Es war ein Kampf, und zwar ein sehr langer. Vier Jahrzehnte kratzte die BMW 7er Reihe mal mehr, mal weniger am Thron des Königs aller Luxuslimousinen. Doch so sehr sich die Münchner auch abmühten, abgesehen von einzelnen Motorvarianten konnte der Verfolger nie so ganz überholen. Die Mercedes S-Klasse, offiziell knapp sechs Jahre vor dem ersten 7er geboren und mit einer umfangreichen Historie an elitären Vorgängermodellen ausgestattet, war einfach zu stark, zu gut, zu edel, als dass es zu Platz eins gereicht hätte. Mit der vergangenen, fünften Generation des 7ers schaffte es BMW erstmals auf Augenhöhe mit dem Sternenschlachtschiff. Beim aktuellen Siebener gelingt erstmals das komplette Überholmanöver und dann gerade noch mit dem Zwölfzylinder-Topmodell.

Endlich konnten sich die Bayern durchringen, eine ebenso dynamische wie edle M-Variante ihres Aushängeschildes zu kreieren. Zugegeben keine echte, kompromisslose Sportversion mit dem M am Heck, aber ein abgeschwächtes Performance-Modell, wie es in Garching heißt. Genau dieser BMW M 760 Li xDrive setzt in Sachen Fahrdynamik Maßstäbe und rauscht lässig an der elitären Konkurrenz von Mercedes AMG S 63 / S 65 und Audi S8 Plus vorbei. Andere Luxusmodelle wie Maserati Quattroporte, Jaguar XJ oder Cadillac CT6 nimmt der Dingolfinger allenfalls beim Überholen wahr. Dabei ist es nicht der 6,6 Liter große V12-Motor, die 448 kW / 610 PS oder die 800 Nm maximales Drehmoment, die ab 1.550 U/min stilvoll erfreuen. Es ist schlicht die perfekte Fahrbarkeit; die Symbiose aus Sportlichkeit, nicht enden wollendem Luxus und einer fahrdynamischen Kompaktheit, die man sonst nur eins bis zwei Klassen darunter findet. „Die Leistungsentfaltung geschieht beim M 760 Li xDrive besonders heckgeneigt und damit besonders agil“, sagt Frank van Meel, Chef der M GmbH, „wir wissen, dass die Kunden mit einem 7er kaum auf die Rennstrecke gehen werden. Wir zeigen aber, dass sie es jederzeit könnten.“

Klar geht mit einem Siebener keiner auf die Rennstrecke; da macht die Topversion M 760 Li xDrive keinerlei Ausnahme. Und natürlich hört es sich immer gut an, wenn man sagt, dass man könnte, wenn man nur wollte. Doch dass sich der 5,24 Meter lange und über 2,2 Tonnen schwere Koloss derart behände über kurvenreiche Straßen zirkeln lässt, dass die üppige Motorleistung dank variablem Allradantrieb und Vierradlenkung scheinbar mühelos und perfekt auf die Fahrbahn gebannt wird, das ist eben neu und besser als bei jeder anderen Luxuslimousine. Die Lenkung, die bei flotter Fahrt vielleicht sogar noch etwas direkter und schwergängiger sein könnte, der bullige V12-Klang, der zumindest in den Sportprogrammen noch etwas bassiger wummern könnte – beides Kleinigkeiten in einer nahezu perfekten Gesamtorchestrierung. Die achtstufige Getriebeautomatik scheint die Wünsche des Piloten zu kennen, noch bevor er diese an Lenkrad und Gaspedal geäußert hat. Die Luftfederung federt komfortabel, aber niemals zu schwammig über alles weg, was sich auf der Fahrbahn befindet. 0 auf Tempo 100 schafft der Koloss aus dem Stand in spektakulären 3,7 Sekunden und regelt den Tatendrang des Piloten mit Rücksicht auf Reifen und andere Verkehrsteilnehmer bei 305 km/h.

Dass der BMW M 760 Li xDrive ansonsten allen Luxus, nicht enden wollende Assistenzsysteme, Hightech-Funktionen und Sonderausstattungen bietet, die einen daran zweifeln lassen, noch in einem Auto zu sitzen, ist nicht anders als bei den anderen Siebenerversionen, denen eine anhaltende Leistungsschwäche keinesfalls nachzusagen ist. Wer einmal den V12 gefahren ist, bewegt derzeit jedoch das Maß der automobilen Dinge und schlicht die beste Luxuslimousine der Welt. Schön, wenn man sich zum 40. Geburtstag ein solches Geschenk machen kann. Dabei sind beinahe so schwerwiegende Patzer wie der Wasserstoffantrieb im E38 oder der unansehnliche Walfisch E65 vergessen.

Dabei hatte die Siebener-Reihe in den vergangenen vier Jahrzehnten abgesehen von der Verfolgertätigkeit bereits des öfteren für Gesprächsstoff gesorgt und damit insbesondere den S-Klasse-Dauerrivalen aus Stuttgart geärgert. Nachdem der BMW 750 iL im Jahre 1987 als erster Zwölfzylinder nach dem Weltkrieg noch als Majestätsbeleidigung aufgefasst wurde, sorgten nicht zuletzt der im gleichen Jahr als Einzelstück entwickelte Sechzehnzylinder (408 PS / 625 Nm Drehmoment) oder der 5,37 Meter lange BMW L7 für Aufsehen. Für 246.000 D-Mark bot der Maybach-Vorläufer den Luxus einer Repräsentationslimousine. 899 Stück wurden vom XXL-E38 Ende der 90er verkauft. Der neue BMW M 760 Li xDrive startet bei 166.900 Euro und kann sich mit Individualausstattung der Garchinger M Manufaktur problemlos deutlich über die 200.000-Euro-Marke schrauben.

Was dem Siebener jedoch unverändert fehlt, ist der Stern auf dem Kühlergrill und die Gunst des Erstgeborenen, die in dieser Klasse mehr als anderswo ihren Ausschlag bei der Kaufentscheidung gibt. Wieso BMW im Gegensatz zur internationalen Konkurrenz von Mercedes, Audi, Cadillac, Jaguar oder Bentley keine imageträchtige Panzerversion für Politiker, VIPs und Wirtschaftsbosse anbietet, dürfte allerdings ein Garchinger Geheimnis bleiben. Die schweren Panzerversionen hatte es seit 1977, als zwei Einzelstücke für den bayrischen Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß angefertigt wurden, immer gegeben.