| von Wolfgang Gomoll

Neel Jani hat hörbar Spaß. "Ich nehme die Curbs voll, aber nur, weil das nicht mein Auto ist", lacht der Rennfahrer im breitesten Schweizerdeutsch und räubert ohne Rücksicht auf Verluste über die Streckenbegrenzung. Das Auto, das der ehemalige Formel 1-Testfahrer und 24-Stunden-von-Le-Mans-Sieger so gnadenlos über die New Yorker Formel-E-Strecke prügelt, ist kein gewöhnlicher Sportwagen, sondern ein Prototyp von Porsches Elektro-Rakete, dem Taycan. Kosten locker im siebenstelligen Bereich - wenn nicht mehr.

Doch das ist dem Profi-Fahrer egal. Für ihn zählt nur das pure Vergnügen am Lenkrad und die Gewissheit, dass er das Fahrzeug voll im Griff hat. Die Leitplanken flitzen nur Zentimeter an dem Sportwagen vorbei! Die Beschleunigung des deutlich mehr als zwei Tonnen schweren Boliden ist atemberaubend. Innerhalb weniger Sekunden blitzen 160 km/h unter dem abgedeckten Cockpit hervor. "Wir dürfen hier nur 130 km/h fahren", gluckst der Rennfahrer fröhlich. Das ausgelassene Lachen hat seinen Grund: Die Zuffenhausener Elektro-Boden-Boden-Rakete prügelt mit rund 440 kW / 600 PS auf die Reifen ein, die sich mit allem, was sie haben in den heißen New Yorker Asphalt krallen. Nach rund 3,5 Sekunden ist die 100 km/h-Marke erreicht, bis 200 km/h sollen es zwölf Sekunden sein. So wie der schwarze Elektroporsche im Tiefflug durch den Hafen von Brooklyn donnert, glauben wir diese Werte nur zu gerne. "Die Reifen sind echt gut", frohlockt Neel Jani weiter, während wir in den Schalensitz gedrückt werden.

Jetzt kommt eine Gerade. Zeit Luft zu holen und sich mit der Technik des Zuffenhausener Tesla-Model-S-Gegners auseinanderzusetzen. Beim Taycan greifen die Ingenieure in die Sport-Technikkiste und platzieren jeweils einen permanenterregten Synchronmotor an Vorder- und Hinterachse. Damit werden die Regeleingriffe extrem schnell übertragen, was der Agilität hilft. Mit einem ähnlichen Konzept haben sie mit dem Porsche 919 Hybrid bei den 24 Stunden von Le Mans die Konkurrenz in Grund und Boden gefahren. Klingt verheißungsvoll. Doch der Gedanke ist kaum ausgedacht, da schmeißt Neel Jani den Taycan in die nächste Kurve. Das charakteristische Rubbeln der Vorderreifen beim Einlenken erzählt eine eigene Geschichte. "Der untersteuert beim Kurveneingang, aber beschleunigt dann brutal raus", sagt der Rennfahrer. Uns drückt es einmal mehr die Luft aus den Lungen.

Gute Bremsen

Die Entwickler streben beim Taycan eine paritätische Achslastverteilung an und werden dem Elektrosportler die Trägheit des Vorderwagens bis zum Marktstart schon noch austreiben. Zumal der Schwerpunkt des Fahrzeugs aufgrund der großen 95-Kilowattstunden-Batterie extrem tief liegt. Auf der anderen Seite bietet ein gewolltes Untersteuern ja auch eine Sicherheitsreserve und kann mit Regeleingriffen neutralisiert beziehungsweise in ein Übersteuern verwandelt werden. Da das fast fünf Meter lange Geschoss eine Allradlenkung und eine Differenzialsperre an der Hinterachse haben wird, können wir davon ausgehen. Zumal ein kleines Drehrad am Lenkrad verschiedene Fahrmodi bereitstellt.

Auch wenn der Vorderwagen nicht mit einem Freudenjauchzer in jede Ecke hechtet, zeigt der Taycan auf dem Formel-E-Kurs in New York, auf was sich die E-Konkurrenz einstellen kann. Lastwechselreaktionen, enge oder schnelle Kurven bringen den Taycan nicht aus der Ruhe. Nachlenken ist nicht nötig, der Porsche zieht stoisch seine Bahn. Auch das Verzögern klappt einwandfrei. Zumal die Bremsen laut dem Profi hinter dem Volant "ziemlich gut" sind.

Ein weiterer positiver Effekt von Neel Janis Querbeschleunigungs-Lust ist, dass die Vorhänge, die das Cockpit verdecken sollen, nicht immer an ihrem Platz bleiben. So können wir den einen oder anderen Blick auf das streng gehütete Geheimnis erhaschen: Die Instrumente werden wohl digital sein, denn die Grafiken, die das eine oder andere Mal hervorblitzen, sind gestochen scharf. Wenn man sich das Bedienkonzept der Studie des hochbeinigen Taycan-Bruders Cross Turismo anschaut, wird fast die gesamte Bedienung über den Touchscreen gesteuert. Doch das alles wird die eigene Testfahrt zeigen. Uns hat der erste vollelektrische Porsche jedenfalls schon auf dem Beifahrersitz beeindruckt.