Nebel, Regen und sogar ein wenig Schnee. Schottland ist bestimmt eine Reise wert, doch nicht so früh im Jahr. Temperaturen um den Gefrierpunkt und mehr Schafe als Einwohner machen es keinem Autofahrer einfach, unfallfrei durch die Highlands zu cruisen. Da spielt es ausnahmsweise auch mal keine Rolle, ob ein Dreizylinder-Kleinwagen mit 45 PS oder Supersportwagen aus dem Hause McLaren mit 675 PS im Slalom durch die atmenden Wollespender pilotiert wird. Wobei, einen Vorteil gibt es da schon. Wirkt die Hupe von beiden Fahrzeugen auf die Grasfresser wie das Quicken einer Maus für einen Elefanten, weichen selbst die inzwischen aufgetauchten Highland-Kühe beim kurzen Aufheulen des 3,8 Liter großen Doppelturbo-V8. Und damit der Bauer sich nicht beschwert, dass die Kühe vorerst nur noch Butter geben, räumt der McLaren mit seinem grazil wirkenden und erschreckend tief liegenden Frontspoiler im Gegenzug die Straße von den verdauten Hinterlassenschaften seines Viehs frei.

Nur gut, dass bereits das Gewicht der Schuhsohle reicht, um dem heckangetriebenen 1,3 Tonner die Sporen zu geben. Bei trockener Fahrbahn reichen dem McLaren 675LT Spider unter atemberaubender Klangkulisse, die er aus seinen beiden Titan-Endrohren herausrotzt, 2,9 Sekunden bis Tempo 100. Fahrer, deren Nervenbahnen weitere 5,2 Sekunden benötigen, um den Befehl der Gaswegnahme zu realisieren, befinden sich bereits bei Tempo 200. Wer die gerade erst eingegangene Beziehung zwischen dem rechten Fuß und dem Gaspedal auch dann nicht beenden möchte, der findet sich nach insgesamt 23,6 Sekunden bei 300 und kurz darauf bei den finalen 326 Kilometern pro Stunde wieder. In den Highlands reichen dieser Tage jedoch sanfte 100 Kilometer pro Stunde, die im automatisch eingelegten siebten Gang den Drehzahlmesser gerade einmal bis 1.500 Umdrehungen pro Minute hochschnellen lassen. Dabei sind es vor allem die von einem dramatischen Knall begleiteten Gangwechsel, die die Begeisterung in die Gesichter von Zeugen sowohl innerhalb als auch außerhalb des Cockpits zaubern.

Bei wem diese Daten jetzt den unbändigen Wunsch erweckten sich zum nächsten McLaren-Händler zu begeben und mal eben die mindestens geforderten 340.725 Euro auf den Tisch zu legen, der kommt zu spät. Genauer gesagt viel zu spät. Denn der auf 500 Exemplare, wie auch schon sein geschlossener Coupe-Bruder, limitierte Spider war nach nur zwei Wochen vergriffen. Dass es bei nahezu jedem Exemplar nicht bei dem ansehnlichen Basispreis geblieben ist, macht ein kurzer Blick auf die Aufpreisliste deutlich. Die günstigste Option ist mit 170 Euro der Feuerlöscher – nur so viel dazu. Wobei an dieser Stelle eines gesagt werden muss: Während sich Hersteller von Alltagsfahrzeugen ihre Klimaanlage teuer bezahlen lassen, ist genau diese, wie bei anderen Supersportwagenmanufakturen auch, bei McLaren gratis, da echte Rennfahrer lieber schwitzen als zusätzliche 16 Kilogramm mit sich herumschleppen zu müssen.

Der Vorteil einer eingebauten Klimaanlage ist bei feuchtem Wetter und geschlossenem Dach jedoch nicht von der Hand zu weisen. Allerdings reicht auch ein einfacher Knopfdruck und die feuchte Raumluft wird durch das dann geöffnete, dreiteilige Hardtop nach draußen gesaugt. Diese Aktion ist sogar bis Tempo 40 möglich. Nicht 41! Da sind die Briten sehr penibel, wie das Bordsystem einem sofort unmissverständlich klar macht. Soll nicht gleich das ganze Dach entfernt werden, reicht auch schon das Herunterfahren der kleinen Heckscheibe hinter den Köpfen, der in ihren belederten Karbonfaser-Schalensitzen mit dem Auto vereinten Insassen.

Ansonsten verhält sich der vorn auf 19 und hinten auf 20 Zöllern rollende Sportler eigentlich recht umgänglich. Die Lenkung ist wie bei McLaren bekannt an Direktheit und Präzision kaum zu überbieten. Sie ist zwar in drei verschiedenen Modi kalibrierbar, doch wirkt sie in der Grundeinstellung am natürlichsten. Gleiches gilt für die Motoreinstellungen, die aus einem in Karbon gegossenen Sportler eine wahre Sprint-Diva machen. Eine automobile Diva, dessen Restreichweite innerhalb weniger Sekunden für wahre Schockmomente sorgen kann. Anders, als bei anderen Fahrzeugen, scheint die McLaren-Elektronik alle zehn Sekunden anhand der aktuellen Fahrweise genau diese voraussagen zu wollen. Was schnell dazu führt, dass die gerade noch anvisierte und satt erreichbare Tankstelle in 100 Kilometern zur grausamen Utopie mutiert – und zehn Sekunden später wieder realisierbar ist. Der Normverbrauch liegt bei kommentarlosen 11,7 Liter auf 100 Kilometern.

Erfreulich ist bei dem im Vergleich zum 650S rund 100 Kilogramm leichter gewordenen McLaren 675LT Spider, dass auch gröbere Unebenheiten gut dosiert und nicht brutal an den Rücken weitergeleitet werden. Der sogenannte Longtail von McLaren ist zudem genauso steif wie sein Coupe-Verwandter. Sie trennen lediglich zusätzliche 40 Kilogramm, die allein das Dachsystem mit sich bringt. Was sie sich teilen, ist die, abgesehen von der Sicht nach vorn, fast komplett fehlende Übersichtlichkeit. Ob beim Abbiegen oder Rückwärtsrangieren, viele werden sich in solch einer Situation wünschen, dass im stolzen Anschaffungspreis eine Rangierhilfe in Form einer draußen stehenden Person inkludiert wäre. Parksensoren vorn und hinten inklusive Rückfahrkamera kosten geschmeidige 3.220 Euro Aufpreis. Und wer gar nicht genug Kameras an Bord haben kann, der kann sich für weitere 4.000 Euro eine im vorderen Stoßfänger, eine im hinteren Stoßfänger und eine weitere über der Schulter im Cockpit installieren lassen, die zugleich die Telemetriedaten aufzeichnen. In Schottland wäre diese Investition dieser Tage aber wahrscheinlich nur für Tierfilmer von Interesse.