Die Handvoll Zuschauer ist längst verschwunden. Scheinbar interessiert sich niemand in Qatar ernsthaft für die Moto GP.  Nicht einmal die Hälfte der 8.000 Zuschauer fassenden Haupttribüne sah den ungefährdeten Sieg von Jorge Lorenzo vor Andrea Divozioso und Marc Marquez.

Das Areal ist längst leer als blau-rote LED-Blitze die Start-und-Zielgerade in ein beinahe mystisches Licht tauchen. Die Rennstrecke selbst scheint von den wilden Überholmanövern noch zu glühen, während sich die Luft auf gerade einmal 18 Grad abgekühlt hat. Ein paar Reinigungskräfte blicken kurz von der Haupttribüne auf, als sich das brüllende Etwas in Bewegung setzt. Die Flasher der Lichtbrücke auf dem Dach und in der Front blitzen heller als die Xenonaugen. Der Losail Race Track selbst lässt sich zu abendlicher Stunde seit 2007 in einen gleißend hellen Teppich verwandeln, der nicht nur aus dem Flieger wie ein Schneeparcours anmutet. Dabei präsentiert sich der Fahrbahnbelag nach drei Tagen Trainingsläufen und den Rennen griffig wie Baumharz.

Gummiabrieb der verschiedenen Moto-GP-Klassen und Cupreifen, die auf dem BMW M2 Safety Car montiert sind, lassen einen nach kurzer Aufwärmphase sportlichste Höchstleistungen vollbringen. Der erste Teil des kurvenreichen Losail-Kurses ist mit Kurven und Kehren eng und anspruchsvoll, während es ab Kurve zehn mit langer Leine flotter vorangeht. Dank einer geänderten Auspuffanlage brüllt der 370 PS starke Renn-M2 durch die qatarische Wüste, ehe die Schallwellen Richtung Küste auf der einen und endlosen Geröllketten auf der anderen Seite auslaufen.

Dicke Backen

Der pausbäckige Bayer ist nicht mehr der ungestüme Heranwachsende wie seinerzeit das BMW 1er M Coupé. Gerade mit seinem einstellbaren Fahrwerk und dem Zierrat aus Spoilern und Flügel zeigt er sich fein austariert und ist auf dem knapp 5,4 Kilometer lange Kurs durch nichts aus der Ruhe zu bringen. In den engen Kurven 4 und 5, wo sich nicht nur Andrea Dovizioso und Marc Marquez auf einer gefühlten Bierdeckelgröße im GP-Rennen bis aufs Messer bekämpften, zeigt der Kraftprotz, wie präzise er sich Dank feinfühliger Lenkung positionieren lässt, um Dank 370 PS und 500 Nm maximalem Drehmoment weiter in den schnelleren Streckenteil zu spurten. Die Cup-Reifen verzahnen sich nicht zuletzt Dank aktivem Hinterachsdifferenzial mit der von den Motorradgummis schwarz getünchten Fahrbahndeckschicht.

Optisch trägt der BMW M2 als Safety Car so dick auf, wie er nur kann und ist dabei alles andere als ein Blender. Das Ingenieurteam der M GmbH hat seit Oktober vergangenen Jahres am Stammsitz Garching über 1.000 Stunden in die Fertigstellung des weißblau-roten Einzelstücks gesteckt. Der Innenraum wurde komplett entkernt, ehe Rennsitze, goldener Käfig und Alcantara-Interieur - ebenso wie Felgen und Mittelspeiche des Lenkrades farblich abgestimmt - verbaut wurden. Zudem gibt es Spoiler, Heckflügel sowie das einstellbare Gewindefahrwerk, um den 260 PS starken Hochleistungsrädern der Moto GP als Safety Car nicht hoffnungslos hinterherfahren zu müssen. Der drei Liter große Sechszylinder-Turbo mit seinen 272 kW / 370 PS tönt wild und rotzig. Das fehlende Innenleben in der der Auspuffanlage lässt den Boliden nicht nur auf der 1.068 Meter langen Zielgerade freier als gewöhnlich atmen. Der 1,5 Tonnen schwere Renner überspielt das Gewicht mit seiner feinen Abstimmung aus Reifen, Fahrwerk, Motor und Doppelkupplungs-Getriebe gekonnt und nimmt nach den ersten drei Kurven wieder Fahrt auf. Mit Zug durch die Kurven 4 und 5 ehe er in Kehre 6 erstmals leicht ins Untersteuern kommt. Auch wenn die Rennversion kaum leichter als sein Serienbruder über den Asphalt donnert, ist das Fahrgefühl ein völlig anderes.

Die kühnen Moto GP Turner umrunden den Wüstenkurs in weniger als zwei Minuten während am Ende von Start und Ziel die Radarpistolen bis zu 350 km/h zeigen. Da kann der BMW M2 selbst im Renntrimm nicht mithalten. Bei Tempo 270 wird auf der Straße ohnehin elektronisch eingegriffen und auf dem Losail Race Track schafft der weiß-blau-rote Kurvenmonster allenfalls 230 km/h. Zurück in der menschenleeren Boxengasse wirkt die Szenerie auf gleißend hell erleuchteter Rennstrecke und der ebenso bunten wie verlassenen Haupttribüne skurriler denn je. Vor dem spektakulärsten aller BMW M2 liegt eine harte Saison. Pro Rennwochenende legt er mit Safety-Car-Fahrer Mike Lafuente bis zu 300 Kilometer zurück - dabei immer unter Volllast im Grenzbereich. Ins heimische Garching kommt er erst nach dem fünften Rennen in Le Mans zur großen Durchsicht. Das Team freut sich schon. Bis dahin ist das Lieblingsstück nur im Fernsehen zu bewundern.