| von Wolfgang Gomoll

Die Zahlen klingen dramatisch: Allein im Februar gingen die Autoverkäufe in China als Folge der Covid-19-Epidemie um mehr als 80 Prozent zurück. So manch einer malte schon das Menetekel des Absatz-Weltuntergangs an die Wand. Jan Burgard von der Strategieberatung Berylls ordnet die Zahlen ein: "Der Februar ist in China jedoch generell kein verkaufsstarker Monat und dessen Auswirkung auf das Gesamtjahresergebnis nach unserer Prognose daher gering. Nach derzeitigem Stand wird von einem Rückgang des Absatzes im gesamten Jahr 2020 um etwa sechs Prozent ausgegangen - vorausgesetzt, das Coronavirus wird zeitnah eingedämmt."

Der Handel in China geht allerdings jetzt schon auf dem Zahnfleisch. Viele Autohäuser bleiben geschlossen und wenn sie offen sind, kommen die Kunden nicht. Mehr denn je zählt: Wenn das Reich der Mitte hustet, kränkelt das Geschäft der Autobauer auf der ganzen Welt. Nachdem schon 2019 in China mit 25,8 Millionen Autos und einem Marktrückgang von 8,2 Prozent ohnehin kein besonders gutes Autojahr war, droht 2020 das Corona-Desaster.

Als Reaktion auf die Umstände treiben die Hersteller die Digitalisierung beim Autoverkauf voran. Das Ziel: etwa ein Viertel des Handels rein digital abzuwickeln. Um das zu realisieren, müssen vielfältige Dienstleistungen, wie zum Beispiel der Hol- und Bringservice bei einer Testfahrt installiert werden. Daran arbeiten die Automobilhersteller in den entsprechenden Gebieten. 

Ob der Erreger in die Schranken gewiesen werden kann, ist noch nicht klar. Sollte die Verbreitung über einen längeren Zeitraum anhalten, dürften die wirtschaftlichen Auswirkungen auf die Automobilindustrie einschneidend sein. Längst spielt sich die Produktion von Automobilen auf globaler Ebene ab - egal, ob sie in Hamburg, Peking oder Los Angeles verkauft werden. Die Wertschöpfungs- und Fertigungsketten gleichen einer gut geschmierten Maschine, bei der ein Rädchen ins andere greift, um Produktionskonzepte, wie "just in time" umzusetzen. Sobald da nur ein bisschen Sand im Getriebe ist, droht das fragile Konstrukt aus den Fugen zu geraten. Jetzt legt ein Virus wichtige Produktionsstätten in China und auch in anderen Ländern wie etwa Italien lahm, ein kapitaler Fertigungs-Motorschaden wird immer wahrscheinlicher, je länger die Fabriken geschlossen sind.

Total-Ausfall droht

Die Auswirkungen waren dementsprechend fatal. Und das nicht nur in China, wo die Bänder vielerorts stillstehen. Hersteller wie Renault-Samsung, General Motors sowie SsangYong, aber auch Hyundai und Kia haben ihre Produktion in Korea längst aussetzen müssen, weil dringend benötigte Bauteile aus China nicht geliefert wurden. Auch in Norditalien führt Covid-19 zu Produktionsaussetzern. Für den Verband der Automobilindustrie (VDA) ist inzwischen klar, dass sich das Coronavirus zunehmend international und spürbar auf die Prozesse und die Wertschöpfung in zahlreichen Betrieben entlang der Lieferkette auswirkt. "Wir rechnen derzeit nicht mit einem raschen Abklingen der Ausbreitung des Virus‘", sagte VDA-Chefin Hildegard Müller.

Das System steuert auf einen Total-Ausfall zu. Noch versuchen die Beteiligten die Defizite nach Kräften zu kompensieren, doch wie lange das noch klappt, steht in den Sternen. Bei ZF bleibt man noch gelassen. "Im Lauf des Jahres kann der aktuell absehbare Produktionsausfall mit Flexibilität und Zusatzarbeit zum Teil wieder aufgeholt werden. Wir gehen davon aus, dass sich die Märkte in einiger Zeit wie auch nach Grippewellen wieder normalisieren. Jene Regionen, in denen sich die Coronaviren derzeit stärker verbreiten, stehen aber erst am Anfang der wirtschaftlichen Probleme, die China schon hinter sich hat", heißt es aus Friedrichshafen.

Fliegen auf Sicht

Bei den Autobauern hofft man inständig, dass die chinesischen Betriebe bald wieder die Arbeit aufnehmen beziehungsweise weiterhin arbeiten. "Die Joint Ventures FAW-Volkswagen und Saic Volkswagen der Volkswagen Group China haben ihre Produktionspläne aktualisiert. Wir arbeiten hart daran, zu normalen Produktionsprozessen zurückzukehren, sehen uns jedoch Herausforderungen gegenüber, die auf einen verzögerten landesweiten Neustart der Lieferketten sowie eingeschränkte Reisemöglichkeiten für Produktionsmitarbeiter zurückzuführen sind", so Nicolas Thorke, Pressesprecher von VW China. Wie es bei einer zweiten Epidemiewelle weitergeht, wenn sich die Lage verschärft, steht noch in den Sternen.

In Teilen der Automobilindustrie laufen schon Planspiele, wie man die Produktion gegen eine solche Unbill resistenter machen kann. Schließlich dürfte das Coronavirus nicht der letzte Erreger dieser Art gewesen sein, der die Welt heimsucht. Sogar die heilige Kuh "just in time"-Produktion kommt auf den Prüfstand - man denkt wieder über größere Vorhaltebestände nach. Der Zulieferer ZF sieht diese Notwendigkeit indes noch nicht: "Drohende Lieferengpässe können vermieden werden, indem wir aus anderen Werken unseres weltweiten Produktionsnetzwerks liefern, manchmal mit umständlicheren Transportwegen, notfalls per Luftfracht. Die branchenübliche Lieferung "just in time" bleibt aber bestehen - ein Aufbau von Sicherheitsbeständen als Puffer ist nicht geplant." Wenn sich aber der Covid-19-Virus weiter ausbreitet und auch in den Ersatzfabriken zuschlägt, kommt dieser Notfallplan ins Wanken. Letztendlich ähnelt das Agieren der Automobilindustrie, was den Coronavirus angeht, einem Fliegen auf Sicht, da sich die Lage täglich ändert. Der Epidemieverlauf in China entscheidet, wie groß der wirtschaftliche Schaden sein wird.