Miami ist im Aufschwung. Die üblen Zeiten mit alltäglichen Schießereien, Bandenkriegen und zahllosen Drogentoten scheinen endlich ein Ende zu finden. Auch wenn einige Außenbezirke gerade nach Sonnenuntergang noch immer als heißes Pflaster gelten, scheint die Metropole mehr denn je durchzuatmen. Davon profitiert mehr denn je der Wynwood District, ein paar Meilen nordwestlich von Downtown Miami gelegen. Hier wachsen im Monatsrhythmus neue Cafés, kleine Boutiquen und Galerien aus dem nach wie vor drögen Asphalt. Neben den überdimensional besprühten Wänden nahe des Wynwood Diner ist dabei insbesondere Cars & Guitars einer der Publikumsmagneten.

Wer sich für Gitarren interessiert, kommt an dem grau getünchten Flachbau mit der Hausnummer 229 in der NW 26th Steet nicht vorbei. Wer sich für klassische Sportwagen begeistern kann, hat hier sein neues Spielzimmer gefunden. Mit Walt Grace Vintage hat sich Inhaber Bill Goldstein einen Jugendtraum verwirklicht: ein Spielzimmer nicht nur, aber bevorzugt für Männer. Wer Spielgeld hat, dessen Bankkonto ist mehr in Gefahr als durch das weiße Schnüffelpulver, dass hier in der Region lange Zeit reißenden Absatz fand. Alle andere kommen rein, blicken hinter die Fassade des 60er-Jahre-Baus und vergessen die Zeit. "Wir haben im November 2015 eröffnet", sagt Inhaber Bill Goldstein ein, "die Nachfrage ist riesig. Und die ganze Werbung lief nur über Social-Media-Kanäle. Vor zwei Jahren hat man hier für einen Quarefeet Gewerbefläche noch zwei Dollar Miete gezahlt; jetzt sind es hundert und mehr. Die Ecke wird zum Szeneviertel."

Bill Goldstein hat sein Hobby zum Geschäftsmodell gemacht. Er steht in seinem Shop vor einer Wand historischer Gitarren und nimmt die Neuauflage eines Saiteninstruments aus den frühen 90ern herunter. Sie kostet 9.500 Dollar und ist nach Meinung von Bill angesichts der grandiosen Verarbeitung ein Schnäppchen - wie fast alles hier. "Hier im Geschäft habe ich rund 70 bis 80 Gitarren an den Wänden", strahlt der sportliche Amerikaner mit seinem grauen Fünf-Tage-Bart, "ich will die Sachen hier schnell drehen - gerade auch die Autos. Es muss sich etwas bewegen, damit es niemandem langweilig wird." So ist für ihn auch der gelbe Le-Mans-Porsche 935 aus den Jahren 1976 / 77 seiner Meinung nach ein Schnapper: für stattliche 980.000 Dollar. "Nein, ist nicht das teuerste hier im Laden", sagt der 45jährige überzeugend, "wir haben eine historische Les-Paul-Gitarre für eine Million Dollar."

Spielzeuge, die klingen

Eigentlich wollte der Amerikaner nur seine eigene Leidenschaft für Autos und Gitarren stilvoll in Szene setzen. Da zu Hause zu wenig Platz war, mietete Goldstein in Wynwood einen alten Lagerraum an. Bei der Planung wurde ihm schnell klar, dass es nicht nur ein Spielzimmer für ihn und seine Freunde werden sollte. "Das ist doch auch etwas für andere", grinst der lässige Bill und zog das Ganze etwas größer auf, "ein Spielzimmer für Fans von Autos und Gitarren - so wie mich." Das Geschäft soll dabei nur im Hintergrund stehen; die Galerie für Affecinados in der ersten Reihe, "denn mit Autoklassikern habe ich schon vorher gehandelt. Da sind die Gitarren dann nicht mehr weit."

Hier und da gibt es in dem kühlen Flachbau mit Bauhaus-Charme Leseecken mit Szenemagazinen, in denen die Welt stehen zu bleiben scheint. Jimmy Hendricks, Ron Wood, David Bowie und Gary Clark Jr. strahlen einen von den 60er-Jahren-Tischen ebenso an wie schwere Harleys, Porsche 356 oder ein Stingray. Die Autos, die Goldstein hier zur Schau stellt und zum Kauf anbietet, sind keine billigen Schnapper. Vorne im Laden parkt ein silberner Ferrari Dino Targa. Gleich daneben glotzt sich eine Vater-Sohn-Kombination an einem silbergrauer Porsche 911 2.4 S die Nase platt. Einzig das Schild "don't touch" hält sie von schlimmerem ab. "Der Wagen sollte erst 370.000 Dollar kosten. Doch erst beim Durchchecken kam heraus, dass der 911er zwar top gepflegt war, aber keine Matching Numbers hatte", grummelt Bill Goldstein noch heute, "daher gibt es ihn für 265.000 Dollar." In den nächsten Tagen soll ein knallroter BMW M1 von 1980 die Galerie aufmischen und Kunden anlocken. Gerade unterwegs: ein Porsche 911 von 1965 in Polo Rot mit 100.174 Meilen - die Nummer 2274 von 3350 produzierten - inklusiv schwarzem Kunstleder, Webasto-Heizung und getönten Scheiben.

Hinten im Spielzimmer sieht es nicht anders aus. Da strahlt ein sportiver Porsche-Dreierpack aus 930 Turbo Cabrio, 993 und Flatnose - allesamt in schwarz. Bill Goldstein versucht, wieder ins Verkaufsgespräch einzusteigen: "Das 911 Turbo Cabrio von 1989 ist einer der letzten seiner Art - ein echter Schnapper. Kostet 160.000 Dollar und ist dabei locker 210.000 wert. Ich will eben, dass sich die Autos hier auch drehen. Nichts soll hier wochenlang lagern." Die polarisierende Flatnose gibt es für schlappe 150.000 Dollar. Gegenüber präsentiert sich ein Ferrari 308 ebenso im Topzustand wie die Corvette weiter hinten. Genau so hat er sich sein Spielzimmer für Männer gewünscht - Frauen herzlich willkommen. Jeden Tag von 11 bis 21 Uhr.