So langsam hat sich die japanische Autoindustrie wieder berappelt. Die schweren Jahre scheinen vorbei zu sein und die Stimmung im Land ist nach der Kaiserkrönung trotz der Nachwehen des verheerenden Taifuns wieder auf dem Weg nach oben. Lange Jahre wusste die nationale Industrie nicht so recht wohin. Nach wie vor spielen die kleinen, steuerbegünstigten Kai-Cars auf der japanischen Insel die größte Rolle auf den verstopften Straßen. Der Bestseller Honda N-Box verkauft sich mit rund 175.000 Fahrzeugen 2019 bisher um ein Vielfaches so gut wie der Toyota Prius, der sich den Platz an der Sonne der normalen Autos in den vergangenen Monaten wieder vom Nissan Note zurückholen konnte.

Kein Wunder, dass sich auch bei der noch bis zum 4. November andauernden 46. Tokio Motorshow wieder viel um die winzigen Kei-Cars dreht, die mit ihrem spektakulären Design - mal retro, mal modern - einzigartig sind auf der ganzen Welt. Die großen Stars auf der Messe kommen von Toyota, Nissan, Mazda und Suzuki. Die deutschen Hersteller spielen auf der Tokio Motorshow seit Jahren keine Rolle; nur der BMW-Veredler Alpina feiert mit der Weltpremiere der 462 PS starken B3-Limousine seinen 40. Geburtstag im Land des Lächelns. Immerhin hat Mercedes einen Stand und zeigt erstmals in Asien seinen Ausblick auf den kommenden Mercedes EQS, die elektrische S-Klasse. Ebenfalls aus Europa angereist: Renault, das als französische Nissan-Tochter im Messezentrum Big Sight nicht nur die nachgeschärfte Alpine 110 S, sondern mit dem Lutecia auch die Asienversion des frischen Clio zeigt.

Mit der seriennahen SUV-Studie des Ariya schwingt sich Nissan auf, an das Tor zur Premiumliga zu klopfen. Motorvarianten von rund 200 bis knapp 400 PS, dazu Front- oder Allradantrieb und teilautonome Fahrfunktionen dürften den schicken SUV begehrlicher machen, als seinerzeit den ebenfalls elektrischen Nissan Leaf. Reichweiten bis zu 500 Kilometer sorgen bei den mindestens 45.000 Euro teuren Elektro-SUV für entsprechenden Alltagsnutzen. Das Design des "V-Motion Schutzschild" erinnert ein bisschen an den Mercedes EQC. Ganz ähnlich ist der MX-30 unterwegs, mit dem Mazda ab der zweiten Jahreshälfte 2020 ins Elektrogeschäft einsteigen will. Das 35-kWh-Akkupaket reduziert die maximale Reichweite jedoch auf kaum mehr als 200 Kilometer ohne Nachladen und 103 kW / 140 PS / 265 Nm sind für den Fronttriebler im Konkurrenzumfeld jedoch recht überschaubare Werte. Punkten will der Mazda MX-30 von seinem günstigen Einstiegspreis von unter 34.000 Euro und seinem Design. "Der MX-30 ist ein Zweit- oder Drittauto", erklärt Produktmanagerin Tomiko Takeuchi.

Lexus mit dynamischen Elektrosportler

Noch cooler, aber weniger praktikabel ist der Suzuki Waku Sports, in Sachen Design der Höhepunkt der Tokio Motorshow. Auf Knopfdruck wird der kompakte Plug-in-Hybride von einem kompakten Schrägheckmodell zu einem knackigen Coupé. Ebenfalls eine lässige Kiste ist der Suzuki Hustler, eines der beliebtesten Kei-Cars in Japan. Auf der Messe gibt es neue Ideen wie einen Light Crossover Wagon oder eine rustikale Outdoor-Variante - jeweils mit Hybridtechnik.Toyota geht bei seinem Heimspiel seinen eigenen, ganz besonderen Weg. Der japanische Branchen-Primus packte im zweijährlichen Rotationsmodus der Messe seine Siebensachen und verlegte seinen Auftritt in das Aomi Exhibition Zentrum eine U-Bahn-Station entfernt vom Rest der Messe. Inmitten einer Mall präsentiert der Autobauer auf seiner Future Expo wichtige Modelle, wie den vollelektrischen Stadtfloh Ultra Compact BE mit immerhin 100 km Reichweite und das futuristische Toyota e-Racer concept - einen autonom agierenden Zweisitzer. Die Japaner geben sich Mühe eine Start-up- beziehungsweise Wir-kommen-zu-den-Menschen-Atmosphäre aufkommen lassen. Dabei gehen wichtige Autos das seriennahe Mirai Conzept fast unter. Die zweite Generation des Brennstoffzellen-Fahrzeugs ist nicht wiederzuerkennen. Die unförmige Schräghecklimousine ist verschwunden und stattdessen präsentiert sich das Mirai Concept eher wie eine kleine Mischung aus Audi A7 und BMW er Gran Coupé. Technisch basiert der kommende Mirai jedoch auf der TNGA-Plattform und dürfte daher ein Fronttriebler bleiben. Ein neues Brennstoffzellensystem soll rund 30 Prozent mehr Reichweite und mehr Leistung generieren.

Eines muss man den japanischen Herstellern lassen - sie sind deutlich offener, was die Antriebskonzepte angeht. Rein Elektro oder rein Hybrid denkt hier kaum einer. Die Toyota-Tochtermarke Lexus setzt auf den traditionellen Messeansatz und stellt in der Haupthalle den dynamischen Sportler LF-30 Electrified Concept vor. Ebenfalls elektrisch: die Konzeptstudien e-Palette und das EC Concept von Lexus. Spannend ist die Marke Daihatsu, die sich längst im Toyota-Dunstkreis bewegt. Verschiedene kunterbunte Fahrzeuge wie Personentransporter Ico Ico, Waku Waku, ein Kei-Car-Crossover oder der Microvan Daihatsu Wai Wai Concept sind wie Ostereier in dem Areal verteilt. Fast verschmitzt lächelnd steht das sportliche Copen GR Sport Concept daneben. Der kleine Roadster blickt angriffslustig in die Gegend und hat nichts von dem knuffigen Kindchenschema des Serien-Copen. Nicht ganz so klein und schicker sind die Nissan-Studie des IMk und die Serienversion des elektrischen Honda e. Spektakulär, aber wohl ohne große Realitätsbezug zeigt Mitsubishi seinen leichten Spaßroadster MI-Tech Concept, ein Allrad-Plug-in-Hybrid mit Gasturbine. Ein ähnliches Konzept hat der Sportwagenbauer Techrules mit seinem 1300 PS starken Renn-Hybrid vergangenes Jahr auf dem Genfer Salon durchgezogen. Nicht ganz so sportlich ist der Subaru Impreza WRX STI, der auf der Messe offiziell verabschiedet wird. Eine Lücke, die der neue Levorg trotz offensichtlicher Qualitäten zumindest in Sachen Antrieb kaum füllen kann.

Imagemäßig verloren hat der neue Kleinwagen Honda Fit, der bei uns als Honda Jazz angeboten wird. Er bleibt variabel und hat Platz für bis zu fünf Personen oder jede Menge Gepäck, aber der Charakter der neuen Generation ist blasser als zuvor. Serienmäßig gibt es einen Hybridantrieb; allerdings ohne Stecker. Nicht zuletzt mit Blick auf die Olympischen Sommerspiele im kommenden Jahr ist das autonome Fahren bei einigen japanischen Herstellern ein Thema. Eine Konzeptstudie wie der Suzuki Hanare soll sich mittelfristig ohne Zutun eines Fahrers durch Städte bewegen. Das Fahrerassistenzsystem Pro Pilot von Nissan soll den Fahrer im nächsten Schritt zumindest bis zu Geschwindigkeiten von 60 km/h im Stadtverkehr die Hände vom Lenkrad nehmen lassen. Das dürfte auch der Mercedes EQS können, der 2021 auf die internationalen Märkte rollt - rein elektrisch.