Der Lamborghini Urus ist jetzt schon ein italienisches Heiligtum. Eine Macchina Nazionale, wenn man so will. Der italienische Premierminister Paolo Gentiloni kam eigens aus Rom nach Norditalien, um der Weltpremiere des SUVs beizuwohnen und defilierte begleitet von müdem Applaus an den Gästen vorbei. Danach intonierte ein Klassik-Ensemble mit ihren Instrumenten die italienische Nationalhymne, ehe Tänzer eine Mixtur aus den Science-Fiction-Filmen "Matrix", "Star Wars" und "Tron" hinlegten. Ganz ohne Drama ging die Weltpremiere dann doch nicht über die Bühne. Die groß angelegte italienische Oper zu Ehren des neuen Lamborghini-Hoffnungsträgers wurde durch technische Probleme gestoppt. Nichts ging mehr, aber Italiener können nicht nur schnelle Autos bauen, sondern sind auch Meister der Improvisation.

Also ergriffen der Chef-Entwickler Maurizio Reggiani und Lamborghini-Chef Stefano Domenicali kurzerhand das Mikrophon und lobten den Neuankömmling in den höchsten Tönen. "Der Urus ist ein SUV mit dem Können eines Sportwagens", frohlockte der ehemalige Formel-1-Mann Domenicali. Nach diesen Worten kam Audi-Chef "Professore" Rupert Stadler auf die Bühne und herzte den Chef der Tochtermarke so herzlich, dass dem fast die Luft wegblieb. Wenn man den Urus so anschaut, kann sich ebenfalls Schnappatmung einstellen. Der knapp 2,2 Tonnen schwere Crossover sieht genauso dynamisch und schick aus, wie er schnell sein soll.

Der Urus teilt sich die Plattform mit dem Audi Q7 und dem Bentley Bentayga, ist aber deutlich leichter als der britische Luxusdampfer. Die Gewichtreduktion haben die Italiener durch einen Materialmix aus höchst- und hochfesten Stählen, Carbon und Aluminium erreicht. So besteht der vordere Hilfsrahmen aus Aluminium, genauso wie die rahmenlosen Türen. Ein weiterer Effekt dieses gezielten Einsatzes von Werkstoffen ist eine hohe Torsionssteifigkeit der Karosserie. Die ist auch nötig, um die Kraft des brachialen Vierliter V8-Biturbo-Motors mit 478 kW / 650 PS und einem maximalen Drehmoment von bulligen 850 Newtonmetern auf die Straße zu bringen. Der Power-Transfer gelingt: in 3,6 Sekunden knackt der Urus die 100-km/h-Marke, ist bis zu 305 km/h schnell und überbietet damit den Bentley Bentayga W12. Mächtige Carbonbremsen (440 Millimeter vorne und 370 Millimeter hinten) packen kräftig zu, wenn eine standfeste Verzögerung gefordert ist.

Fast zu viel des Guten

Mit dem aufgeladenen Achtender hält erstmals ein Turbomotor in einem Lamborghini Einzug, aber noch dementieren die Verantwortlichen heftigst, dass dies eine Konditionierung der Sportwagenkunden ist und bald auch in den pfeilschnellen Flundern ein solches Aggregat wüten könnte. Dass auch ein Sechszylinder-Plugin-Hybride im Urus für Vortrieb sorgen wird, streitet dagegen niemand mehr ab. Stolz verkündet Maurizio Reggiani, dass der allradagetriebene Urus dank Torsen-Differential überall klarkommt: auf Straßen und im Gelände. Ein Sperrdifferenzial ist ebenso vorhanden, wie verschiedene Offroad-Fahrprogramme für Sand, Schnee und Schlamm. Dass sich der Urus mit "Corsa" für die Rennstrecke scharf stellen lässt, versteht sich von selbst, auch wenn die meisten Fahrer diesen Dynamikmodus auch in freier Wildbahn nutzen werden.

Im Inneren ist der Urus ganz Lamborghini. Das Interieur zitiert fast schon überkonsequent ein Flugzeugcockpit. Ein großes frei konfigurierbares TFT-Rundinstrumenten-Display zeigt die Verwandtschaft zum Audi. Allerdings ist die italienische Version etwas farbenfroher und erinnert in der Anmutung mehr an ein Videospiel. In der Mitte bilden zwei Touchscreens die Kommunikationszentrale: oben und die Einstellungen für die Klimaanlage und andere Komfortelemente unten.

Die Länge von 5,11 Metern sieht man dem Urus nicht an. Dank des Radstands von drei Metern ist im Innern Platz, aber nicht so viel wie man erwartet. Zumal sich die Dachlinie charmant nach hinten absenkt. Allen klaustrophobischen Zeitgenossen sei gesagt, dass es erst jenseits der 1,90 Meter im Fond um den Kopf herum eng wird. Der Kofferraum hat eine ebene Ladefläche, aber auch eine höhere Ladekante. Ab Mitte 2018 wird der Urus auf deutschen Straßen dem Audi Q7 um die Ohren fahren, der Preis beträgt rund 204.000 Euro. Für die Basisversion, wohlgemerkt. Die finalen Worte gebührten dann dem italienischen Ministerpräsidenten Paolo Gentiloni: "Ihr habt das möglich gemacht. Viva Lamborghini!", lobte der Regierungschef pflichtschuldig und verschwand wieder. Das wird der Urus nicht.