Doch, es gibt sie noch, die echten Computer-Nerds, die auf der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas mit dicken Hornbrillen über Speichergrößen, Taktraten von Prozessoren und PCI-Schnittstellen philosophieren. Doch eine neue Spezies bedroht den Lebensraum der Ureinwohner einer der wichtigsten Entertainment-Messen der Welt. Es sind Automobil-Manager mit mehr oder weniger perfekt geschnittenen Anzügen, rahmenlosen Brillen und einem spöttischen Zwinkern in den Augenwinkeln, wenn die Technik-Ur-Besucher auftauchen, die der Fernsehserie Big Bang Theory entsprungen sein könnten. Die Zahl der dunkel gekleideten Männer auf der CES wächst von Jahr zu Jahr. Mittlerweile ist die CES auch für Volkswagen, Mercedes, BMW & Co. eine wichtige Station des alljährlichen Schaulaufens der Autobauer. Kaum zu glauben, dass die meisten Autohersteller die Computermesse in der Spielerstadt vor ein paar Jahren noch belächelt haben.

Trotz des wuchtigen Aufschlags der Autobauer hat die CES ihren eigentümlichen Charme nicht ganz verloren. Der Teppichboden der Messehallen hat immer noch das wenig beeindruckende bunte Muster. Wer oder was alles in den Fasern lebt, will man gar nicht wissen. Vor den Hallen entscheiden Schülerlotsen, wann eine Gruppe die Straße überqueren darf. Außerhalb der Gebäude riecht es nach Pommes-Frites-Fett und Hot Dogs. Neben den oftmals durchtrainierten Auto-Managern wirkt so manch übergewichtiger Computer-Enthusiast wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Die CES lebt nach ihrem eigenen Biorhythmus. Laute Bässe wummern durch die Hallen, gebogene Flachbild-Fernseher mit einer Auflösung von 8.000 Pixeln ziehen die Menschenmassen magisch an. Smartphones blitzen und die Anordnung der Messestände hat nichts von dem ordentlichen Schachbrett-Muster einer Autoshow. Die Ausstellungsflächen sind bisweilen verschachtelt wie das Labyrinth des Thesaurus, und die Auftritte der Automobilisten sind hier eine Nummer kleiner und nicht so steril.

Der frisch gekürte Ford-Chef Mark Fields erinnert sich noch gut, als Ford 2007 die Zusammenarbeit mit Microsoft beim Infotainment-Konzept Sync bekannt gab. Von den Computer-Freaks wurde man kaum wahrgenommen; der Messestand war winzig. Zu rückständig schienen die archaischen Vehikel für die Bits-und-Bytes-Junkies. Doch das hat sich mittlerweile grundlegend geändert. Gerade die technikverliebten deutschen Premiumhersteller fahren auf der CES groß auf und auch die internationale Konkurrenz spielt mit. Fields, 2007 noch ein echter CES-Autopionier, hält in diesem Jahr eine der Keynote-Ansprachen. “Die Wünsche und Ansprüche der Kunden haben sich gewandelt”, erzählt der betont salopp gekleidete Fields, “Menschen agieren mittlerweile anders, indem sie ihre Informationen teilen und mehr Produkte als je zuvor konsumieren.” Er erzählt, dass es 47 Prozent aller Befragten nicht 24 Stunden ohne ihr Smartphone aushalten würden. Genau der richtige Punkt, um auf der CES Ford?s neues Bediensystem Sync 3 vorzustellen, dessen Vorgänger einst den Weg für die Vernetzung von Auto und Telefon ebnete. “Eines Tages werden die Assistenzsysteme den Fahrer ersetzen können”, blickt Ford-Cheftechniker Raj Nair in die Zukunft.

Zehn Autobauer sind dieses Jahr im Las Vegas Convention Center vor Ort. Längst sind aus den Fahrzeugen rollende Infotainment-Zentralen geworden, vollgepackt mit Computertechnik. Das Auto der Zukunft wird ein Teil des Internets sein und sich mit anderen Vehikeln vernetzen. Am meisten haut Mercedes auf die Pauke und zeigt mit dem F 015 Luxury in Motion die reale Vision des Autofahrens im Jahre 2030. Brennstoffzelle, Elektroantrieb und ein Tropfendesign. “Noch nie hatte ein Autohersteller auf der CES ein eigens entwickeltes Auto im Gepäck”, freut sich CES-Chef Gary Shapiro über Daimlers Großaufschlag. Fahren wird zur Nebensache, weil der F 015 das ohne Zutun der Insassen selbst erledigt. “Wer nur an die Technik denkt, hat noch nicht erkannt, wie das autonome Fahren unsere Gesellschaft verändern wird”, sinniert Mercedes-Chef Dieter Zetsche, “das Auto wächst über seine Rolle als Transportmittel hinaus und wird endgültig zum mobilen Lebensraum.”

Vieles auf der CES dreht sich um das autonome Fahren; noch mehr geht es jedoch um Daten. “25 GB Daten sammelt ein fahrendes Auto in der Stunde”, erklärt Mark Fields, “unser Anspruch bei Ford ist nicht, Marketing-Slogans zu erfinden oder das erste autonome Auto auf die Straße zu bringen. Wir wollen das erste autonome Ford-Modell erreichbar für die Massen zu machen.” Daten aus der Cloud sollen die Mobilität effizienter werden lassen und die Anzahl der Unfälle weiter reduzieren. Der Grafik-Spezialist Nvidia mischt im Automotive-Bereich schon längst kräftig mit: Der kalifornische Konzern hat mit Nvidia Drive ein System vorgestellt, das besonders schnell zwischen Fußgängern und Radfahrern unterscheiden kann. Dank der extrem starken Rechenleistung des Tegra X1 Chips kann das Steuergerät die Daten von bis zu zwölf hochauflösenden Kameras verarbeiten. “Dieser Auto-Computer wird stärker sein als alle Rechner, die sie heute kennen”, macht Nvidia-Chef Jen-Hsun Huang klar.

Die CES ist kein Nebenschauplatz mehr, sondern eine wichtige Technologiemesse. Die Zeiten, in den ein Auto etwas verloren auf einem Teppich herumstand, während die Pullunder tragenden Besucher sich für Bildschirme und Quadcore-Prozessoren interessierten, sind vorbei. Heute hauen die Automobilisten richtig auf den Putz: Die Ausstellungsfläche für automobile Technologien hat sich in den letzten fünf Jahren auf 15.300 Quadratmeter verdoppelt. BMW und Audi haben sogar eigene Pavillons, in denen sie ihren Technologie-Wettstreit austragen. “Die beiden Jahrhunderterfindungen ? Auto und Computer ? rücken noch enger zusammen. Wir müssen die Mobilität der Zukunft noch intelligenter und noch vernetzter gestalten”, sagt VW-Chef Martin Winterkorn. Sogar der Zulieferer Bosch wagt einen großen Auftritt in der Spielermetropole und hat das Original-Fahrzeug KITT aus der 80er-Jahre-Serie Knight-Rider mitgebracht, um der Idee vom autonomen Fahren etwas Pep zu verleihen. Auch Stars wie der Rapper Curtis “50 Cent” Jackson oder die Rock-Legende Neil Young pilgern in die Glitzer-Metropole.

Volkswagen rockt die Insassen mit Bass-Shakern, die im Concept-Fahrzeug Golf R Touch die Musik in den Vordersitzen spürbar machen. Autos, die von Geisterhand gesteuert werden, sind nach wie vor eines der Hauptthemen auf der CES. Allerdings sind dieses Jahr auf der CES keine Quantensprünge zu erwarten. BMW versucht mit lasergesteuerten Rundumsensoren die Marktführerschaft beim autonomen Fahren zu behalten, die Ihnen Audi streitig macht. Die Ingolstädter haben das Showcar “Audi prologue piloted driving” im Gepäck mit einem Hybrid-Antriebsstrang mit 687 PS im Gepäck.

Um die wachsende Anzahl der Assistenzsysteme koordinieren zu können, sind mittlerweile leistungsfähige Steuergeräte nötig, die eigentlich Computer sind. “Die Software bedient sich Methoden aus dem Bereich der künstlichen Intelligenz. Der Computer wägt ab, wie es ein Mensch beim Autofahren tun würde und muss auf unterschiedliche Gegebenheiten passend reagieren. Da gibt es nicht nur schwarz oder weiß”, erklärt Martin Friedl, Projektleiter Valet Parking bei BMW das Geheimnis, warum sich das Auto durch den Parkplatzdschungel schlängelt. Doch nicht nur das Taktgeben ist eine Aufgabe, die die immer größer werdende Schar von Programmierern in München, Ingolstadt und Stuttgart-Untertürkheim beschäftigt, sondern auch das Vorhersagen des menschlichen Verhaltens. Nur so lässt sich das angestrebte autonome Fahren umsetzen. Schließlich soll der Lenker des Fahrzeugs auf Wunsch immer Herr des Geschehens sein. Damit die Sinne der Person hinter dem Steuer auch geschärft bleiben, soll der Fahrer mit gezielten Beschäftigungen konzentriert bleiben. Dazu gehört auch das bisher so verpönte Beantworten der E-Mails während der Fahrt. Aber auch kleine Erfindungen sollen das Leben der gestressten Autofahrer erleichtern. Nachdem Garmin schon ein Head-Up-Display für Handys zum Nachrüsten auf den Markt hat, legt SenseDriver Technologies nach. Seine Variante des Klapp-HUD lässt sich per Sprachsteuerung bedienen und integriert die Daten des Smartphones per App.

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Wolfgang Gomoll / Stefan Grundhoff; press-inform