| von Wolfgang Gomoll

Es ist noch gar nicht so lange her, da kreisten die Geier über Maserati. Die Verkaufszahlen verharrten im Keller, die Technik der ansehnlichen Fahrzeuge war auch nicht immer die neueste und die Verarbeitung entsprach ebenfalls nicht den ambitionierten Preisen. Jetzt steht auch noch die Vereinigung der Maserati-Mutter FCA mit dem PSA-Konzern an und der neue starke Mann Carlos Tavares ist nicht dafür bekannt, kränkelnde Autobauer lange durchzufüttern. Nicht wenige haben daher schon den Abgesang auf die stolze Dreizackmarke angestimmt.

Zu früh, wie sich jetzt herausstellt. Maserati soll die elektrische Speerspitze des FCA-Konzerns werden. Dabei soll die Renaissance des italienischen Autobauers von Stromern wie die Elektro-Version des ansehnlichen Sportwagens MC20 oder des Crossover Grecale initiiert werden. Doch auch in Italien, wo die Bäume verbal gerne mal in den Himmel sprießen, muss man den ersten Schritt vor dem zweiten machen. Deswegen haben die Techniker einen Mildhybrid-Antriebsstrang ersonnen und diesen in den Ghibli verpflanzt. Ein solches Triebwerk ist heutzutage keine große Neuigkeit mehr, aber Maserati hat sich bei seinem ersten Schritt in das elektrische Zeitalter Mühe gegeben.

Die Italiener kombinieren einen Zwei-Liter-Vierzylinder-Benziner mit einem 48-Volt-Riemenstarter-Generator und einem elektrischen Verdichter. Von dem ursprünglichen Triebwerk aus dem FCA-Konzernregal blieben lediglich die Abmessungen und der Zylinderkopf erhalten. "Wir haben bei dem Motor fast alles ausgetauscht", erklärt Ingenieur Corrado Nizzola. Unter anderem haben die Techniker einen größeren Turbolader installiert und die Motorsteuerung an die neuen Anforderungen angepasst. Was so einfach klingt, bedeutete für die Dreizack-Experten viel Tüftelarbeit. Vor allem die Synchronisation zwischen dem elektrischen Verdichter und dem Riemenstartorgenerator erledigte sich nicht von heute auf morgen.

Spaßfaktor

Letztendlich generiert der Vierzylinder eine Leistung von 243 kW / 330 PS und ein maximales Drehmoment von 450 Newtonmetern, das bei 4.000 U/min zur Verfügung steht. "Fast noch wichtiger ist, dass bei 1.500 Newtonmetern bereits ein Drehmoment von 350 Newtonmetern anliegt", erklärt Corrado Nizzola. In der Tat erweist sich dieser Kniff, um das Turboloch zu stopfen, als erfolgreich. Das Aggregat tritt geschmeidig an und hat im Zusammenspiel mit der ZF-Achtgangautomatik mit dem 1.878 Kilogramm schweren Ghibli keine Probleme - ganz im Gegenteil. Das Triebwerk schiebt die Limousine mit einer Vitalität an, die man sonst nur von größeren Motoren kennt.

Vor allem, wenn man den Sport-Fahrmodus aktiviert, bereitet der Maserati richtig Freude, sprintet in 5,7 Sekunden von null auf 100 km/h und galoppiert weiter bis 255 km/h. Die Italiener tun gut daran, die Fahrprogramme von den Einstellungen der variablen Dämpfer zu trennen, so kann man das Fahrwerk im Komfortmodus belassen und trotzdem dynamisch unterwegs sein. Dazu trägt auch die Lenkung bei, die mitteilsam verdeutlicht, wie es um die Traktion der Vorderräder bestellt ist und nicht mehr so nervös aus der Mittellage anspricht wie bisher. Angenehm ist auch, dass eine Sportlichkeit nicht mit hohen Rückstellkräften vorgegaukelt wird. Allerdings erreicht die Steuerung nicht ganz die Intuitivität, wie das bei Porsche der Fall ist. Beim Einlenken macht sich der Gewichtsvorteil des Vierzylinderbenziners gegenüber dem Sechszylinder-Diesel, den er ersetzen soll, positiv bemerkbar. Der Durchschnitts-Verbrauch pendelt sich laut Maserati bei 9,4 l/100 km ein.

Kein 0815-Automobil

Die Unterschiede der drei Fahrmodi I.C.E. (Increased Control and Efficiency / Effizienz und Kontrolle), Normal und Sport unterscheiden sich deutlich, sodass der Ghibli an jede Situation angepasst werden kann. Dazu kommen noch eine Reihe von Fahrassistenzsystemen wie der Spurhalteassistent, der Toter-Winkel-Assistent und der adaptive Tempomat mit Stop & Go-Funktion. Allerdings wird das Bild der Rückfahrkamera nicht dem Premiumanspruch der italienischen Limousine gerecht. Immerhin ist das neue Infotainmentsystem mit dem 10,-Zoll-Bildschirm ein deutlicher Schritt nach vorne, der überfällig war. Nun ist die Einbindung des Smartphones via Apple CarPlay und Android Auto möglich. Das Navigationssystem ist ebenfalls verbessert, grafisch nicht auf der Höhe der Zeit, aber erledigt seine Aufgabe zuverlässig. Solche Extras wie Echtzeit-Verkehrsmeldungen fehlen allerdings.

Doch solche technischen Feinheiten stehen für viele Maserati-Fans nicht ganz oben auf der Prioritätenliste. Sie erfreuen sich am schicken Design, der Gewissheit, kein 0815-Automobil zu fahren und an der verbesserten Verarbeitungsqualität des Innenraums, der bei uns mit Leder und Ermenegildo-Zegna-Stoffbahnen ausstaffiert war. So viel italienische Grandezza hat mit mindestens 69.414 Euro aber auch ihren Preis.

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