| von Wolfgang Gomoll

Schön anzuschauen war er schon immer, der Kia Stinger. Manche behaupten sogar, dass er das ansehnlichste Modell des koreanischen Autobauers ist. Kraft hat er in der Top-Motorisierung mit 3,3 Litern Hubraum und 269 kW / 366 PS genug. Was dem Stinger bislang fehlte, war der Schuss Extra-Agilität, die dem schnittigen Äußeren auch auf der kurvigen Landstraße Substanz verleiht. Das ändert sich jetzt: Der Stinger bekommt ein mechanisches Sperrdifferenzial an der Hinterachse spendiert. Im Zusammenspiel mit dem beim Top-Modell serienmäßigen Allradantrieb erweist sich dieser Ingenieurskunstgriff als das fehlende Puzzleteil, das die Coupé-Limousine in die erste Dynamikliga aufsteigen lässt. Bei Bedarf leitet der Allradantrieb bis zu 100 Prozent des Drehmoments an die Hinterachse. So wird der Koreaner dank des knackigen maximalen Drehmoments von 510 Newtonmetern zur echten Heckschleuder mit Spaßfaktor und nicht zum wilden Rüpel.

Sobald es in die Kurve geht, ist das Heck zwar deutlich lebendiger als bisher, keilt aber aufgrund der Sperre und der Kraftverteilung nicht unvermittelt aus und bleibt beherrschbar. Auch wenn die Lenkung das letzte bisschen an Authentizität bei der Rückmeldung vermissen lässt, kann man mit ihr den 4,83 Meter langen Koreaner präzise um die Ecke werfen. Schon nach kurzer Zeit wird das Vertrauen in die Abstimmung so groß, dass man mit dem Kia herrlich an der Haftungsgrenze carven kann. Das Fahrprogramm "Sport +" lässt das Heck genau im richtigen Maß von der Leine. Ganz Mutige deaktivieren das ESP und schaffen so geschmeidige Drifts. Dennoch macht sich auch bei diesem Stinger in sehr schnell genommenen engen Ecken eine leichte Untersteuerneigung und das Gewicht von gut 1,9 Tonnen bemerkbar. Da ist es beruhigend, dass die Brembo-Bremsen selbst bei längerer Belastung standfest bleiben, gut dosierbar sind und den Koreaner zuverlässig verzögern.

Kia Stinger GT 3.3 T-GDi AWD
Kia Stinger GT 3.3 T-GDi AWD: Bei Bedarf werden bis zu 100 Prozent des Drehmoments an die Hinterachse geleitet. Bild: press-inform / Kia

Der Motorenklang, der durch die Auspuffanlage entweicht, ist nach wie vor etwas zurückhaltend. Mit der Sportauspuffanlage für 2.599 Euro Aufpreis klingt das Ganze schon deutlich knackiger. Das Sprintvermögen mit 5,5 Sekunden von null auf 100 km/h und die Höchstgeschwindigkeit von 270 km/h sind aller Ehren wert. Damit wird der Stinger auf der linken Autobahnspur zur gefährlichen Hornisse. Aber der Koreaner ist nicht nur auf Angriff gebürstet: Beim Fahrmodus "Smart" hat das Spritsparen oberste Priorität. Das serienmäßige "Smart Neutral Coasting" entkoppelt wann immer es möglich ist, Motor und Getriebe, segelt im Windschatten des vorausfahrenden Fahrzeugs und soll so bis zu drei Prozent Kraftstoff einsparen. Der Verbrauch pendelt sich bei 10,5 Liter pro 100 Kilometer. Für ein Auto mit moderner Motorentechnologie ist das ein wenig hoch.

Ausgewogener Komfort

Der Preis für den aufgepeppten Kia Stinger GT 3.3 T-GDi AWD beträgt 55.900 Euro. Schon vor der Modellüberarbeitung bekam man viel Auto für sein Geld. Das Preis-Leistungs-Verhältnis hat sich auch beim aktuellen Stinger nicht verschlechtert. Die Navigation, die auf dem Acht-Zoll-Monitor wiedergegeben wird, ist genauso serienmäßig wie die Lederausstattung und das ebenfalls serienmäßige Head-up-Display zeigt mit Hilfe der Verkehrszeichenerkennung jetzt auch Geschwindigkeitsbegrenzungen an.

Dank des serienmäßig adaptiven Fahrwerks kommt man mit dem Kia Stinger auch komfortabel voran, wobei der Koreaner selbst im" Sport +"-Modus nicht zur rückenmarksvernichtenden Brutalo-Fahrmaschine mutiert. Straff ja, aber nicht übermäßig. An Platz mangelt es nicht. Das Einsteigen in den Fond ist dank der beiden hinteren Türen bequem und der Kofferraum mit einem Volumen von 406 bis 1.114 Liter ausreichend groß.