Die europäischen Autohersteller zelebrieren ihre Historie bis zum Exzess. Wer sich die prächtigen Museen von Porsche, Mercedes, Volkswagen, Audi oder BMW anschaut, der schreitet durch imposante Paläste, die die jeweilige Fahrzeughistorie perfekt in Szene setzen. Nach Epochen, Baureihen oder Themenfamilien werden Modelle einer breiten Öffentlichkeit präsentiert. Die Fans kommen in Stuttgart, München, Zwickau oder Ingolstadt aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Nicht viel anders sieht es bei anderen europäischen Automarken aus. Ferrari, Jaguar Land Rover, Peugeot oder Opel - mehr oder weniger aufwendig aalen sich auch dort die selbst ernannten Markenikonen im Licht gleißend heller Scheinwerfer und bekommen Tag für Tag gut bezahlten Augenapplaus. Die Amerikaner stehen gewohnt selbstbewusst ebenfalls zu ihrer langen Historie und empfangen die Fans amerikanischer Autobaukunst bevorzugt im Bundesstaat Michigan, wo jahrzehntelang das Herz der ganzen Autowelt schlug.

Bei den Japanern sah das Ganze bisher weitgehend anders aus. Zwar lieben sie Traditionen und alte Gebräuche, doch bei der Technik zählt gemeinhin nur das neueste, das den Vorgänger in einem schlechteren Licht stehen lässt. Wer in Asien, speziell aber in China oder Japan etwas auf sich und seine Außenwirkung hält, ist mit dem neuesten Automodell unterwegs und beeindruckt mit ihm Freunde, Geschäftspartner und die Familie. Kein Wunder, dass europäische Klassiker in den letzten 20 Jahren zahlreich aus Japan zurück nach Europa reimportiert wurden. Ihr Zustand war überproportional gut und im eigenen Land waren sie nicht viel wert. In Deutschland, England, der Schweiz oder den Niederlanden wusste man Technik und Historie ebenso zu schätzen wie den guten Pflegezustand.

Kein Klassiker ohne beeindruckende Historie

Doch auch in japanischen Führungsetagen hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass ohne eine beeindruckende Historie keine konturscharfe Markenpositionierung gelingen kann. So wundert es nicht, dass die Oberen des Mazda Konzerns vor Monaten eigens nach Augsburg anreisten, um das größte Mazda Museum auf der Welt zu bewundern; von der Familie Frey perfekt in Szene gesetzt in einem ehemaligen Straßenbahndepot. Walter Frey und seine beiden Söhne haben als lokaler Autohändler in Anzahl und Qualität weit mehr Mazda-Modelle als die Konzernzentrale des japanischen Autobauers selbst. Bei Toyota sieht es nicht anders aus. Auch im Toyota Konzern hatten die Klassiker bisher einen kaum messbaren Stellenwert.

Das 1989 eröffnete Museum in Nagakute City nahe Nagoya kann mit dem vergleichbarer Hersteller wie Volkswagen oder General Motors nicht mithalten. Beeindruckender ist das fast die Sammlung von Peter Pichert. Der Toyota Händler aus Passau hatte seit den 70er Jahren mehr als 100 seltene Toyota-Modelle zu einer einzigartigen Sammlung zusammengefügt. Nach dessen Tod übernahm Toyota Deutschland jüngst das private Museum und ließ es zur Zentrale nach Köln umziehen. In den nächsten Wochen soll das Museum in den Räumen des Importeurs in neuem Glanz wiedereröffnen.

Daimler eröffnet Klassikwelt in Tokio

Professioneller, aber wenig beeindruckend inszeniert sieht es bei Nissan aus. In Kanagawa stehen über 400 historische Modelle der Marke für einen Abstecher in die Vergangenheit parat. Von mickrigen zwölf bis hin zu atemberaubenden 800 PS ist bei Nissan alles zu sehen, was die Marke seit 1933 auf die Straße gebracht hat. Die Nissan Heritage Collection startete 1954 mit lediglich einem Fahrzeug, dem zwölf PS starken Datsun Model 12 Phaeton aus dem Jahre 1933. Aus diesem Grund steht genau dieses Fahrzeug direkt am Anfang der gewaltigen Ausstellungsfläche, die auf den ersten Blick wie eine riesige Lagerhalle aussieht. Auf den zweiten Blick verhärtet sich das Urteil, dass die hier stehenden Modelle mindestens eine so schöne Umgebung wie ihre deutschen Pendants verdient hätten. Vor allem eingefleischte Sportwagenfans des Modells GT-R kommen auf ihre Kosten. Denn der heute auch in Europa bekannte Supersportler hat einige Vorgängergenerationen, von denen nur die wenigsten den Weg zu uns gefunden haben. So ist mit dem Skyline Deluxe aus dem Jahr 1957 der Urvater der Erfolgsserie ausgestellt. Der erste GT-R, der 2000GT-R von 1969 ist natürlich auch zu sehen. Am vier Jahre älteren Nachfolgemodell zeigen sich zudem erste Ähnlichkeiten zu amerikanischen Muscle Cars wie dem Ford Mustang Mach 1.

Doch der neue Trend zur Klassikerliebe ist nicht nur in Deutschland zu spüren. Auch in den japanischen Metropolen kommen immer mehr Leute auf den Geschmack nach einem schmucken Klassiker. Mercedes eröffnete jüngst in Shinagawa nahe von Disneyland Tokio nicht nur einen hippen Händlerbetrieb mit Restaurant, Loungecharakter und Kochkursen, sondern eine separate Außenstelle für Klassiker. "Die Marke Mercedes genießt in Japan große Wertschätzung", so Patrick Gottwik, verantwortlich für den Klassikverkauf All Time Stars, "diese spiegelt sich auch auf dem Markt für Young- und Oldtimer wieder. Deshalb ist Japan für uns hochinteressant." Wer das japanische Klassikcenter betritt, dem fallen Modelle wie ein perfekt gepflegter Mercedes 300 SE der Baureihe W 126 ins Auge. Lack und Innenraum in Flockvelours sind in dezenten Dunkelblau gehalten. Ein paar Meter weiter stehen ein seltener Mercedes 600 SEL AMG, ein silberner Mercedes E 320 T und ein silbernes W111er Coupé. "Wir erkennen in Japan eine steigende Nachfrage nach hochwertigen Klassikern. Die japanischen Kunden sind sehr anspruchsvoll und suchen absolut gute Fahrzeuge", erklärt Patrik Gottwick. Scheint, als würden die Japaner mehr und mehr Geschmack an Klassikern finden -nicht nur, aber auch aus Europa.