„Schatz, fahr doch bitte nicht so schnell!“, hallt es vom Beifahrersitz. Eine Bitte, die heutzutage in den meisten Fällen nach einem kurzen Blick des Mitfahrers auf den Tachometer fällt. Vor mehr als 100 Jahren war das noch anders. Die Autos, oft nicht mehr als pferdelose Kutschen, fuhren maximal 30 Kilometer pro Stunde und so etwas wie einen Geschwindigkeitsmesser brauchte noch niemand. Die Bitte nach einem etwas langsameren Tempo kam damals wahrscheinlich nur auf, wenn die Anzahl der Fliegen zwischen den Zähnen überhandnahm. Am 7. Oktober 1902 meldete jedoch der Ingenieur Otto Schulze am kaiserlichen Patentamt in Berlin den Wirbelstromtacho an. Dieser änderte zwar nichts an den Fliegen, doch konnte mithilfe seines Gerätes die Geschwindigkeit eines Landfahrzeugs sowohl gemessen als auch für den Fahrer deutlich dargestellt werden. Was in den ersten Jahren als überflüssig galt und auf Grund dessen aufpreispflichtig war, sollte innerhalb kürzester Zeit zur Serienausstattung werden. Denn die Autos wurden immer schneller, die Unfälle schlimmer. Was folgte waren Geschwindigkeitsbegrenzungen, die dank des Tachometers von Otto Schulze überhaupt erst umzusetzen waren.

Warum heute ein Fahren ohne funktionierenden Tacho lebensgefährlich sein kann und er daher vorgeschrieben ist, ist schnell erklärt: Im Gegensatz zu den pferdelosen Kutschen fährt jeder Neuwagen schneller als 100 Kilometer pro Stunde. Mit seinen fünf Sinnen ist der Mensch zwar in der Lage den Weg dahin sprich die Beschleunigung und auch das Abbremsen zu registrieren, doch bei einem konstanten Tempo stoßen die Sinne an ihre Leistungsgrenzen. Wer jetzt meint, dass er anhand der Fahrgeräusche die aus Fahrtwind, Abrollgeräuschen der Reifen und Motorenklang resultieren, die Geschwindigkeit ableiten kann, der mag dies während einer Fahrt in seinem gewohnten Automobil können. Doch bleibt es zum einen bei einem Schätzwert und zum anderen wird dieses Abschätzen in fremden Fahrzeugen, vor allem luxuriösen und nahezu schallisolierten Innenräumen von Oberklasselimousinen, so gut wie unmöglich.

Ein Tachometer hingegen liefert dank seiner Technik einen genauen Wert. Oder besser gesagt: In Europa und vielen anderen Ländern zeigt er niemals ein zu geringes Tempo an, während er gleichzeitig nach oben um maximal zehn Prozent plus vier Kilometer pro Stunde abweichen darf. Die Ungenauigkeiten kommen daher, weil die Geschwindigkeit anhand der Drehzahl der Antriebswelle beziehungsweise der Räder bestimmt wird. Einmal geeicht, orientiert sich der Tacho an einer festgelegten Radgröße. Da jedoch neben der Größe, sich auch der Luftdruck und die Profiltiefe ändern und sich somit negativ auf die Genauigkeit der Anzeige auswirken können, wird jeder Tacho sicherheitshalber etwas optimistischer in puncto Tempo eingestellt. Eine tatsächliche Geschwindigkeit lässt sich durch die Nutzung von GPS-Daten oder das sogenannte Peiseler-Schlepprad bestimmen. Letzteres ist allerdings hauptsächlich für Tests unter Laborbedingungen gedacht. Das wie ein Fahrradrad ausschauende Schlepprad wird hinter oder neben dem Auto montiert – daher auch sein englischer Name Fifth Wheel – und ist mit magnetischen oder optoelektronischen Sensoren ausgestattet. Auf diese Art werden Radumdrehungen gemessen und gespeichert.

In den handelsüblichen Tachos aktueller Fahrzeuge „ist die treibende Kraft hinter der Tacho- und Drehzahlmessernadel heute ein sogenannter Schrittmotor“, verrät Eelco Spoelder, Leiter des Continental Geschäftsbereichs Instrumentation and Driver HMI. „Der Schrittmotor bewegt die Tachonadel um einen minimalen Winkel (Schritt) oder um ein Vielfaches. Je kleiner dabei die Schrittlänge, desto präziser ist auch die Bewegung der Tachonadel. Mikrocontroller rechnen die Signale aus dem Geschwindigkeitssensor am Rad in die notwendigen Schritte des Schrittmotors um“, so Spoelder weiter. An der Beliebtheit dieser Technik änderte auch die erste volldigitale LCD-Anzeige im VW Golf II GTI im Jahr 1986 nichts. In den meisten Autos sorgt immer noch eine Nadel innerhalb eines Rundinstruments für die Tempo-Anzeige.

„Dass Tacho und Drehzahlmesser meistens rund sind, hat in erster Linie ergonomische Gründe. Runde Instrumente sind intuitiv abzulesen. Der Fahrer muss wenig Konzentration aufwenden, kann besser auf das Verkehrsgeschehen achten und erhält trotzdem die wichtigsten Informationen“, so Spoelder. Und weiter: „Aus diesem Grund sind Instrumente wie der Tacho, der Drehzahlmesser, die Tankanzeige oder die wichtigsten Warnleuchten, auch alle innerhalb des etwa 30 Grad umfassenden direkten Sichtfelds des Fahrers, meist in einem Kombiinstrument hinter dem Lenkrad zusammengefasst.“ 111 Jahre nach der Patentanmeldung steht die vorerst letzte Generation der Geschwindigkeitsanzeige in Form von Head-Up-Displays in den Autohäusern. Geschwindigkeit, Navigation und andere Fahrzeuginformationen werden so direkt auf die Frontscheibe, oder auf eine stehende kleine Scheibe vor der Frontscheibe, projiziert.

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Marcel Sommer; press-inform