| von Stefan Grundhoff

Der nächste asiatische Autohersteller will auf dem härtesten Automarkt der Welt mit einem Premiumableger antreten. Gerade erst verkündete Infiniti seinen Ausstieg aus dem westeuropäischen Markt und Lexus dümpelt nach wie vor kaum über der Wahrnehmungsgrenze vor sich hin, da bereitet Genesis, Edelmarke des Hyundai Konzerns, den Einstieg in den europäischen und somit auch den deutschen Markt vor. Der Türöffner sollen dabei die bekannten Modelle G80 und G90 sein, die in den USA und Korea gleichermaßen erfolgreich sind. In Europa will Genesis zum Marktstart Ende des Jahres insbesondere mit dem kleinen G70 punkten, der gegen die deutschen Wettbewerber Audi A4, Mercedes C-Klasse und BMW 3er positioniert ist, sich jedoch auch mit Modellen in der zweiten Reihe wie Jaguar XE oder Cadillac ATS auseinandersetzen muss.

In den USA ist der Genesis G70 bereits auf dem Markt und ein erster Test zeigt, dass er sich nicht nur beim Design, sondern gerade auch bei der Technik nicht gegenüber der europäischen Konkurrenz verstecken muss. "Bei dessen Entwicklung ist der BMW 3er für uns der Maßstab, an dem wir uns orientieren", sagt Alfred Biermann oberster Chefentwickler im Hyundai-Konzern und somit auch für den Genesis G70 verantwortlich. Einst sorgte Biermann dafür, dass den Modellen der BMW M GmbH die entsprechende Sportlichkeit implantiert wurde. Bei Genesis sieht das Spektrum etwas breiter aus, auch wenn die Sportlichkeit gerade in der umkämpften Mittelklasse nicht zu kurz kommen soll. Das G70-Design mit kurzen Überhängen, dem markigen Kühlergrill sowie der langen Haube ist betont sportlich und gefällig, während man sich bei den Antrieben im Konzernregal bedient hat. Neben einem 3,3 Liter V6-Topmodell ist der G70 mit einem Zweiliter-Turbo verfügbar. Bleibt abzuwarten, ob der geplante 2,2 Liter großen Commonraildiesel mit rund 200 PS angesichts der Dieseldiskussionen in Europa überhaupt noch kommt.

Der 4,69 Meter lange Genesis G70 2.0 T mit seinen 185 kW / 252 PS und einem maximalen Drehmoment von 360 Nm ab 1.400 U/min tritt gegen BMW 330i, Audi A4 2.0 TFSI und Mercedes C 300 an. Alles nur Vierzylinder mit zwei Litern Hubraum und daraus macht auch der Koreaner akustisch keinen Hehl. Der Motor ist kraftvoll und allemal leistungsstark, aber der Klang ist ebenso ernüchternd, wie man es von der deutschen Konkurrenz kennt, die hier ebenfalls nicht überzeugen kann. Das gilt jedoch nicht für die gelungene Abstimmung von Triebwerk und Achtgangautomatik, denn das Paket passt sehr gut zu der knapp 1,7 Tonnen schweren Sportlimousine, die auf Wunsch auch als Allradler angeboten wird. Optional gibt es den Genesis G70 zumindest in den USA auch als identisch motorisierte Sportversion mit 255 PS und Sechsgang-Handschaltung, die sogar rund 3.500 Dollar teurer als die Kombination aus Allradantrieb und Achtgangautmaik ist. Jedoch lässt die Getriebeautomatik auch wegen der auf Wunsch manuell zu bedienenden Gangwechsel nichts an Dynamik vermissen und es scheint unwahrscheinlich, dass die Handschaltung in Europa einen nennenswerten Käuferkreis hätte.

Start bei günstigen 34.900 Dollar

Von 0 auf Tempo 100 beschleunigt der Genesis G70 in kaum mehr als sechs Sekunden, während die Höchstgeschwindigkeit in unseren Breiten bei über 240 km/h liegen dürfte. Der Normverbrauch liegt bei knapp 9,5 Litern Super auf 100 Kilometern. Damit liegt er nominell über den direkten Wettbewerbern; in der Realität hat der Koreaner jedoch kaum einen nennenswerten Verbrauchsnachteil. Dafür passen Fahrwerksabstimmung, die verschiedenen Fahrprogramme, die sich über einen Drehschalter am Mitteltunnel einstellen lassen und die Lenkung, die präzise ist, jedoch allenfalls etwas mehr Rückmeldung geben könnte. Wahlweise läuft der G70 auf 18- oder 19-Zöllern, die auch auf schlechten Straßen einen ausreichenden Restkomfort bieten.

So bequem es sich vorne sitzt, so eng ist das Platzangebot im Fond. Kopf- und Beinfreiheit schränken die Nutzung bei Erwachsenen im Fond ähnlich ein wie bei dem ein oder anderen Konkurrenten. Und auch im Innenraum fehlt dem kleinsten aller Genesis trotz Head-Up-Display, modernen Bildschirm-Navigation und einem griffigen Steuer der wertige Hightech-Anspruch, den besonders Audi A4 und der neue BMW 3er bieten. So sind die Instrumente noch in zwei analogen Runduhren mit mittigem Kleinbildschirm dargestellt und auch die Schalterleiste mit den beiden Drehreglern in der Mitte der Armaturentafel wirkt etwas von gestern. Praktisch sind dagegen Ablagen, USB-Anschlüsse und das kabellose Laden des Smartphones in der Mittelkonsole. Bleibt abzuwarten, zu welchen Preisen der Genesis G70 ab Ende des Jahres bei uns startet - schwer wird er es trotz seines guten Gesamtpakets und der vorbildlichen Serienausstattung haben. In den USA geht es bei sehr günstigen 34.900 Dollar los.