Im eiskalten Detroit gibt es in diesem Januar eine neue Liebe zu feiern. Die modernsten US-Pick-ups (heißen hier Trucks) sind zunehmend nicht nur mit bulligen Achtzylindern, sondern auch mit effizienten Dieselmotoren zu bekommen. Während sich die Selbstzündertechnik in Europa und speziell in Deutschland nach dem Abgasskandal immer schwerer tut und sich der Verkaufsanteil zuletzt von 46 auf knapp 40 Prozent reduzierte, sieht das in den USA ganz anders aus. Bei Limousinen, SUV oder Geländewagen interessiert sich unverändert kaum jemand für Dieselmotoren. Doch bei Full-Size-Pick-ups wie Ford F-150, Chevrolet Silverado oder Dodge Ram sieht das ganz anders aus. Dabei ist der Dieseltrend alles andere als neu. Die noch größeren Lastesel wie Ford F-250 / 350, Ram 2500 / 3500 oder Chevrolet Silverado Heavy Duty mit hohen Trag- und Zuglasten sind schon lange mit Dieselmotoren (über 300 PS / 500 Nm maximalem Drehmoment) im Modellprogramm.

Doch zunehmend kommen die nationalen Automogule Ford, General Motors und FCA auch bei ihren Massenmodellen auf den Dieselgeschmack. Erstmals ist das meistverkaufte Auto der USA, der Ford F-150, neben dem bekannten Motorenportfolio auch mit einem 250 PS starken Selbstzünder zu bekommen. Im vergangenen Jahr wurden von Fords F-Serie knapp 897.000 Fahrzeuge verkauft; ein Zuwachs von mächtigen 9,3 Prozent. Auf Platz zwei lag mit spürbarem Abstand der Chevrolet Silverado, der auf der NAIAS 2018 von einem komplett neu entwickelten Nachfolger abgelöst wird. General Motors verkaufte vom Silverado und den Heavy-Duty-Schwerlastbrüdern 586.000 Fahrzeuge zzgl. 218.000 Fahrzeuge vom edleren Schwestermodell GMC Sierra. Auf Platz drei landete erneut die Palette Dodge-Modelle Ram 1500 - 3500, von denen immerhin knapp über 500.000 Fahrzeuge verkauft wurden. Auf der NAIAS 2018 wurde der Ram ebenfalls komplett neu aufgelegt. Auf den weiteren Plätzen lagen unverändert Pick-ups von Nissan (Titan) und Toyota (Tundra), die insbesondere bei kleineren Modellen erfolgreicher sind.

Wer meint, dass die Amerikaner ein Volk von elektrobegeisterten Autofans sind, sieht sich bei einer Tour durch das ganze Land getäuscht. Elektromodelle wie Teslas Model S / Model X, der Nissan Leaf oder einem BMW i3 bekommt man allenfalls in den Millionenmetropolen von Kalifornien oder New York in nennenswerter Anzahl zu Gesicht. Mehr denn je bestimmen unverändert Pick-ups, und hier insbesondere die mächtigen Full-Size-Pick-ups, das Straßenbild. Sie sind fair gepreist, werden von leistungsstarken V6- / V8-Triebwerken mit bis zu 500 PS angetrieben und haben einen mächtigen Alltagsnutzen für Arbeit, Freizeit und alle Jahreszeiten. Während Allradantrieb und Getriebeautomatik seit Jahrzehnten zumeist obligatorisch sind, wurden die die Modelle in den vergangenen Jahren echte Luxusmodelle mit Fahrerassistenzsystemen, Hightech-Triebwerken und kompletter Vernetzung.

Full Size matters

Erst Dodge Ram 1500 (240-PS-Diesel), jetzt Ford F-150 (250-PS-Diesel) und nun auch der Silverado - der neue Chevy ist nicht nur mit leistungsstarken Sechs- und Achtzylinderbenzinern, sondern erstmals auch mit einem Reihensechszylinder-Diesel zu bekommen. Der Normverbrauch soll bei knapp acht Litern Diesel liegen - einer Ersparnis von 20 bis 30 Prozent im Vergleich zu den bisherigen Benzinern. Um den neuen Silverado und seine Schwerlastversionen der neuen Generationen in Silao (Mexiko), Ford Wayne / Indiana und Flint / Michigan konkurrenzfähig produzieren können, investierte General Motor gerade erst drei Milliarden Dollar in die Neuausstattung seiner drei Werke. "Mit dem komplett neu entwickelten Silverado haben wir den besten Pick-up von der Straße genommen und ihn noch besser gemacht", sagt Mark Reuss, oberster Produktmanager bei General Motors, "er hat einen längeren Radstand sowie mehr Raum für Passgiere und Ladung. Und dank unserem Materialmix ist er über 200 Kilogramm leichter als das aktuelle Modell." Bei leicht gewachsenen Dimensionen gibt es erstmals eine serienmäßige Zehngangautomatik und Räder bis zu 33 Zoll. Die Preise dürften wie bisher für den 3,6 Liter großen V6-Benziner offiziell bei 28.000 Dollar beginnen.

Die meisten Modelle in den USA sind die mehr als 5,30 Meter langen Full-Size-Pick-ups. Doch auch eine Klasse darunter wird die Nachfrage nach Modellen mit einer offenen Ladefläche immer größer. Ford zeigt auf der NAIAS 2018 in Detroit erstmals seinen neuen Ranger, der auch nach Europa kommen wird und hier auch gegen die Konkurrenz von deutschen Herstellern VW Amarok und Mercedes X-Klasse antreten wird, die beide auf dem US-Markt nicht verfügbar sind.

Teurer Dieselkraftstoff

So richtig ist der Dieseltrend in den USA bisher nicht angekommen. Gerade die europäischen Hersteller versuchten es in den vergangenen 40 Jahren immer wieder, den zylinder- und hubraumverliebten Amerikanern ihre Selbstzündertechnik aufzuschwatzen. Doch die Vorteile von Dieselmotoren in Bezug auf Drehmoment, Reichweite oder Realverbrauch zündeten im Land der unbegrenzten automobilen Möglichkeiten einfach nicht. In den späten 70er und 80 Jahren schaffte es allein Mercedes im Sonnenstaat Kalifornien eine nennenswerte Zahl von Dieselversionen von E- und S-Klasse zu verkaufen. Modelle wie den Mercedes 300 SD / SDL der Baureihe W 126 oder einen Mercedes 300 CD (C 123) kann man in San Diego, Los Angeles oder Palm Springs noch heute im Straßenverkehr mit hunderttausenden von Kilometern auf dem Tacho bewundern.

Der letzte große Dieseltrend verpuffte vor knapp zehn Jahren, als man Diesel zu einem Hightechantrieb unter dem neuen Bluetec-Label machen wollte. Letztlich fanden Audi, BMW, Mercedes, Volkswagen und Porsche aber nicht zusammen und verkauften ihre Diesel mit einem inoffiziellen Clean-Diesel-Label jeder für sich mit überschaubarem Erfolg. Volkswagen, Audi und Porsche nahmen ihre Diesel mittlerweile komplett aus dem US-Programm, während Hersteller wie Jaguar Land Rover oder Mazda mit neuen Dieselversionen den SUV-Markt erobern wollen. Die Gründe für den bisherigen Misserfolg von PKW-Dieseln in den USA sind vielfältig. Ein Problem sind die fehlenden Subventionen, denn während der Dieselkraftstoff in den meisten europäischen Staaten steuerbegünstigt wird, sieht das in den Vereinigten Staaten ganz anders aus. Hier ist der Dieselkraftstoff zumeist nennenswert teurer und kann nicht an allen Tankstellen nachgezapft werden. Kostet eine Gallone (3,8 Liter) Normkraftstoff zwischen 2,00 und 3,30 Dollar, liegt das Preisniveau des Dieselkraftstoffs rund 10 bis 20 Prozent darüber. Bleibt abzuwarten, ob die Amerikaner in den nächsten Jahren doch noch auf den Dieselgeschmack kommen - die Pick-ups könnten ein Trend einleiten, sodass die Diesel doch noch auf die Erfolgsspur kommen.