Manchmal spielt einem das Leben absonderliche Streiche. Als 2010 bei Dieter Röscheisen das Telefon klingelt, ist ein Engländer am anderen Ende der Leitung. Der Mann von der Insel behauptet, dass er die Nummer von Walter Röhrl bekommen habe und dass er der Besitzer jenes Rallye-Porsche 911ers sei, mit dem Röscheisen Ende der 1970er Jahre einige Rallyes bestritten und die Unterfranken-Wettfahrt gewonnen hatte. Der Porsche-Versuchsfahrer und -Techniker reagiert verwundert. Ja, er hatte 1980 seinen Porsche bei Walter Röhrls erster Weltmeisterschaftsfeier verkauft, ja, an einen Engländer, aber der hatte doch einige Unfälle mit dem Auto. "Das fährt doch sicher nicht mehr", erinnert sich der ehemalige Rallyefahrer.

Doch der Mann aus dem Königsreich insistiert und so fliegt Röscheisen nach Birmingham und trifft den Porsche-Fan anlässlich einer Auto Show in Birmingham. Tatsächlich es ist sein ehemaliger Rennwagen, doch bei einer Sonderprüfung, die rings um das Messegebäude stattfindet, stellt der Schwabe schnell fest, dass der Bolide nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Die vielen Crashs haben ihre Spuren hinterlassen. "Das Fahrwerk war total weich und der neue Besitzer ist auch nicht besonders materialschonend gefahren", erklärt der Porsche-Mann. Deswegen lehnt er auch dankend ab, als er eine Runde drehen soll. "Das war nicht mehr mein Auto". Als der ehemalige Rallye-Weltmeister Stig Blomquvist fragt, ob er fahren darf, sagt der Brite "No".

Röscheisen hat viel erlebt: Als Fahrzeugtester und als Motorsportler. Als Walter Röhrl 1981 ohne Auto dasteht, weil der Mercedes-Werksvertrag nicht zustande kommt, meldet sich der Regensburger Lenkradkünstler beim Schwaben. "Schade, dass Du Dein Auto verkauft hast, da hätten wir was zum Fahren." Dieter Röscheisen überlegt nicht lange: "Dann bauen wir halt ein neues auf." Gesagt, getan, Der passionierte Rallyefahrer und Porsche-Techniker macht sich mit Feuereifer an die Arbeit und schafft das Kunststück. Röhrl mischt mit diesem Porsche die Rallyeszene auf, bekommt 1982 wieder einen Werksvertrag bei Opel und wird prompt erneut Rallye-Weltmeister. Dieter Röscheisen schafft es später sogar als Techniker in das Formel-1-Team von Sauber.

Halsbrecherische Versuchsfahrten

Immer wieder kreuzen Rennsportgrößen den Weg des bescheidenen Versuchsfahrers. Er arbeitet mit Michelle Mouton und Hannu Mikkola bei der Vorbereitung der Rallye-Boliden zusammen und ledert bei einem Beschleunigungstest mit dem Audi S1 auf den ersten hundert Metern Hans-Joachim Stuck in dessen Porsche 962 ab. "Der hat ganz schön geschaut." Röscheisens Motorsportbegeisterung macht vor nichts halt: Selbst einen Renn-Trabi oder ein Goggomobil bewegt er im Streben nach sportlichen Ehren und fährt mit einem BMW 2002 ti Rallyes. Viele dieser Momente hält der begeisterte Hobbyphotograph und Vater eines Sohnes, der ebenfalls bei Porsche arbeitet, mit seiner Kamera fest. Auch Michael Schumacher vertraut dem knipsenden Rennsport-Kollegen und lässt ihn ganz nahe an sich ran.

Der Versuchstechniker und Testfahrer spricht nicht gerne über sich. Doch wenn er von den guten alten Zeiten schwärmt, strahlen die blauen Augen des großgewachsenen sympathischen Mannes, der sich vom KFZ-Lehrling (bei einem Ford-Händler) über die Meister- und Technikerschule bis in die Porsche-Testabteilung hochgearbeitet hat. "Ein Testfahrer muss sportlich Auto fahren können, sonst wird es schwierig", sagt Röscheisen. Und ein Auto schnell zu bewegen, das kann er. So gut, dass er beim Film "Carnapping" bei den halsbrecherischen Verfolgungsszenen als Fahrer agiert. Dass es nicht zur großen Hollywood-Karriere gereicht hat, berührt den Mann, der nach 40 Jahren, sechs Monaten und 26 Tagen das Berufsleben ausklingen lässt, nur bedingt.

Dafür sind die Geschichten, die er zu erzählen weiß, umso spannender. Von blockierenden Reifen und halsbrecherischen Testfahrten mit dem Porsche 959 bis hin zu seinem anderen Test-Königsprojekt, dem Audi S1 Quattro. Dem "Über-Auto", wie Röscheisen heute den hochgezüchteten Rallyeboliden heute noch nennt. Bei solchen Aufgaben kommt es nicht nur darauf an, schnell um die Kurve zu heizen, sondern auch akkurat Probleme zu schildern und Lösungswege aufzuzeigen. Diese Präzision merkt man Röscheisen nicht nur hinter dem Lenkrad, sondern auch im Gespräch an, wenn er auf scheinbar noch so unbedeutende Fakten aufmerksam macht. Damals war das Auto-Testen nicht so glamourös, wie man sich das heute vorstellt. Zwar waren die Zeiten hemdsärmeliger und der Ton herzlich-rauer, aber die Fahrzeuge waren nicht immer solche Highlights wie der Audi S1, der Porsche 959 oder als Vergleichsfahrzeuge, den Ferrari F40 oder den DeLorean DMC-12 (das "Zurück in die Zukunft"-Auto). Nur den Ford GT konnte er nicht fahren, dafür ist er zu großgewachsen.