Lechzt der europäische Automarkt wirklich nach einer neuen Premiummarke? Hyundai scheint dieser Ansicht zu sein und expandiert in diesem Sommer mit seiner 2015 gegründeten Nobelmarke Genesis. Während Cadillac hierzulande seit Jahren strauchelt und Nissan seine Luxusmarke Infiniti gar gänzlich vom westeuropäischen Markt genommen hat, sollen Modelle wie der Genesis GV80 künftig die Dominanz deutscher Hersteller brechen.

Ein kühnes Unterfangen, denn das SUV muss sich mit Preisen ab 62.200 Euro nicht nur mit Baureihen wie Mercedes GLE, BMW X5 oder Audi Q7 messen, sondern konkurriert auch mit Herstellern wie Jaguar, Land Rover oder Volvo. Die Koreaner verzichten dabei – nach ihren Anfangserfolgen in Asien und den USA – auf ein traditionelles Händlernetzwerk. Zu Beginn sollen es neben dem Online-Vertrieb drei Showrooms in München, Zürich und London richten.

Genesis GV80 überrascht beim Fahrgefühl

Auch wenn sich der GV80 vornehmlich mit den SUV-Pendants im gleichen Preissegment messen muss – das Aussehen gleicht einem Bentley. So wecken nicht nur das Logo oder das feudal anmutende Interieur Assoziationen mit der britischen Luxusmarke. Auch das Äußere des Allrad-SUV ähnelt aufgrund des Kühlergrills einem Bentayga-Verschnitt.

Mit Höchstgeschwindigkeit und Beschleunigung des dreifach so teuren Vorbilds kann der GV80 zwar nicht mithalten, jedoch vermittelt er trotz seiner Länge von 4,95 Metern und eines Leergewichts von rund 2,3 Tonnen ein spritziges Fahrgefühl. So kommt der Reihensechszylinder-Diesel mit seinen 278 PS und 588 Nm maximalem Drehmoment auf bis zu 230 km/h. Die Marke von 100 knackt er in beachtlichen 7,5 Sekunden.

Der Genesis GV80 auf einer kurvigen Landstraße.
Auf kurvigen Landstraßen fühlt sich der GV80 längst nicht so wohl wie auf der Autobahn. Bild: Genesis

Keine Variante des GV80 mit Elektroantrieb

Als Alternative zum in Verruf geratenen Diesel bietet Genesis zudem einen 2,5-Liter-Vierzylinder an. Dank seines Turbos bringt der Benziner immerhin 304 PS auf die Straße, schluckt mit einem Normverbrauch von zehn Litern aber mehr Sprit als manch stärkerer Sechszylinder – sowie zwei Liter mehr als der Diesel. Einen 3,5-Liter-Sechszylinder mit 380 PS hat der südkoreanische Hersteller zwar auch im Angebot, bislang allerdings nur für andere Märkte.

Während das Fehlen des größeren Motors für viele europäische Käufer sicherlich zu verschmerzen ist, verwundert hingegen, dass der Trend zur E-Mobilität verschlafen wird. Anstatt sich von Beginn an mit einem Plug-in-Hybrid oder gar einem reinen Elektro-Modell zu positionieren, scheut Hyundai vorerst den Kampf um Reichweiten und Ladezeiten. Dabei wurde zeitgleich sogar ein Hybrid-Modell des Bentayga angekündet. Der GV80 mit seinen eleganten, doppelten Blinkerleisten bleibt somit etwas für Traditionalisten.

Beim Interieur setzt Hyundai auf Eleganz

Im Interieur verfestigt sich dieser Eindruck: Zweifelsohne wirken die gesteppten Sitzpolster der gehobenen Varianten äußerst wertig und insbesondere die Kombination aus weißen Bezügen sowie dem Holz der Mittelkonsole glänzt durch Erhabenheit. Ein sportlicher Touch wird jedoch leidlich vermisst. Dies offenbart sich nirgendwo deutlicher als beim wenig dynamischen Zwei-Speichen-Lenkrad. Abseits der Geschmacksfragen hat Hyundai jedoch begriffen, dass Luxus sich heutzutage mehr denn je über den Komfort definiert: Wer sich bei Interieur-Design, Infotainment oder Fahrerassistenzsystemen von der Konkurrenz abhebt, kann Schwächen bei der Motorisierung kaschieren.

Der GV80 punktet zunächst bei den elektrisch verstellbaren Sitzen, die nicht nur jedem Rücken eine komfortable Einstellung bieten, sondern auch mit einer nützlichen Klimatisierung aufwarten. Sobald sie beim Öffnen der Tür fürsorglich nach hinten fahren, um das Einsteigen zu erleichtern, offenbart sich zudem das üppige Platzangebot des Marktneulings – sowohl auf den vorderen Plätzen als auch im Fond. Noch großzügiger gestaltet sich die Situation im Kofferraum, der sich mittels eines simplen Knopfdrucks von 735 auf rund 2.150 Liter erweitern lässt. Kein Wunder also, dass für den Aufpreis von 500 Euro auch eine dritte Sitzreihe Platz finden kann.

Das Interieur des Genesis GV80 in weiß.
Das Interieur des GV80 macht einen erhabenen Eindruck. Bild: Genesis

Infotainment des GV80 leidet unter der Bedienung

Auch das Infotainment macht auf den ersten Blick eine gute Figur. Der 14,5-Zoll-HD-Infotainment-Bildschirm ist aufgrund seiner Breite ein absoluter Eyecatcher und das 12,3-Zoll-TFT-Kombiinstrument mit 3D-Display lässt zunächst einige Individualisierungsmöglichkeiten vermuten. Im Gebrauch offenbaren sich allerdings einige Schwächen – allen voran bei der Bedienung. Egal ob Connected Services, Genesis Live, Sprachnotizen, Parkservice-Modus, Sitzeinstellungen, Rücksitzgespräch-Funktion, Klimaanlage oder Terrain-Modus: Genesis hat jedes noch so kleine Feature in das Hauptmenü gepackt und überlässt den Fahrer einem kreisförmigen Controller auf der Mittelkonsole.

In den Untermenüs wird diese Komplexität sogar noch potenziert, wobei lediglich wenige Features über das Lenkrad gesteuert werden können. Der Touchscreen ist für Fahrer und Beifahrer ohnehin zu weit entfernt ist, als dass man ihn wirklich bedienen könnte. Übrig bleiben nur die Standardknöpfe, angeordnet über der Touch-Bedienung der Drei-Zonen-Klimaautomatik. Dabei kann der GV80 mit eben diesen kleinen Features durchaus hausieren. Denn obwohl etwa die Funktion Rücksitzgespräche sich als etwas unpraktikabel erwiesen hat, bleibt beispielsweise die Kalendersynchronisation des Google- oder Apple-Accounts positiv in Erinnerung.

Der GV80 ist noch kein Connected Car

Auf das Kombiinstrument lässt sich abseits rudimentärer Navigationsanweisungen jedoch keines der Features legen – nicht einmal die Musik. Ein wirklicher Mehrwert, gerade im Hinblick auf das zusätzliche Head-up-Display, entsteht somit nicht. Letztlich steht und fällt der Gesamteindruck mit der Sprachsteuerung. Was kümmert schließlich die Menüführung, wenn der wesentlich komfortablere und verkehrstechnisch sicherere Zugriff reibungslos funktioniert? Aber das tut er nicht. Navigationsanweisungen mögen ohne Probleme umgesetzt werden, doch beim Natural Language Processing (NLP) hakt es gewaltig.

Selbst bei simplen Spracheingaben fühlt man sich an Zeiten erinnert, in denen Befehlslisten auswendig gelernt werden mussten. Mit situativen Sätzen wie „mir ist kalt“ kann das System schlichtweg gar nichts anfangen, wobei abseits der Sitzheizung anscheinend sowieso nur wenige Features auf Spracheingaben reagieren. Damit der GV80 bei Fragen nach Fußball-Spielständen, Öffnungszeiten von Museen, Begriffserklärungen auf Wikipedia oder dem Benennen von Sehenswürdigkeit neben der Strecke nicht ins Stottern kommt, ist jedenfalls noch das ein oder andere Update nötig. Für ein Connected Car reicht das Anzeigen der Benzinpreise eben längst nicht mehr aus.

Der Bildschirm im Genesis GV80
Das Hauptmenü des Infotainment-Systems bleibt nur auf der ersten Seite übersichtlich. Bild: Genesis

Ein Luxus-SUV für die Autobahn

Bei den Fahrassistenzsystemen trennt sich schließlich die Spreu vom Weizen. Hier schneidet Genesis mit den automatisierten Fahrfunktionen der Stufe 2 zwar stark ab, bleibt aber in einigen Belangen hinter der Konkurrenz im Luxus-Segment zurück. So wartet der GV80 zwar mit bekannten Helfern wie Spurhalte-, Abstands- und Totwinkelassistent auf, doch bereits in der Feinabstimmung des Spurhalte-Features offenbart sich Verbesserungspotenzial. Selbst bei kerzengeraden Autobahnabschnitten ist oftmals dauerhaftes Gegenlenken von Nöten, damit das Fahrzeug nicht zu nahe an den Mittelstreifen lenkt.

Dabei fühlt sich der Koloss gerade auf der Autobahn am wohlsten – wenn bei höheren Geschwindigkeiten der Seitenhalt der Sitze automatisch verstärkt wird und das bullige SUV die linke Spur besetzt. Und das nicht nur aufgrund der Nachteile, die im Stadtverkehr oder auf kurvigen Landstraßen mit seiner Größe einhergehen. Denn während der Highway Driving Assist II beim Spurwechsel assistiert, Verkehrszeichen erkennt, die Geschwindigkeit automatisch an diese anpasst und den Abstand hält, ist der Fahrer auf allen übrigen Straßen mehrheitlich mit Fummelei am Lenkrad beschäftigt. Dort werden Verkehrszeichen zwar größtenteils erkannt, deren Limit jedoch nicht automatisch übernommen. Wer nicht schnell genug reagiert, benötigt mitunter mehr als einen Klick am Lenkrad, um die Smart Cruise Control weiterhin sinnvoll zu nutzen.

Das beste Feature des Genesis GV80

Wie frustrierend das mangelnde Zusammenspiel der Assistenzsysteme und Navigationsdaten manchmal sein kann, offenbart bereits die Autobahnausfahrt. Anstatt vorsorglich abzubremsen oder bei der anschließenden Kurve das Tempo rauszunehmen, fährt der GV80 stoisch mit der Maximalgeschwindigkeit weiter. Dabei klingt das neueste Feature des Südkoreaners so verheißungsvoll: Mittels maschinellen Lernens soll eine KI selbstständig Fahreigenschaften des Fahrers erlernen und das automatisierte Fahren dadurch an die eigenen Präferenzen anpassen.

Bei den Sicherheitsfeatures im engeren Sinne liegen hingegen die klaren Stärken des GV80. Herausragend gefällt dabei der Totwinkelassistent, der abseits von visuellen und akustischen Warnungen ein Live-Video im Kombiinstrument einblendet. Je nachdem, ob der Fahrer nach links oder rechts blinkt, erfolgt die Anzeige entweder im Bereich der Geschwindigkeits- oder Drehzahlanzeige. Ein Paradebeispiel, wie sich diese Anzeigefläche innovativ nutzen lässt.

Ultimativer Schutz vor Kollisionen

Darüber hinaus zieht Genesis alle Register, um das Luxus-SUV vor Kollisionen zu bewahren – sei es frontal, seitlich oder rückwärts. Die Assistenten erkennen Kollisionsrisiken jedweder Art. Sie unterstützen durch Gegenlenken, Abbremsen oder blockieren die Türen, um einen Unfall beim Öffnen zu verhindern. In Verbund mit der 360-Grad-Kamera sowie der Visualisierung der Außenansicht des Fahrzeugs sollte somit für alle denkbaren Situationen vorgesorgt sein.

Abgerundet wird dies durch das automatisierte Einparken, das sogar bequem über den Smart Key gesteuert werden kann, ohne dass jemand im Auto sitzt. Allerdings konnte dieser Dienst trotz mehrerer Versuche nicht getestet werden – schade. Alles in allem weiß der Genesis GV80 somit das Luxus-Segment zu bedienen, bietet letztlich jedoch nur wenige Innovationen im Vergleich zu Konkurrenzmodellen. Eine Marke, auf die in Europa niemand gewartet hat, muss mehr Begehrlichkeiten wecken.

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