Wenn in den Vorstandssitzungen der Autobauer das Wort "Millennials" fällt, steigt das Interesse an der Unterhaltung rapide an. "Millennials sind die Zukunft unserer Industrie", ist sich BMW-USA-Chef Ludwig Willisch sicher. "Millennials, wer?", wird sich jetzt der eine oder andere fragen. Mit diesem Namen bezeichnen Soziologen eine Bevölkerungsgruppe, die zwischen 1980 und 2000 geboren ist. Diese Schicht umfasst zum Beispiel in den USA rund 83 Millionen Menschen. Außerdem haben viele Millennials einen unterschiedlichen ethnischen Hintergrund. Kurz: Diese Menschen unterscheiden sich radikal von den "Baby-Boomern", die momentan noch die Käufer der Luxus-Mobile sind.

Der Beweis für diese These wird vor allem in Großstädten immer sichtbarer. Soziale Netzwerke und verschiedene Freizeit-Aktivitäten rücken immer mehr in den Mittelpunkt des Lebens der jüngeren Generation. In Ballungszentren mit hohem Verkehrsaufkommen verliert die individuelle Mobilität zunehmend an Bedeutung. War früher das Auto für junge Erwachsene ein ersehntes Beförderungsmittel, um soziale Kontakte zu pflegen, sehen manche jungen Menschen mittlerweile das eigene Fahrzeug als überflüssig an. Machten in den 1980er Jahren noch fast alle mit 18 Jahren den Führerschein, haben heutzutage 90 Prozent erst mit 24 Jahren die Fahrerlaubnis.

Die Kardinalsfrage für die Premium-Automobilhersteller lautet nun, wie man die Millennials-Käufergruppe an die eigene Marke bindet. Wer sich konsequent diesem Wandel verschließt, läuft Gefahr zur Randerscheinung der Automobil-Geschichte zu verkommen. Wie realistisch dieses Risiko ist, zeigen Zahlen aus der Vergangenheit: 1910 existierten noch über 200 Autobauer in den USA, 30 Jahre später waren es nur noch acht. Der Schwund geht weiter: Eine Traditionsmarke wie Lancia steht vor dem Aus. "Vor allem die Premium-Hersteller müssen sich Gedanken machen, wie Luxus neu definiert wird, wenn die bisherigen Status-Symbole, wie Motorleistung und Dynamik nicht mehr so wichtig sind", sagt Professor Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach. In der Veränderung schlummert auch eine Chance. Klar ist auch, dass durch den Wegfall des traditionellen Antriebsstrangs mehr Platz für die Passagiere sein wird.

Konnektivität ist das A und O

Mit dem Wandel hin zum autonomen Fahren wird sich auch der Luxus im Auto ändern. Wenn man nicht mehr selbst hinter dem Steuer sitzt, mutiert die Fahrgastzelle zu einer persönlichen Wohlfühlzone. Das Auto muss genau den Ansprüchen der Millennials entsprechen. "Zeit und Raum sind Luxusgüter der Zukunft. Der Mensch mit seinen Bedürfnissen und Wünschen steht dabei für uns immer im Mittelpunkt", verdeutlicht Thomas Weber, Mercedes Entwicklungs- und Konzernforschungs-Vorstand. Das bedeutet: Autos werden zu rollenden Büros, Konferenzräumen aber auch zu einer Komfortzone, die die Behaglichkeit der eigenen vier Wände auf die Straße bringt. Die Rückbank kann zum Schlafen und Entspannen genutzt werden oder als Rückzugsraum um Videospiele zu zocken.

Damit diese vielschichtigen Anforderungen erfüllt werden können, ist die Konnektivität das A und O. Wer im Auto arbeiten muss, braucht schnelle Datenleitungen und auch die passende Hardware. Die Sitz-Konfiguration verändert sich ebenfalls: Die Stühle können zueinander gedreht oder zur Schlafstadt umgebaut werden. Wie das Interieur in Zukunft aussehen könnte, zeigt die Mercedes-Zukunftsstudie "F015 Luxury in Motion". Fenster sind nicht mehr bloße Gucklöcher, um die Umgebung zu betrachten, sondern werden als Monitore genutzt, um Bilder und Daten zu projizieren. Eine leistungsfähige Stereoanlage macht das multimediale Erlebnis vollkommen.

Design bleibt entscheidend

"Materialen und Handwerkskunst werden wichtig bleiben, aber entscheidend werden Elemente, wie Bedienfreundlichkeit sein und wie das Produkt in Beziehung zu dem Nutzer und den anderen Passagieren steht", ist sich der Jaguar Chef-Designer Ian Callum sicher. Die Wortwahl "Nutzer" statt "Fahrer" verdeutlicht schon den Paradigmenwechsel der Automobilindustrie. Momentan rücken auch neue Materialien in den Fokus der Autobauer. Leder ist nicht mehr der alleine selig machende Stoff, aus dem die Sitz-Träume sind. Neuartige Bezüge können aus zum Beispiel aus einer Kombination verschiedener Materialien, wie Bambus und einer anderen Holzsorte sein.

Wer jedoch glaubt, dass die Autos der Zukunft rollende Streichholzschachteln oder Eier, wie das Google Car, sein werden, schätzt die solventen Millennials falsch ein. Die Käufer eines Luxus-Mobils werden sich nach wievor vom Einerlei auf der Straße absetzen. "Das Design wird auch in Zukunft immer ästhetisch bleiben und sich nicht der Praktikabilität des Autos anpassen", sagt Jaguar-Mann Ian Callum. Konsens bei den Designern ist aber auch, dass man die Unterscheidung nicht zu weit zum Selbstzweck erheben sollte. "Wenn man zu viel Design-Tricks in die Formensprache eines Autos packt, altert das deutlich schneller", so Callum. Doch all denjenigen, die mit dem autonomen Fahren und der Veränderung der Definition von Luxus, das Ende des Spaßfahrens als Menetekel an die Wand werfen wollen, sei gesagt, dass sich die Zukunftsforscher und Soziologen einig sind, dass auch dann eine gewisse Gruppe von Autofahrern sich den Spaß nicht nehmen lassen will und ihre Autos auf der Rennstrecke und der Landstraße dynamisch und vor allem selbst bewegen will. Das sind doch gute Nachrichten für die M GmbH und AMG.