund 70 Prozent", erläutert der leidenschaftliche Rennfahrer, "doch in der Formel 1 liegt man immer über 90 Prozent. Das ist wie ein echtes Langstreckenrennen und alle wollen, dass ich schneller fahre und ihre Reifen nicht zu kalt werden." Bernd Mayländer kennt die Formel-1-Rennstrecken dieser Welt dabei mindestens ebenso gut wie die Piloten - oder besser. Gibt es neue Kurse, hat der Familienvater am Donnerstag vor dem Rennen eine Stunde Zeit, sich mit einem seiner beiden identischen Safety Cars auf die Strecke und die Bedingungen einzuschießen.

Zwanzig Jahre in der Formel 1 sind eine lange Zeit. Davon können die Piloten im engen Cockpit der Monoposti nur träumen. Zu dem ungewöhnlichen Job als Fahrer des Safety Cars kam Mayländer dabei eher durch Zufall. Ein Anruf im Frühjahr 1999 beim Rennen in Imola änderte für ihn alles. Nachdem die Rennsaison 1998 für Bernd Mayländer in der hochklassigen FIA GT-Meisterschaft mehr Schatten als Licht gebracht hatte, entschied er sich, wieder in den Porsche Cup einzusteigen und seinen pfeilschnellen Mercedes CLK GTR stehen zu lassen. Er kaufte sich vor der Saison 1998 auf eigene Kappe einen Porsche 911 GT3 und heuerte bei seinem alten Spezi Olaf Manthey für den begehrten Carrera Cup an. Bereits das erste Rennen in Australien lief gut, doch kurz vor Schluss blieb Bernd Mayländer mit einem leeren Tank auf Platz drei liegen. Beim nächsten Rennen in Imola gab es einen Sieg und der ehemalige DTM-Pilot bekam wieder Lust am Rennfahren.

Melbourne ruft - wieder einmal

"Damals bekam ich im Fahrerlager einen Anruf von Herbie Blash", erinnert sich Bernd Mayländer, als sei es gestern gewesen, "er und Charlie Whiting schätzten mich als Rennfahrer und fragten, ob ich als unbefleckter Pilot nicht das Safety Car fahren wollte - ab sofort. Erst in der Formel 3000 und dann im nächsten Jahr auch in der Formel 1." Bernd Mayländer überlegte, ob das mit seinem Terminplan und den entsprechenden Rennen unter einen Hut passen würde und sagte per Handschlag zu. Ohne nach dem Honorar zu fragen. "Diese Vereinbarung per Handschlag galt immer für das nächste Jahr", lacht Mayländer noch heute, "erst nach über zehn Jahren habe ich einen schriftlichen Vertrag bekommen." Seither sitzt der Schwabe zwischen März und November an jedem Formel-1-Wochenende am Steuer seines Safety Cars. Er fehlte in all den zwei Jahrzehnten nur bei vier seiner mehr als 360 Rennen. Als die Ferse zwickte und die Lunge schwächelte, sprang sein Freund und Rennkollege Marcel Fässler ein. "Einen Ersatzfahrer für das Safety Car gibt es nicht", lächelt Mayländer, "wenn ich einmal ausfallen sollte, regele ich das mit Marcel." Die Rennfahrer in der Formel 1 schätzen den Schorndorfer. Man kennt sich seit Jahren und fachsimpelt am Freitag und Samstag bei Fahrerbesprechungen und abseits der Rennstrecke über neue Curbs, geänderte Kurven und den frisch aufgetragenen Fahrbahnbelag. Nur am Rande geht es auch einmal um das ein oder andere private Thema abseits von Steuer, Vollgas und den kunterbunten Rennzirkus.

Während seiner 20 Jahre in der Formel 1 ist Bernd Mayländer unzählige Mercedes-Modelle im Renntrimm gefahren. "Mein erstes Safety Car war ein Mercedes CL 55 AMG. Der war es ein komfortables Luxuscoupé mit belüfteten Ledersesseln und jeder Menge Power." Eines seiner Lieblingsmodelle war der CLK 63 AMG, mit dem er erstmals das Gefühl von einem echten Sportwagen hatte. "Bei Regen war der mit seinem leichten Heck ganz schön tückisch", sagt Mayländer, "er war ein echtes Biest - hat aber unglaublich Spaß gemacht." Heute bewegt er Woche für Woche einen 585 PS starken AMG GT-R, der an sich ohnehin auf eine Rennstrecke gehört. Und bald geht es wieder los - in die 21. Saison. Das erste Rennen ist am 15. März in Melbourne.