GM, Renaissance Center, Detroit, General Motors

GM hat eingeräumt, dass mindestens 54 Unfälle und 13 Todesfälle auf defekte Zündschlösser zurückgehen. Ob und wie stark diese Zahlen noch klettern werden, hängt auch von den Aufzeichnungen der "Black Boxes" ab. Bild: GM

Der Fall Loveth Kirika zeigt das Vorgehen von General Motors. Die 39-Jährige fuhr im April dieses Jahres auf der Interstate 45 Richtung Houston. Dann blockierte ihr Chevrolet HHR und ein anderes Auto raste von hinten in ihr Fahrzeug hinein. Die junge Frau erlitt eine schwere Gehirnerschütterung.

Im Mai erhielt ihr Ehemann Lenu einen Anruf des GM-Ermittlers für Produkthaftung, Mark Byrd. Unumwunden verlangte er nach der “Black Box” des Unfallwagens. Barsch gab Kirika zurück: Er habe das Auto nicht mehr gesehen, seit es von der Autobahn abgeschleppt wurde. Später behelligte der Ermittler Kirika erneut und betonte, die Suche nach dem Unfallauto halte an. Kirika legte daraufhin nach eigenen Angaben auf.

General Motors musste wegen der technischen Probleme und Todesfälle bereits 2,6 Millionen Autos zurück in die Werkstätten beordern. Der Konzern und seine Juristen drängen die Schadenersatzkläger dazu, die “Black Boxes” in den Autowracks aufzuspüren, um deren Daten herunterzuladen. Einige Familien und Klägeranwälte hat GM nach deren Angaben bereits angeschrieben, um in den Besitz des wichtigen Beweismaterials zu gelangen.

Byrd verwies auf Nachfrage an seinen Chef in der Detroiter Konzernzentrale, der sich nicht äußern wollte. In einer schriftlichen Mitteilung erklärte ein GM-Sprecher: Sein Unternehmen übernehme die volle Verantwortung für das, was passiert sei und ergreife Maßnahmen, um die Opfer und ihre Familien mit Mitgefühl, Anstand und Fairness zu behandeln. Die Kirikas feilen derweil an einer Klage gegen GM, wie ihr Anwalt Bob Hilliard erklärte.

GM hat eingeräumt, dass mindestens 54 Unfälle und 13 Todesfälle auf die defekten Zündschlösser zurückgehen. Ob und wenn ja, wie stark diese Zahlen noch klettern werden, hängt zumindest teilweise von den Aufzeichnungen der “Black Boxes” ab. Mit ihnen wird in den Sekunden vor dem Crash eine ganze Flut von Daten aufgezeichnet.

Die Informationen umfassen das Tempo, die Position von Gas- und Bremspedal, ob die Airbags aufgingen und oft auch die genaue Stellung der Zündschlösser. Letzteres ist besonders wichtig, da ein defektes Zündschloss den Strom für Lenkung, Bremsen und Airbags ausschalten kann.

Wem auch immer das Auto gehört, er ist Besitzer der “Black Box”. Doch GM reklamiert für sich das Recht auf alle Informationen über den Unfallhergang. Aus internen Papieren geht hervor, dass GM dank Daten der “Black Boxes” letztlich nicht mehr die Augen vor den erheblichen Problemen verschloss. Genau das war jahrelang geschehen. Die Autobesitzer sind oft auf den Hersteller angewiesen, damit dieser die Daten herunterlädt. Für gewöhnlich wird dazu schlicht ein Kabel in die Box gesteckt.

Die Daten der “Black Boxes” gaben bereits 2005 tiefe Einblicke. Damals kam die 16-jährige Marie Rose von einer Einbahnstraße in Maryland ab, raste in einen Baum und starb. Das Mädchen war betrunken, fuhr zu schnell und hatte keinen Sicherheitsgurt angelegt, so die Staatsanwaltschaft.

Eine Tatsache verblüffte jedoch einen Polizeibeamten am Unfallort. Der Airbag des Teenagers war nicht aufgegangen. Der Polizist reichte seinen Eindruck an die Aufsichtsbehörde NHTSA weiter. Rund zehn Tage später steckten NHTSA-Ermittler ihre Kabel in die “Black Box” des vollständig zerstörten Fahrzeugs. Zwei GM-Vertreter und ein von der Rose-Familie eingeschalteter Ermittler luden die Informationen im September 2005 gemeinsam herunter. Offenbar hatte das Zündschloss versagt – wie in so vielen späteren Fällen auch.

Die NHTSA untersuchte die Ergebnisse und diskutierte sie mit GM. Leider hatten die Ermittler nicht genug Beweise in Händen, um die Airbag-Probleme in Zusammenhang mit defekten Zündschlössern zu bringen. Das gelang erst im Februar 2014.

GM setzte von Anfang an auf Schadensbegrenzung. Klagemanagerin Kristy Gibb habe der Familie im Jahr 2006 weniger als 1 Million Dollar geboten, wenn sie auf einen Prozess verzichte, berichtet Adoptivmutter Theresa DiBattista. Gibb habe betont: Die Tochter hätte auf das Gaspedal getreten und sei vor dem Crash nie mehr heruntergegangen. Der eigene Anwalt hätte sie gewarnt, dass eine Geschworenenjury zugunsten von GM entscheiden könnte. Daraufhin willigte die Familie in einen Vergleich mit GM ein. Jetzt bereut die Mutter angesichts der neuen Fakten über das massive Versagen des Autobauers ihre damalige Entscheidung. Sie erwägt rechtliche Schritte gegen GM – Vergleich hin oder her.

Im Jahr 2009 starb die 25-jährige Hasaya Chansuthus in ihrem Cobalt, nachdem dieser von der Fahrbahn abgekommen war und mit einem Baum kollidierte. Sie war auf dem Rückweg von einer Party, der Airbag ging nicht auf. Zwei Jahre später kam es zu einem Vergleich mit GM. Die Bedingungen blieben unter Verschluss. Hasayas Bruder David fühlte sich zu der damaligen Entscheidung gedrängt, da seine Schwester doppelt so viel Promille im Blut hatte wie gesetzlich erlaubt.

Bei der Analyse der “Black Box” habe er keine Informationen über einen Defekt des Zündschlosses erhalten. Anfang dieses Jahres gab ihm jedoch ein örtlicher TV-Reporter die Kopie einer “Black Box”-Analyse. Demnach räumte der Produkthaftungsermittler von GM im Jahr 2010 ein, dass das Auto kurz vor dem Crash ausging. “Ich war sehr schockiert”, erinnert sich Chansuthus in Hinblick auf den “Black Box”-Bericht. Er ringe inzwischen mit sich, ob er das Verfahren gegen GM wieder aufrollen will. Sein mögliches Argument: GM habe wichtige Informationen unterdrückt.

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Mike Spector und Vanessa O’Connell, Dow Jones Newswires / ks