Mit einem SUV aufzufallen, ist heutzutage alles andere als einfach. Das war einmal anders und gelang besonders in der ersten Generation prächtig mit dem BMW X6. Der zeigte allen anderen, dass er eben sportlicher, polarisierender und schärfer als sein Bruder X5 war. Keiner, der allen gefiel oder allen gefallen wollte; doch die, die sich ihn gönnten, wählten große Motorisierungen und exklusive Ausstattungen. Da strahlte man am Münchner Petuelring, weil die Konkurrenz rein gar nichts vergleichbares hatte. Nachdem BMW in der Zwischenzeit etwas den Mut verloren hatte und der X6 nicht viel mehr war als ein X5 mit leicht abfallender Dachlinie, besinnen sich die Münchner nunmehr wieder ihres Erstlingswerks. Zwar hätte man die neue Generation des BMW X6 noch etwas schärfer zeichnen müssen, um ihn zu einem echten Bad Boy zu machen, doch zumindest sollte ihn niemand mehr mit dem familiär angehauchten X5 verwechseln.

Unter die Kategorie "Ausstattungen, die die Welt nicht braucht" fällt dabei der von innen zu beleuchtende Kühlergrill, der sich auf Märkten wie in Asien, den USA oder den Vereinigten Arabischen Emiraten jedoch einer großen Beliebtheit erfreuen dürfte. Die breite Niere leuchtet je nach Programmierung entweder beim Öffnen oder Schließen des Fahrzeugs, bei der Fahrt oder eben gar nicht. Insofern muss niemand über das Detail meckern, denn man kann es über das Zentraldisplay einfach ein- oder ausschalten. Kompletter Blödsinn bleibt das Extra dabei zweifellos, doch wer weiß, dass Mercedes-Kunden in den USA gerne Geld für einen illuminierten Stern im Kühlergrill oder Beleuchtungen unter dem Wagenboden ausgeben, muss sich keine Sorgen machen, dass dieses Extra nicht ankommt.

Abgesehen von den Lichtspielen an der Front ist der 4,94 Meter lange BMW X6 technisch ein X5 und der gehört bekanntlich zum Besten, was man in der SUV-Oberliga derzeit fahren kann. Im Vergleich zum Vorgänger ist der X6 in Länge und Breite um 26 bzw. 15 Millimeter gewachsen. Dass er etwas flacher als sein Ahne wirkt, dafür ist weniger die kaum reduzierte Höhe, sondern der um vier Zentimeter verlängerte Radstand verantwortlich, der den Bayern aus dem amerikanischen Spartanburg bulliger und kraftvoller auf der Fahrbahn hocken lässt. Das gilt insbesondere dann, wenn man mit den optionalen 22-Zöllern unterwegs ist, die sich auf dem Interims-Topmodell X6 M50i prächtig machen. Dieser ist mit dem gleichen Glanztriebwerk unterwegs wie der BMW M850i. Heißt, unter der wuchtigen Haube bollert ein aufgeladener 4,4-Liter-V8, der beeindruckende 390 kW / 530 PS und ein maximales Drehmoment von 750 Nm zwischen 1.800 und 4.600 U/min leistet.

Spürbares Übergewicht

Gerade im Sportmodus ist der bollernde Klang des Achtzylinders unter Lastanforderungen eine Versuchung für jedes automobil geprägte Gehör. Nicht mehr als die avisierten 10,4 Liter Super Plus auf 100 Kilometern Strecke zu verbrauchen, ist bei flotter Gangart ein Ding der Unmöglichkeit. Zu bullig, zu kraftvoll und zu hungrig ist der Achtzylinder nach Aufmerksamkeit durch seinen Piloten. Wem die realen 13 bis 14 Liter zu viel sind, der hat mit dem 400 PS starken BMW X6 M50d eine prächtige Alternative, denn dann lassen sich sportliche Fahrleistungen allemal mit einem Durst von unter zehn Litern vereinen. Der leider nur 250 km/h schnelle BMW X6 M50i will seinen Tatendrang nur allzu gerne zeigen und das kostet ein paar Tropfen bei jedem Einspritzvorgang. Die Beschleunigung von 0 auf Tempo 100 in 4,3 Sekunden ist angesichts der zu bewegenden Fahrzeugmasse brachial.

Einmal mehr perfekt abgestimmt zeigt sich die Achtgang-Automatik aus dem Hause ZF, die in dieser Liga unverändert das Maß der Dinge ist und die Motorleistung gekonnt auf beide Antriebsachsen verteilt und per Differenzialsperre für zusätzliche Dynamik in Kurven sorgt. Das gilt nahezu uneingeschränkt auch für Lenkung und Fahrabstimmung, wobei der 2,3 Tonnen schwere Koloss in schnellen Kurven nach der optionalen Wankstabilisierung ruft, mit der der Proband nicht ausgestattet war. Wer will, kann auch eine Luftfederung ordern, mit der sich Karosseriehöhe und Bodenfreiheit um acht Zentimeter variieren lassen. Immerhin ist die elektronische Dämpferregelung serienmäßig. Das sollte für die meisten Kunden allemal reichen.

Locker 120.000 Euro teuer

Nichts Neues gibt es im Innern, denn das Interieur kennt man bestens vom aktuellen BMW X5. So finden sich im sportlichen Coupéableger die gleichen animierten Instrumente, eine exzellente Bedienung per Dreh-Drücksteller, Touch, Sprache oder Geste, eine ansprechende Haptik und - nicht ganz unwichtig - eine Klasse-Sitzposition. Das gilt auch für den Fond, denn abgesehen von stämmigen Hünen dürfte das Platzangebot in der zweiten Reihe für alle mehr als ausreichend sein. Auf Wunsch gibt es hier eine separat zu bedienende Klimasteuerung, TFT-Bildschirme sowie Sitzheizung. Wer will, kann die bequemen Rücksitze, deren Kopfstützen sich leider ebenso nicht verstellen lassen wie die Neigung der Lehne, nach vorne im Verhältnis 40:20:40 umklappen. Die strammen 580 Liter Laderaum erhöhen sich so auf stattliche 1.525 Liter. Wem sollte das nicht reichen?

Der Basispreis für den mäßig ausgestatteten BMW X6 30d xDrive mit seinem 265 PS starken Dreiliter-Diesel liegt bei 75.500 Euro. Der etwas besser ausgestattete BMW X6 M50i xDrive liegt mit 99.000 Euro nur marginal unter 100.000-Euro-Marke, die er mit standesgemäßen Extras deutlich durchbricht und in der Realität eher zwischen 120.000 und 140.000 Euro unterwegs ist. Jede Menge Geld für einen beeindruckenden Koloss. Immerhin bekommt man viel Auto für sein Geld - und jede Menge Gewicht.