Viele Amerikaner haben es immer noch nicht begriffen, dass das uramerikanische Markenpaket aus Jeep, Dodge und Chrysler längst nicht mehr eigenständig ist. Der alles andere als finanzstarke Fiat-Konzern schnappte sich in der wirtschaftlichen Schwächephase die humpelnden Amerikaner und kreierte unter dem hemdsärmeligen Sergio Marchione einen eindrucksvollen Weltkonzern mit Namen Fiat Chrysler Automobiles, kurz FCA, der seinen Hauptsitz längst nicht mehr in Italien, sondern in London beziehungsweise Amsterdam hat.

Dank der Chrysler-Verkäufe in den USA sind die chronisch klammen Kassen des italienischen Autobauers langsam wieder etwas besser gefüllt. Doch Firmenchef Sergio Marchionne ist mit seinen Umbauplänen offenbar noch lange nicht am Ende. Unlängst enthüllte der passionierte Pulli-Träger, dass er durchaus offen für Kooperationen mit Marken wie Ford oder GM sei. Nicht ganz so begeistert ist er von der Idee, sich mit Peugeot oder Volkswagen die wirtschaftliche Bettdecke zu teilen. Gerade auf Volkswagen ist Marchionne nicht gut zu sprechen, macht doch Konzern-Patriarch Ferdinand Piech seit vielen Jahren keinen Hehl daraus, dass er sich Alfa Romeo einverleiben will.

Diesem Ansinnen hat Sergio Marchionne mehr als einmal eine kraftvolle Absage erteilt. Derzeit müht man sich im italienisch-amerikanischen Konzern, die italienische Kultmarke wiedre emotional aufzuladen, hat dazu auch mit dem 4C nebst Ablegern auch ein attraktives Produkt. Das allerdings in solch homöopathischen Zahlen, dass es kaum genügen dürfte, die Sichtbarkeit Alfa Romeos zu erhöhen. Hinter dem 4C sieht es mau aus. Immer wieder haben die Italiener neue Pläne aus der Schublade gezaubert, die nach ein paar Monaten durch neue ersetzt wurden. Der letzte sieht eine Reanimation mit fünf Milliarden Dollar und acht neuen Modellen bis 2018 vor. Darunter auch ein SUV und ein 159er-Nachfolger, der nunmehr im Sommer vorgestellt werden soll.

Das Motto der jüngsten Strategie lautet offenbar “zurück zu den Wurzeln”. So sollen nach dem Willen Marchionnes alle Alfa-Romeo-Modelle aus Italien kommen. Das bedeutet auch das Alfa-Aus für den kleinen Spider, der auf der Architektur des Mazda MX-5 basieren sollte. Jetzt soll dem Vernehmen nach ein Fiat Abarth Cabrio von der modernen Technik des Japaners profitieren. Ob das der richtige Weg ist, darf zumindest bezweifelt werden. So trübe es auch um Alfa Romeo aussieht, ist das immer noch besser als das, was Lancia widerfährt. Die Traditionsmarke ist kaum mehr als eine Wiederverwertungsrampe für konzerninternes Fahrzeug-Badging.

Trotz dieser schlechten Nachrichten läuft es nicht zuletzt durch die umsatzstarken USA ordentlich für FCA. Unklar ist nachwievor die Rolle der Kernmarke Fiat. Hier dreht sich gerade in Europa nach wie vor alles um die beiden Kleinwagen Fiat 500 und Panda. Gerade der 500er ist mittlerweile mächtig in Jahre gekommen und erst Ende des Jahres soll eine Auffrischung folgen. Doch während die Konkurrenz aus Europa, Asien und selbst den USA mit neuen Modellen, Innovationen und frischen Spartenderivaten trommelt, gab es bei Fiat seit der Weltpremiere 500 im Jahre 2007 nur mäßige Auffrischungsaktionen. So ist es kaum eine Überraschung, dass es nach der Frankfurter IAA keinen längst überfälligen neuen Fiat 500 geben wird, sondern das Erfolgsmodell nur eine Modellpflege bekommen soll.

Unbenommen davon glänzt der Fiat 500 nach wie vor mit seinem lässigen Design und fährt sich so weiterhin in die Herzen vieler Frauen im urbanen Umfeld. Die schauen über wenig überzeugende Antriebsvarianten wie die Twin-Air-Zweizylinder oder betagte Getriebe wohlwollend hinweg und freuen sich über das schicke Outfit und die zahllosen Individualisierungsmöglichkeiten innen und außen. Die Sportversionen bis hin zum Abarth 695 Biposto dienen dagegen als dynamische Feigenblätter und sorgen für einen Gegenpol zum betont weiblichen Image. Vergleicht man den Fiat 500 mit seinem Hauptkonkurrenten Mini, so präsentiert sich der Brite mit seinem breiten Angebot an Antrieben und Ausstattungen als wahres Hightechmobil. Mini reduziert aktuell jedoch die Zahl seiner Derivate. Aus den zwischenzeitlich sieben Modellvarianten und dem Plan, diese auf bis zu zehn zu erweitern, werden nur fünf übrig bleiben. Dagegen setzen Modelle wie das Opel-Paket aus Adam, Karl und Corsa, Kia Picanto, ein Seat Ibiza oder das Triumvirat aus Citroen C1, Peugeot 108 oder Toyota Aygo den kugelrunden 500er mittlerweile mehr denn je unter Druck.

Auf die Frage, wieso Fiat kein komplett neues Auto, sondern nach acht Jahren nur eine Modellpflege auflegt, gibt es gebetsmühlenartig die gleiche Aussage, wonach der Fiat 500 an seinem ikonenhaften Design festhalten werde und man technisch auf der Höhe sei. Das ist nicht komplett falsch, doch der eigentliche Grund ist ein anderer. Fiat fehlt nach wie vor schlicht das Geld, einen komplett neuen Kleinwagen aufzulegen, der dann zwar moderner und konkurrenzfähiger ist, jedoch in den ersten Jahren keine großen Margen abwerfen würde. Denn viel verdienen lässt sich an einem Fiat 500 der 11.000- bis 17.000-Euro-Liga nicht. Bei der direkten Konkurrenz sind die Preise und insbesondere die Margen deutlich höher ? aber eben auch die Entwicklungs- und Produktionskosten. Fiat hat mit den Modellen Sedici, Bravo, Punto und Freemont noch einige alte Gurken im Modellprogramm ? allesamt kaum konkurrenzfähig und oftmals nur über den Preis zu verkaufen, wenn der Händler diese überhaupt noch anbietet.

Cooles Crossover-Modell

Da mit dem 500er Kernmodell und dem jüngeren Panda keine großen Sprünge zu machen sind, weitet Fiat die Familie des 500 nach oben aus. Auch wenn ein Fiat 500L an den Citychic des normalen 500ers nicht herankommt, lässt sich hier mehr verdienen und die gesamte Modellfamilie wird jung gehalten. Noch besser gelingt das Fiat mit dem neuen 500x, der sich eine Plattform mit dem Jeep Renegade teilt. Ein cooles Crossover mit sehenswertem Design, modernen Antrieben und einer Reihe von Sonderausstattungen, die bei Fiat bisher nicht zu bekommen waren, tut der Marke gut. So ist es auch zu erklären, dass das Preisspektrum der vergleichsweise eng beieinander liegenden Varianten, wie dem 110 PS starken Basisbenziner und dem zwei Liter großen Allraddiesel von knapp 17.000 bis über 32.000 Euro ungewöhnlich groß ist. Wer will, bekommt in den Topversionen Details wie Fahrerassistenzsysteme, Neungang-Automatik, Allradantrieb, Bildschirmnavigation oder exklusive Lederdetails. Damit ersetzt der Fiat 500x die Kompaktklassemodelle, die den Italienern seit Jahren real fehlt. Modelle wie Fiat Stilo oder Bravo hatten gegen die internationale Konkurrenz der Golf-Klasse nie eine Chance. Doch ob sich mit dieser Politik die starke Konkurrenz überflügeln lässt, darf bezweifelt werden. Fiat braucht insbesondere eines: neue Modelle.

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Wolfgang Gomoll / Stefan Grundhoff