Der große China-Boom ist vorerst vorbei. Nicht nur die Wirtschaft legt keine exorbitanten Wachstumszahlen mehr hin, auch den Bau neuer Fabriken beäugen die Automobilbauer zunehmend kritisch. Zwar muss der Anteil der lokalen Produktion aus regulatorischen und finanziellen Gründen (Importzölle) nach wie gegeben sein, aber die Arbeitskosten steigen auch im Reich der Mitte. "In den Boomregionen sind die Löhne der Fabrikarbeiter nicht mehr so viel niedriger als in Teilen Europas", erklärte ein Manager eines Automobilherstellers unlängst. Also denkt man auch bei Fabriken, die in China entstehen sollen, mittlerweile über einen höheren Automatisierungsgrad nach.

Damit hat Tesla kein Problem. Der Elektromobilitätsspezialist baut in Shanghai eine sogenannte Gigafabrik, in der pro Jahr bis zu 500.000 Autos gebaut werden sollen. Die Bauarbeiten sollen schon im Sommer beginnen. So will sich Tesla unabhängiger von wirtschaftlichen Rahmenbedienungen machen, die die Verkäufe negativ beeinflussen, wie das der Handelskrieg zwischen den USA und China gerade tut. Daimler ist da schon einen Schritt weiter und baut in China zusammen mit seinem Joint Venture Partner BAIC die Produktionskapazitäten im größten Automarkt der Welt aus: rund 1,5 Milliarden Euro will der schwäbische Autobauer dafür in die Hand nehmen. In Beijing entsteht ein zweiter Produktionsstandort, in dem Mercedes-Benz Modelle "Made in China, for China”, darunter auch Elektromobile vom Band laufen.

Allerdings wächst bei den deutschen Autobauern die Skepsis, ihr Wohl und Wehe allein im Reich der Mitte zu suchen. Zu offensichtlich sind mittlerweile die Pläne der hiesigen Regierung, möglichst bald Autos aus China für die Welt bauen zu wollen. Gerade bei der Elektromobilität will man das Heft des Handelns in der Hand behalten und vor allen bei den Batterien nicht noch mehr an Boden verlieren. Das bedeutet: Europa wird als Produktionsstandort wieder sexy. Mercedes baut im polnischen Jawor knapp 100 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt eine Batteriefabrik. Im sächsischen Kamenz sollen schon dieses Jahr Batterien gefertigt werden. Neue Fabriken sind in den Mercedes-Benz Werken Sindelfingen, und Untertürkheim geplant. Auch VW setzt bei der Elektromobilität zunehmend auf den Heimspielfaktor. In Zwickau entsteht die erste Fabrik, in der der VW ID. entstehen wird. Später soll diese Transformation auch an anderen Werken fortgesetzt werden. Bei VWs weltweiten Produktionsnetzwerk wird die Fertigung der Elektromobile sicher auch in anderen Regionen, vor allem in China hochgefahren werden. Bis zum Jahr 2025 sollen rund eine Million Elektroautos, die alle auf dem MEB-Baukasten basieren, jährlich vom Band laufen.

Europa rückt in den Fokus

Der Fokus bei VW hat nicht zuletzt mit der Eigentümerstruktur des Konzerns zu tun, Das Land Niedersachsen ist mit 20 Prozent beteiligt und setzt alles daran, dass Arbeit im VW-Kern-Bundesland bleibt. Dazu kommt noch eine traditionell starke Arbeitnehmervertretung. Diese Ausrichtung auf Europa schlägt auch bei Audi durch. Das erste Elektroauto der Marke wird in Brüssel gebaut. Den Plan alle E-Audis in Belgien zu fertigen verfolgt der Vorstand nicht mehr länger, da diese Autos auch auf VWs MEB-Baukasten basieren werden, kommen auch die Werke der Mutter in Betracht.

Die Batteriemontage wird auch in Neckarsulm erfolgen. Bei einem geplanten Audi-Werk in Osteuropa ist die endgültige Entscheidung noch nicht gefallen. Der Betriebsrat forciert eine Auslastung der bestehenden Kapazitäten.

Ähnlich läuft es bei Skoda. Die Tschechen beginnen dieses Jahr mit der Fertigung von Elektrokomponenten für Plug-in-Hybride mehrerer VW-Marken im Stammwerk in Mlada Boleslav. Im nächsten Jahr macht Skoda dann den nächsten Schritt und will die Serienversion des Elektro-SUVs Vision E ebenfalls dort bauen. Porsches Elektrosportwagen Taycan wird in Zuffenhausen vom Band laufen. Aktuell wird gerade die Produktion umgestellt. Und BMW? Der Münchner Autobauer forciert die Stammwerke in der bayerischen Metropole, Dingolfing und Regensburg, baut aber im ostungarischen Debrecen ein neues Werk. Das soll etwa halb so groß sein wie Dingolfing und rund 1.000 Mitarbeitern Arbeit geben. BMW-Chef Harald Krüger bringt es auf den Punkt: "Nach hohen Investitionen in China, Mexiko und den USA stärken wir nun den Standort Europa und damit die globale Balance unserer Produktion zwischen Asien, Amerika und Europa."

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