Als der Dacia Logan 2005 nach Deutschland kam, war der Aufschrei groß. Ein Vehikel für die Grundbedürfnisse – nicht mehr und nicht weniger. Zehn Jahre später ist aus der spartanischen Stufenheck-Limousine eine Erfolgsstory geworden. Im vergangenen Jahr liefen weltweit eine Million Dacias vom Band. Wie wichtig die rumänische Tochter für den Gesamterfolg der Renault-Gruppe ist, zeigt die Halbjahresbilanz 2014. In Europa verkauften die Franzosen inklusive ihrer Tochterfirmen 1.365.418 Pkws und leichte Nutzfahrzeuge. Das entspricht einem Plus von 4,7 Prozent. Damit schneiden die Franzosen um 0,6 Prozent besser ab, als der Gesamtmarkt.

Die wichtigsten Treiber dieses Umsatz-Anstiegs sind der neue Clio und Dacia. Die Rumänen brachten in den ersten sechs Monaten dieses Jahres 263.110 Pkws und leichte Nutzfahrzeuge an den Mann. Das entspricht einem Plus von 24,3 Prozent im Vergleich zu Vorjahreszeitraum. Solche Zahlen wecken natürlich Begehrlichkeiten. Aus dem kritisch beäugten Produzenten günstiger Autos wurde eine Blaupause, die andere nun anwenden wollen um ihren Umsatz anzukurbeln. Der Kampf im Preisbrecher-Segment ist eröffnet. Unlängst hatte Opel-Chef Karl-Thomas Neumann mit der Ankündigung ein Auto zu bauen, das günstiger als 7.000 Euro ist, den Fehdehandschuh in den Billig-Ring geworfen. Zwar ruderte Neumann ein paar Tage später per Twitter mit der Aussage „Opel wird sich nicht ins Low-Budget-Segment bewegen. Diesen Platz überlassen wir gerne anderen“, etwas zurück, bestätigte aber gleichzeitig, das ein Einstiegsmodell geplant sei. Das Fahrzeug werde zwar unterhalb des Adam positioniert sein, solle aber kein „Billigmodell“ sein.

Auch wenn Neumann eine direkte Konkurrenz zu Dacia ausschloss stellt der Preis, der unterhalb von 10.000 Euro liegen wird, den Wettbewerb her. Wer den Dacia-Erfolg auf Kleinwagen reduziert, macht einen grundsätzlichen Fehler. Der Erfolg der rumänischen Renault-Tochter beruht auf der Tatsache, dass sie robuste Autos, bei denen es nicht an Platz mangelt, zu einem günstigen Preis anbieten. Die Technik ist nicht Up-to-Date, dadurch günstig, aber zuverlässig. Top-moderne Assistenzsysteme sucht man in einem Dacia vergebens. Dennoch: ABS und ESP sind beim Dacia Sandero für 6.890 Euro serienmäßig. Selbst die Top-Ausstattung unterbietet mit dem 75-PS-Motor die 10.000 Euro Marke um 1.010 Euro. Da lässt es sich verschmerzen, dass eine manuelle Klimaanlage 590 Euro und Parksensoren hinten 200 Euro Aufpreis kosten. Ein weiterer Grund für den guten Preis der rumänischen Automobile ist der niedrige Stundenlohn im Heimatland. Der Stundenlohn eines rumänischen Arbeiters liegt deutlich unter dem eines deutschen Kollegen.

Da Dacia das Paket so preisgünstig schnürt, findet die Rabattschlacht nicht in den Autohäusern mit dem Flaschen-Öffner-Logo statt. Die meisten Kunden zücken bereitwillig das Portemonnaie und legen den Kaufpreis bar auf den Tisch. Lediglich 30 Prozent kaufen ihre Autos auf Pump. Das Dacia-Konstruktionsprinzip ist kein Hexenwerk und im Zeitalter der Plattform-Strategie Konsens: Die Modellpalette hat 70 Prozent Gleichteile. Außerdem werden viele Teile aus dem Renault-Baukasten verwendet. Gespart wird an Elektronik und Gewicht, indem die Dämmstoffe auf ein Minimum reduziert werden. Bei einem Modellwechsel werden die Autos nicht grundlegend erneuert. Viele Elemente findet man auch in der neuen Generation wieder. Das spart Entwicklungskosten und -zeit. Deswegen hat Dacia eine junge Flotte.

Auch der übermächtige Volkswagen-Konzern will in Zukunft ein Stück vom lukrativen Kuchen abhaben. VW plant für China ein Billigmodell. Die Stufenheck-Limousine soll 2016 auf den Markt kommen und ist zunächst für Asien vorgesehen. Der Preis von 7.000 Euro ist Dacia-würdig. Dafür gibt es auch keine große Auswahl. Laut Hans Demant, der bei den Wolfsburgern die internationalen Projekte koordiniert, werde es das Auto nur mit einem Motor geben, zwei Getrieben und in wenigen Ausstattungslinien. Damit zeigt VW, dass sie eine der wichtigsten Lektion aus dem Dacia-Lehrbuch begriffen haben: Variantenreichtum treibt die Kosten und damit den Preis hoch. Sollte sich das neue Modell in Asien durchsetzen und die Nachfrage nach günstiger Mobilität in Europa weiter wachsen, werden die VW-Oberen sicher über einen Sprung der Billigmarke auf den alten Kontinent nachdenken. Schließlich ist die Gewinnmarge der VW-Modelle alarmierend niedrig. Allerdings müssen diese Autos sich deutlich von den etablierten Modellen unterscheiden. VW zog gerade noch rechtzeitig die Notbremse, als Skoda mit guter Qualität, robuster Technik den Wolfsburgern die Käufer abspenstig machte. Jetzt soll die tschechische Tochter die VW-Sperrspitze gegen Hyundai, Kia und anderen Importeuren bilden.

Ungemach droht der Renault-Tochter aus dem eigenen Lager. Renault-Partner Nissan macht sich die Dacia-Blaupause zunutze und hat Datsun als Billigmarke wiederbelebt. Im Juli rollte der erste Datsun in Togliatti bei der Renault-Tochter AvtoVAZ vom Band. Das Prinzip erinnert stark an die Dacia-Strategie. Das erste Modell ist eine viertürige Stufenheck-Limousine, mit einer hohen Bodenfreiheit, die bei den schlechten russischen Straßen durchaus hilfreich ist. Der Preis für den on-Do beträgt 329.000 Rubel, das sind etwa 6.900 Euro. Zunächst wird nur ein 87-PS-Motor angeboten und einfache robuste Technik. Damit sollen weltweit die Wachstumsmärkte, wie zum Beispiel Indonesien, mit zweckgebundener Mobilität versorgt werden. Dort heißt das Auto Go+, ist ein vier Meter langer Minivan und hat aufgrund der strengen indonesischen Regularien einem 1,2-Liter-Motor mit 68 PS. In Indien fehlt das „+“ im Namen, da es ein Fließheck-Modell ist. Damit ist Renault-Nissan-Chef Carlos Ghosn im Kampf um weltweite Marktanteile der Konkurrenz wieder einen Schritt voraus. Bislang sollen die Datsun-Modelle nicht nach Europa rollen, um eine Kannibalisierung mit Dacia zu verhindern. Während die Wettbewerber sich noch bemühen, den Dacia-Code zu knacken, holen die Rumänen schon zum nächsten Schlag aus. Nächstes Jahr will Dacia ein viertüriges Stadtauto auf den Markt bringen. Das Fahrzeug, das sich am Sandero orientiert soll vier Erwachsenen Platz bieten und weniger als 5.000 Euro kosten. Das wird in Wolfsburg und Rüsselsheim für rauchende Köpfe sorgen.

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Wolfgang Gomoll; press-inform