"Es lohnt sich mehr, den Diesel zu verbessern, als ihn zu verbieten", sagt Daimler-Chef Dieter Zetsche und sein Volkswagen-Gegenüber Matthias Müller stößt ins gleiche Horn: "Wir müssen Vertrauen der Kunden zurückgewinnen. Der moderne Diesel ist nicht das Problem, sondern Teil der Lösung." Auch wenn viele unter dem Messeturm vom Diesel reden - so recht interessiert doch scheinbar nur die Elektromobilität. Neue Modelle, bei denen die einst so beliebten Selbstzünder gefeiert werden, sucht man bei den imposanten Bühnenshows zwischen Halle eins und elf vergeblich.

Die großen Messestars auf der Frankfurter IAA des Jahres 2017 liegen beinahe einen knappen Kilometer auseinander. Die erste hat Daimler-Chef Dieter Zetsche in der wieder einmal prächtig in Szene gesetzten Festhalle bereits am Vorabend der IAA enthüllt - das AMG Project One. Ein Hypersportler, der die Formel 1 erstmals real auf die Straße bringt. Das Design spannend, aber nicht spektakulär, wenn man sich die deutlichen Anleihen beim McLaren F1 vor rund zwei Jahrzehnten und dem CLK GTR vor ein paar Jahren anschaut. Die Innovationen des rund drei Millionen Euro teuren Übersportlers liegen unter dem Karbonkleid - der 1,6 Liter große Verbrenner wird von vier Elektromotoren unterstützt. Über 1.000 PS, über 350 km/h und dabei rein 25 Kilometer rein elektrisch unterwegs - noch Fragen? Die Sportskanone kommt Ende 2018 - immer noch zwei Jahre vor der Konzeptstudie des Mercedes EQA, der einen Ausblick auf eine elektrische A-Klasse geben soll.

Beides ist ebenso elektrisch wie das dritte echte Highlight, das ebenso wie der EQA erst am Messemorgen enthüllt wird. Mit dem i Vision Dynamics präsentiert BMW auf der IAA einen echten Tesla-Fighter. Ein viertüriges Coupé, über dessen Technik sich BMW ungewohnt zurückhält. Reichweite 600 km, Höchstgeschwindigkeit über 200 km/h und 0 auf Tempo 100 in vier Sekunden - das war‘s. Das Design allemal sehenswert und durchaus cool. "Bei der BMW Group gibt es die Zukunft der Elektromobilität schon heute. Wir haben mehr elektrifizierte Fahrzeuge auf der Straße als jeder etablierte Wettbewerber", sagt BMW-Vorstands-Chef Harald Krüger, "mit dem BMW i Vision Dynamics zeigen wir, wie wir uns die Zukunft der Elektromobilität zwischen i3 und i8 vorstellen." Bei BMW scheint es ebenso wie bei vielen der großen Herstellern nur noch Elektro zu geben, denn andere Neuheiten wie der sportliche X3, der überfällige BMW X7, der sportliche 8er oder der kommende Z4 stehen auf der IAA 2017 im Schatten. Stattdessen werden der blass aufgefrischte BMW i3s und die elektrische Studie eines elektrischen Mini in Szene gesetzt.

Smart wird Elektromarke

Bei Volkswagen sieht es ganz ähnlich aus; auch wenn wichtige Serienmodelle wie der T-Roc oder der neue Polo trotz ihrer Verbrennungsmotoren nicht vergessen werden. Im Fokus jedoch auch hier die kommende Elektrofamilie namens I.D., die mit dem roten Messestar I.D. Crozz im Jahre 2020 einen SUV-Kopf bekommen soll, bevor die großen Brüder I.D. Lounge und I.D. Aero das Elektroquintett neben dem jüngst bestätigen Elektrobus erst einmal abschließen. Eine rein elektrische Zukunft wird es ab 2020 auch bei Smart geben. Die Kleinwagenmarke von Daimler wird ähnlich wie in Nordamerika zu einer Elektromarke umgebaut. Angesichts des Cityeinsatzes ein längst überfälliger Schritt. Wie der Smart des Jahres 2030 aussehen könnte, zeigt der Vision EQ Fortwo, ein rein autonomer Zweisitzer ohne Lenkrad und Pedalerie, der einen in der Stadt vollautonom ans Ziel bringt.

Problem bei Volkswagen ebenso wie bei BMW und Mercedes: So sehr die Elektromodelle durch die Messepremieren auch herbeigeredet werden; sie sind noch nicht da. Die elektrische Mercedes A-Klasse dürfte als EQA kaum vor Ende 2020 auf die Märkte rollen. Bei BMW wird es im gleichen Jahr eine elektrische Version des X3 geben. Das Serienmodell des i Vision Dynamics dürfte ebenso wie der Crossover iNext nicht vor 2021 kommen. Audi hat mit dem neuen A8 eines der realen Serienhighlights auf der 67. IAA. Sehenswertes Design, einzigartiger Innenraum und moderne Triebwerke - ein Klasse-Paket, wenn nur die neue Nomenklatur nicht wäre, die die einzelnen Modelle in ein undefinierbares Zahlen-Wirrwarr einordnet. Visionär, aber sicher noch mehr als ein Jahrzehnt entfernt, ist die Studie des Audi Aicon, eine voll autonome Luxuslimousine ohne Lenkrad und Pedale, aber mit allem Reisekomfort. Natürlich rein elektrisch wie eben fast alle Stars auf der IAA. Kein Wunder, dass sich Tesla mit Elektro-Vordenker Elon Musk im tausende Kilometer entfernten Kalifornien ins Fäustchen lachen dürfte. Tesla bleibt der Messe fern - und ist mit seinem Model 3, das zum Jahresstart 2018 nach Europa kommen dürfte, trotzdem in aller Messemunde.

Viele Hersteller fehlen auf der IAA

Selbst Jaguar Land Rover schwenkt mittlerweile um. Die indischen Briten, bekannt für ihre besonders leistungsstarken Modelle, wollen in den nächsten Jahren ebenso alle Modelle elektrifizieren wie die deutsche Konkurrenz. Das Serienmodell des i-Pace, einem elektrischen Mittelklasse-SUV, gibt es in Frankfurt noch nicht zu sehen. Um die nötige Außenwirkung als Elektromarke zu bekommen, führt JLR mit dem i-Pace eine eigene Elektrorennserie ein, die im Umfeld der Formel E Aufmerksamkeit zu generieren.

Während sich die deutschen Hersteller vielleicht etwas nachdenklicher, aber kaum weniger pompös als in den vergangenen Jahren feiern, sind mehr Hersteller als je zuvor der Internationalen Automobil Ausstellung ferngeblieben. Nissan, Peugeot, DS, Volvo, Fiat, Alfa Romeo, Tesla und einige andere reißen schmerzhafte Löcher, die auch Organisationstalent und Messebau nicht stopfen können. Die einst von Audi eindrucksvoll bebaute Agora bietet diesmal eine wenig beeindruckende Budenwelt. Immerhin sind die ramschigen Fast-Food-Stände vergangener Zeiten verschwunden und es gibt nun eine modernere Kulinarik mit Burger-Bratereien, Mexican Food, Fish & Chips, Coffee Bars und gesünderen Wraps. In den Messehallen finden sich auf unbebauten Freiflächen große Mitmach-Areale und Ausstellungen von Klassikmodellen. Abzuwarten, wohin die Reise für die deutsche Leitmesse in den nächsten Jahren hingehen wird. Bleibt abzuwarten, ob die diesmal fehlender Hersteller mittelfristig zurückkommen oder auf andere Kommunikationswege mit dem Kunden setzen.