Noch vor wenigen Jahren wurden Sport Utility Vehicles und deren Coupé-Ableger auf ihre Städte- und Offroadtauglichkeit reduziert. „Wie groß ist der Kofferraum? Kann ich damit auch über Feldwege fahren? Und: Wie viel kann mein Neuer ziehen?“, waren die wichtigsten Fragen potenzieller Kunden. Wer sich keinen modernen Stadt-Offroader leisten konnte oder schlicht keine Verwendung für ihn hatte, kam schnell zu der Erkenntnis, dass ein derartiges Monster zu groß und unpraktisch ist. Vor allem, wenn die eigenen Interessen mehr im Motorsport als im Reitsport liegen, kam für diese Zielgruppe solch ein Crossover kaum in Frage. Mit dem neuen Bruderpaar X5 M und X6 M zerstört BMW diese über Jahre zurechtgelegte und gewachsene Argumentationskette. Da das Thema Spritverbrauch in dieser Liga eh keine Rolle spielt, stören die 11,1 Liter Kraftstoff auf 100 Kilometern ebenso wenig wie der Realverbrauch, der schnell Richtung 20 Liter ausschlägt.

Neben eifersüchtigen Nachbarn ist dies aber der einzige Punkt, der vermögenden Unentschlossenen ab dem 11. April die Investition in Höhe von 114.300 Euro für den X5 M oder 117.700 Euro für den X6 M vermiesen könnte. Denn die beiden PS-Protze schaffen das, was niemand für möglich gehalten hätte. Sie machen auf der Rennstrecke eine ebenso gute Figur wie im Gelände oder der Großstadt. Einen großen Anteil daran hat das 4,4 Liter große Triebwerk, das akustisch keinen Hehl aus seinen 575 PS macht. Der Achtzylinder bollert mächtig. „Da geht der Puls schon mal ein wenig höher“, verrät der neue BMW-Entwicklungschef Klaus Fröhlich. Und auch Ex-Formel 1-Pilot Timo Glock, kann seine anfängliche Skepsis und die spätere Erleuchtung nicht verbergen: „Als man mich gefragt hat, ob ich den X6 M in Austin auf der Rennstrecke testen mag, wusste ich auch erst nicht, was ich davon halten soll. So ein großes Fahrzeug mit solch einem hohen Schwerpunkt? Naja… Aber am Ende des Tages wurde mir klar, dass sich die Zeiten geändert haben. Respekt!“

Um zu dieser Erkenntnis zu kommen, bedarf es keiner Rennfahrerausbildung. Zu auffällig ist die nahezu perfekte Kombination des um 70 Newtonmeter auf 750 Newtonmeter erstarkten Triebwerks mit dem Fahrwerk. Der 4,91 Meter lange und 2.265 Kilogramm schwere X6 M schießt in 4,2 Sekunden auf Landstraßentempo 100 und gibt sich, gegen Aufpreis, erst bei 280 km/h der Elektronik geschlagen. Doch eine hohe Längsbeschleunigung haben viele. Beim Münchner Riesen gesellt sich eine mehr als überraschende Fahrdynamik hinzu. Dank der elektromechanischen Zahnstangen-Servolenkung, lassen sich Kurven präzise und mit wenigen Korrekturen durchpflügen. Durch die heckbetonte Grundabstimmung des XDrive Allradsystems im Zusammenspiel mit der dreistufigen dynamischen Stabilitätskontrolle, lässt der Alleskönner sogar kontrollierte Drifts zu. Selten zuvor ließ sich purer Fahrspaß am eigenen Limit so gut erfahren. Selbst das von Allradfahrzeugen zu erwartende Untersteuern haben die Ingenieure aus dem Hause M eliminiert.

Hinzu kommt die Achtgang-Steptronic, die eine sehr direkte Reaktion auf Lastwechsel aufweist. Per Aluminium-Schaltpaddles lässt sich zudem die Automatik komplett entmündigen. Soll heißen, selbst im dunkelroten Bereich wird nicht einfach der nächst höhere Gang eingelegt. Damit bei solch einer fordernden Fahrweise der von gewaltigen Lufteinlässen beatmete Offroad-Sportler keinen Hitzestau bekommt, dafür sorgt ein Hochleistungs-Kühlsystem mit insgesamt zehn Kühlern. Und damit nicht schon nach der ersten S-Schikane dem Mitfahrer mehr als nur die Gedanken an sein Mittagessen durch den Kopf schießen, kommt im X6 M der Wankausgleich zum Einsatz. Dass sich das hohe Gesamtgewicht nicht verbergen lässt, bekommen auch die speziellen auf 21 Zoll großen Felgen installierten 325er-Reifen zu spüren, die nicht sehr lange brauchen, um an ihre Belastungsgrenze zu gelangen. Gut, dass die in Dunkelblau metallic lackierten Bremssättel der Hochleistungs-Keramikbremsanlage auch nach einigen harten Einsätzen noch ordentlich zupacken.

Dabei hat BMW das Kunststück fertig gebracht, die Rennstreckentauglichkeit zu erhöhen, ohne dass dabei die Alltagstauglichkeit verloren gegangen wäre. Vorausgesetzt die vermeidliche Parklücke bietet nicht nur den Ausmaßen des BMWs Platz, sondern auch noch den gewaltigen Türen. Bis zu 1.525 Liter Gepäck fasst der Kofferraum des X6 M, in den X5 M passen 345 Liter mehr hinein – Platz genug für dreckige Stiefel, Sattel und mehrere Säcke Mohrrüben. Mit der maximalen Anhängelast von knapp drei Tonnen, bleibt neben dem Reiter mehr Platz im Zugfahrzeug. Die beiden Zossen kommen einfach hinten dran. Ob die Vierbeiner jedoch auch über eine so edle serienmäßige Lederausstattung in ihrem Hänger verfügen, bleibt zu bezweifeln.

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Marcel Sommer; press-inform