| von Stefan Grundhoff

Der Mercedes EQC ist ein guter Elektro-Crossover, doch ein wahrer Volltreffer ist er nicht. Hier und da hapert es am Design und an technischen Details. Dagegen stimmen die Reichweite und der komfortable Innenraum die Kunden froh. Doch die Erwartungen in Sachen Absatz und Imagegewinn konnte der elektrische Bruder des Mercedes GLC bisher nicht erfüllen. Nicht anzunehmen, dass er dies nachholen kann. So konzentrieren sich die Schwaben nunmehr darauf, die nächsten Elektromodelle zu einem elektrischen Dauererfolg werden zu lassen. Allem voran steht dabei der neue Mercedes EQS, der im Sommer seine Premiere feiern wird. Er ist damit ein Konkurrent zur neuen S-Klasse, die im Hause Daimler nach wie vor so stark wie eine eigene Submarke ist. Wer weltweit im Luxussegment etwas sein will, muss sich mit der S-Klasse messen. Da macht die aktuelle Generation W 223 keinen Unterschied zu ihren Vorgängern.

Doch erstmals gibt es dabei Konkurrenz aus dem eigenen Hause, denn auch wenn der EQS ein völlig anderes Design hat und unterschiedlich positioniert ist, dürfte ab Herbst der EQS auf einigen Märkten ab sofort das neue Topmodell mit dem Stern sein. Der Mercedes EQS ist etwas kürzer als die neue S-Klasse mit langem Radstand, wird aufgrund der Akkus im Fahrzeugboden, des fehlenden Kardantunnels und des nicht benötigten Motorraums vorn aber ein größeres Innenleben haben und mit dem mächtigen Hyperscreen-Cockpit glänzen. Das Außendesign ist anders als das einer gewöhnlichen Limousine und wirkt eher wie ein Fließheckmodell mit langem Radstand und betont kurzen Karosserieüberhängen. So geht die Frontscheibe beinahe nahtlos in die Motorhaube über. Auch am Heck läuft die große Heckscheibe flach in den kurzen Kofferraumdeckel aus und erinnert so an eine Mischung aus Mercedes CLS und Porsche Panamera.

Wie der Mercedes EQC wird auch der EQS allein als Allradler verfügbar sein. Für den Antrieb dürfte in der Basisversion ein Paket aus dem EQC sorgen, dessen beide Elektromotoren 300 kW / 408 PS leisten. Jedoch dürften es sich die Schwaben kaum erlauben können, den kommenden Mercedes EQS ebenso wie den EQC bei schmalen 180 km/h Höchstgeschwindigkeit abzuriegeln. Da die Konkurrenz von Tesla und Co. bis 250 km/h und schneller rennt, sollte auch bei dem EQS nicht vorab abgeregelt werden. Um gegen das klassenniedrigere Tesla Model S antreten zu können, sind zudem stärkere Versionen mit deutlich über 600 PS sowie AMG-Versionen in Planung. Auch bei der Akkuleistung gibt es einen gewaltigen Schritt nach vorn. Trotz üppiger Dimensionen und 2,5 Tonnen Leergewicht soll der EQS eine Reichweite von 700 Kilometern ohne Nachladen haben. Der elektrische Luxus-Benz wird Ende 2022 zudem einen SUV-Bruder bekommen, der auf der gleichen EVA-Plattform basiert und ähnliche Leistungsdaten haben wird.

Elektro vor Verbrenner

In der Klasse darunter können sich Mercedes-Fans auf den neuen EQE freuen, ebenfalls geplant als Limousine und SUV. Der EQE wird mit Hinter- und Allradantrieb und einem Leistungsspektrum von 300 bis 550 PS verfügbar sein. Vom Band laufen wird die EQE-Limousine in den beiden Daimler-Werken Bremen und Peking. Die chinesische Fertigung wird dann vier Mercedes-EQ Modelle für den lokalen Markt produzieren. Der EQE SUV wird ebenso wie der elektrische EQS Crossover im amerikanischen Werk Tuscaloosa vom Band laufen. Marktstart ebenfalls 2022. Im gleichen Jahr soll in Tuscaloosa / Alabama auch eine Batteriefabrik entstehen, die für die SUV-Versionen von EQE und EQS entsprechende Akkumodule liefern soll.

"Mercedes-Benz geht mit seiner Electric First-Strategie konsequent den Weg zur CO₂-Neutralität und investiert massiv in die Transformation. Unser Fahrzeugportfolio wird elektrisch und somit auch unser globales Produktionsnetzwerk mit Fahrzeug- und Batteriefabriken", so Entwicklungsvorstand Markus Schäfer, "wir wollen im Bereich der Elektromobilität führend sein und legen unseren Fokus insbesondere auf die Batterietechnologie. Dabei setzen wir auf einen umfassenden Ansatz, der von der Grundlagenforschung und Entwicklung bis hin zur Produktion reicht und auch strategische Kooperation einschließt." Bereits zu bekommen ist die elektrische Mercedes V-Klasse, der EQV. Anders als die anderen neuen Fahrzeuge der EQ-Familie wurde er nicht als Elektrovan entwickelt, sondern von dem Verbrenner abgeleitet. Daher müssen sich die Kunden mit einer überschaubaren Reichweite von kaum über 400 Kilometern und insbesondere einem obligatorischen Frontantrieb arrangieren. Eine Allradversion ist aktuell wegen des Batteriepakets im Unterboden nicht möglich.

Weltweite Fertigung

Groß sind die Hoffnung an die kleineren Elektroversionen EQA und EQB. Die Produktion des EQA im Werk Rastatt ist bereits gestartet. Genau wie bei den bereits erhältlichen EQC aus Bremen / Peking und dem EQV aus dem spanischen Vitoria, laufen im Werk Rastatt die vollelektrischen Modelle auf der gleichen Produktionslinie wie die Kompaktmodelle mit konventionellem und Hybrid-Antrieb. In diesem Jahr wird auch das BBAC-Werk in Peking die Fertigung des elektrischen EQA aufnehmen. Der Mercedes EQB wird als großer Bruder EQA und als Ableger des konventionell angetriebenen GLB in diesem Jahr ebenfalls seine Premiere feiern. Produziert wird der EQB im ungarischen Werk Kecskemét und im deutsch-chinesischen Joint-Venture BBAC in Peking für den chinesischen Markt.

"Das Mercedes-Benz-Produktionsnetzwerk ist global, digital und flexibel aufgestellt und bereit für die anstehende Elektro-Offensive - nicht zuletzt dank unserer hochqualifizierten und motivierten Beschäftigten weltweit. Wir starten jetzt ein wahres Mercedes-EQ-Anlauf-Feuerwerk. Sechs elektrische Produktanläufe bis 2022 untermauern die Stärke und Kompetenz der weltweiten Mercedes-Benz Produktionsstandorte", erläutert Daimler-Produktionsvorstand Jörg Burzer, "insgesamt wird das Produktionsnetzwerk damit über sechs Mercedes-EQ-Pkw-Standorte verfügen. Die lokale Fertigung von hocheffizienten Batteriesystemen spielt dabei eine zentrale Rolle in der Mercedes-Benz-Strategie - gekoppelt mit einem umfassenden Nachhaltigkeitskonzept, das den gesamten Lebenszyklus der Batterie bis hin zum Recycling abdeckt."

Wer es zwei Nummern kleiner will, muss sich bis zur kommenden Smart-Generation - wie die aktuelle, rein elektrisch angetrieben - noch etwas gedulden. Die nächste Smart-Familie entwickelt Daimler derzeit zusammen im Joint Venture Smart Automobile Co. (ein Zusammenschluss der Mercedes-Benz AG und der Zhejiang Geely Group) in China, wo auch die Produktion stattfinden soll. Die Batterien für die Mercedes-EQ-Elektrofahrzeuge liefert ein globaler Batterie-Produktionsverbund mit Fabriken auf drei Kontinenten. In den nächsten Jahren soll dies ebenfalls ausgebaut werden und an zahlreichen Werken neue Batteriefertigungen entstehen.

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