Irgendwo zwei Stunden außerhalb der Spielermetropole Las Vegas am südlichen Ende des Death Valley Nationalparks recken sich ohne Vorwarnung zwischen steinigen Hügelketten ein paar Dünen in den strahlend blauen Himmel Kaliforniens. Auf einmal tanzt hinter seicht geschwungenen Sandlinien untermalt von einem sonoren Grollen ein kleines, leuchtend rotes Dreieck auf. Es scheint sich dem Wind hinzugeben, doch im nächsten Augenblick springt unter dem gefühlten Kinder-Windspiel ein weißer Koloss aus dem Sand hervor, kippt über die sandige Dünenkante und brüllt den steilen Hang herab.

Das rote Sicherheitsdreieck ist obligatorisch für alle, die hier im Sand spielen wollen. Daher ist auch der Mercedes GLS mit diesem ungewöhnlichen Extras am Dach unterwegs. Sonst könnte es hinter dem nächsten Kamm böse Überraschungen geben. Die geänderte Front mit neuen Scheinwerfern, mächtigem Grill sowie geänderter Haube und Schürze ist in der Sandfontäne kaum zu erkennen. Mercedes hat aus dem hauseigenen Geländewagen-König GL den GLS gemacht. Neue Nomenklatur – bekannte Technik, denn hier hat sich nicht wirklich viel getan. Die Front ist neu, das Heck ebenfalls leicht aufgefrischt und der Fahrer schaut auf ein Cockpit im Stile des kleineren GLE, der einst ML hieß.

Alles verstanden? Die neue Nomenklatur von Mercedes ist logisch; doch alles andere als gelernt. Der Buchstabenzuwachs am Heck des einstigen GL ist da noch eine der einfachsten Übungen. Nur zu gerne würden die Schwaben mit einem echten Geländewagenkonkurrenten für das Luxusaushängeschild Range Rover protzen oder gar den brandneuen Bentley Bentayga angreifen, der auf ein mächtiges W12-Triebwerk setzt. Doch dafür sind die Waffen des Mercedes GLS trotz aller Allradantriebs, Überarbeitungen und des ebenso imageträchtigen wie leistungsstarken Aushängeschildes AMG GLS 63 mit seinen 585 PS einfach zu stumpf.

Unverändert ist der Mercedes GLS der große Bruder des Oberklasse-SUV GLE und das merkt man im Innern deutlich. Das Platzangebot des Kolosses aus Tuscaloosa ist gigantisch und die dritte Sitzreihe neben der des Cadillac Escalade die wohl einzig ernsthaft nutzbare. Aber in Sachen Sitzkomfort kann der GLS mit den Luxusmodellen aus dem Segment allenfalls in der ersten Reihe mithalten. Der Sitzkomfort im Fond ist mäßig; eine Einzelsitzanlage oder zumindest elektrische / klimatisierte Fondsitze sucht man in der gewohnt umfangreichen Sonderausstattungsliste vergeblich. Der Laderaum schluckt dagegen mächtige 680 bis 2.300 Liter.

Im Gelände kann der 5,13 Meter lange Mercedes GLS mit neuem Namen jedoch ebenso punkten wie sein Vorgänger. Überaus komfortabel und geräuscharm geht es über amerikanische Highways und Landstraßen niedriger Ordnung. Hier im Westen der USA zogen einst die Eroberer-Tracks mit ihren Planwagen durch. Mit deutlich reduziertem Luftdruck geht es 200 Jahre später den nächsten Dünenkamm herauf; dem Dicken aus Tuscaloosa macht sein Übergewicht von 2,5 Tonnen in dem lockeren Geläuf zu schaffen. Doch Geländeprogramme, über 30 Zentimeter Bodenfreiheit und angestellte Fahrwinkel lassen ihn die Dünen, die sich einst durch Wind und Abraum erschaffen haben, allemal problemlos heraufkrabbeln.

Anfangs ist nur ein Brabbeln zu vernehmen, was in weniger als fünf Sekunden zu einem Brüllen erwächst. Am blauen Horizont zuckt hinter dem nächsten Dünenkamm wieder ein rotes Dreieck auf. Im nächsten Moment fliegt ein paar Meter weiter ein Sandpiper durch die Luft, taucht in den Sand und donnert den sandigen Abhang herunter und einen Kamm weiter wieder hinauf. Die Sandpiper bestehen aus nicht viel mehr als einem Gitterrohrgestell, vier Ballonreifen, einem Motor im Heck, Lenkrad und Sitz. Dem mit zunehmender Distanz abnehmendem Klang nach wird dieser Proband von einem GM-Big-Block befeuert, der ihn wild und ungestüm Hänge jeglicher Art hinauftreibt. Eine breite Spur und ein langer Radstand sorgen dafür, dass Umkippen zum Ding der Unmöglichkeit wird.

Bei so viel Dampf sieht selbst der aufgeladene V8-Turbo im Mercedes GLS 500, der in den USA unverändert als 550er verkauft wird, schwächlich aus. 335 kW / 455 PS und 700 Nm wirken hier im tiefen kalifornischen Sand jedoch deutlich weniger imposant als zwei Meilen weiter auf der Straße Richtung Tecopa, dem Old Spanish Trail Highway. Wer will, drückt den weißen Koloss in 5,4 Sekunden auf Tempo 100 und fährt bei 250 km/h in den Begrenzer. Der in Aussicht gestellt Normverbrauch: 10,9 Liter Super – hier in den USA durchaus zu schaffen. Besser abgestimmt als zuvor zeigt sich die obligatorisch bei allen GLS außer dem 63er AMG verbaute Neungang-Automatik, die selbst hier in den Dünen überzeugen kann und auf befestigtem Untergrund zurückhaltend im Hintergrund ihre Arbeit verrichtet.

Seine meisten Kunden findet der Mercedes GLS unverändert in den USA. In Europa tut er sich nicht nur wegen seiner üppigen Dimensionen, sondern insbesondere wegen eines fehlenden konkurrenzfähigen Dieselmotors schwer. Nach wie vor haben die Schwaben hier nur den einfach aufgeladenen Dreiliter-Diesel (ab 62.850 Euro) mit 258 PS und 620 Nm maximalem Drehmoment im Angebot, während die Konkurrenz Sechs- und Achtzylinderdiesel mit bis an die 400 PS bietet, die in dieser Gewichtsklasse deutlich souveräner ihre Arbeit verrichten. Hier heißt es auf den nächsten Mercedes GLS warten und aktuell nichts unter dem mindestens 81.600 Euro teuren GLS 500 kaufen.

Der kommende Mercedes GLS wird ab 2018 nicht nur die neue Daimler-Motorengeneration, sondern auch eine Edelvariante bekommen, die als Maybach der übermächtigen Konkurrenz mit Range Rover und Bentley Bentayga Konkurrenz machen soll. Und dann kommt da ja auch noch der BMW X7.

Alle Beiträge zu den Stichwörtern Mercedes Geländewagen

Stefan Grundhoff; press-inform