| von Wolfgang Gomoll

Sir Ralf Speth war bester Laune. "Unser Herz und Seele liegen hier in England", verkündete der deutsche Jaguar Land Rover-Chef voller Inbrunst. Der Anlass dieses Treuebekenntnisses zum Vereinigten Königreich war die Eröffnung des nagelneuen Entwicklungszentrums in der Konzernzentrale in Gaydon. Ganz dem Zeitgeist entsprechend mit Holz, viel Tageslicht, erneuerbaren Energien und einer 3.000 Quadratmeter großen Fotovoltaikanlage auf dem Dach. "Wir haben in Glas, Holz und Steine investiert", strahlt Speth. Fast 500 Millionen britische Pfund, auf einer Fläche von vier Millionen Quadratmetern. "Aber das Wichtigste sind Menschen. Rund 13.000 Mitarbeiter, Ingenieure, Designer, aber auch andere Divisionen des Autobauers, wie der Einkauf sitzen unter einem Dach, tüfteln an den Jaguars und Land Rovers der nächsten Generation.

Wenn es um das nachhaltig gestaltete Gebäude geht, platzt dem Jaguar-Land-Rover-Chef der Stolz aus jedem Knopfloch. Kommt die Sprache auf den Brexit, nimmt der Fan des 1. FC Nürnberg sofort die Deckung hoch. "Darüber mag ich nicht so gerne sprechen", sagt Speth und lächelt dabei freundlich. Auch wenn der Franke den Begriff vermeidet, schwingt der EU-Abschied des Vereinigten Königreichs dauernd mit. "Großbritannien wird ein wichtiger Spieler im globalen Rennen um die Mobilität der Zukunft sein", sagt der ehemalige BMWler und wird nicht müde darauf hinzuweisen, wie autark Jaguar Land Rover agieren kann. Sei es bei der Zusammenarbeit mit den renommiertesten Universitäten England beim Erforschen neuer Technologien oder dem Testen des autonomen Fahrens in dem Midlands, wo Jaguar Land Rover zu Hause ist. Selbst den dahinsiechenden öffentlichen Nahverkehr will der britische Autobauer aufpeppen und natürlich auch noch neue Autos bauen. Auch das soll mit dem neuen Gebäude schneller erledigt sein. Bei einem Hersteller, der aktuell finanziell nicht auf Rosen gebettet ist, ein nicht unwesentlicher Kostenfaktor. Dabei gibt die Strategie "Destination Zero" die Richtung vor. "Null Unfälle, null Emissionen, null Staus", lautet die Maxime. Ralf Speth ergänzt: "Mobilität ist ein Grundrecht."

Bis 2020 soll jede Baureihe ein elektrifiziertes Modell haben. Der nächste Jaguar XJ soll ein rein elektrisches Fahrzeug sein. Wenn es um die Details des Flaggschiffs geht, wird Sir Ralf ähnlich einsilbig wie bei der Politik, lässt sich aber einige Parameter entlocken. "Anders als alle erwarten, dennoch ein echter Jaguar, agil und so leicht wie möglich." Leicht und batterieelektrisch sind nicht unbedingt Begriffe, die in einem direkten kausalen Zusammenhang stehen. Auch wenn die Batterien pro Jahr ein paar Prozent an Energiedichte gewinnen und deswegen an Gewicht verlieren, wird das ein ambitioniertes Unterfangen - selbst wenn die Briten sich eine Leichtbau-Expertise durch das Hantieren mit Aluminium angeeignet haben. Ein Ausweg aus dem Zielkonflikt soll eine dichte Lade-Infrastruktur sein. Damit könnte man auch die Größe der Batterien verringern. "Die psychologische Reichweitenangst der Autofahrer muss dazu fallen", erläutert Ralf Speth. Gut möglich, dass der nächste XJ verschiedene Akkuvarianten bekommt. Zumindest werden die Briten beim Umsetzen der Elektromobilität von der Zusammenarbeit mit BMW profitieren. Die läuft laut dem Jaguar Land Rover-Lenker übrigens "solide", die Münchner hätten das identische Verständnis von Technik, Premium und den Kunden wie der britische Autobauer.

Da passt es ins Bild, dass der ehemalige BMW-Mann Speth seinem Kooperationspartner das neue Entwicklungszentrum bereits gezeigt hat, ebenso dem obersten Konzern-Patriarchen Ratan Tata. Disruptiv wollen sie bei Jaguar Land Rover sein, neue Ansätze finden und verwirklichen. Allerdings erteilt Ralf Speth der Brennstoffzelle und damit dem Wasserstoff eine klare Absage. Diese Technologie sei zu energieintensiv und zu ineffizient.