Was ist den Kunden wichtiger – auffallen oder schlichte Zurückhaltung? Gilt nach wie vor der Prius-Effekt, der das vermeintliche Ökoauto allen Designverfehlungen zum Trotz auf den ersten Blick als solches erkennen lässt? Dann dürfte es für die Mercedes B-Klasse electric drive düster aussehen, denn wer hinschaut sieht hier nichts, was er nicht bereits kennt. Das schwäbische Elektromodell, in enger Zusammenarbeit mit Tesla entstanden, könnte optisch auch mit einem Diesel- oder Benzinmotor unterwegs sein. Der Wow-Effekt des BMW i3? Fehlanzeige. Auch das B-Konzept ist völlig anders. Während der Hauptwettbewerber aus Leipzig speziell als Elektroauto konzipiert wurde, geht Mercedes einen anderen Weg und setzt einmal mehr auf Bewährtes: in diesem Fall die erfolgreiche B-Klasse. Die wurde bei der Entwicklung so kreiert, dass sie dank doppeltem Boden auch mit Elektroantrieb und Batterie zu bestücken ist. Akku und Antriebsmodul stammen von Tesla und werden komplett ins Werk Rastatt zugeliefert. Eine Auszeichnung für einen ingenieurgetriebenen Premiumhersteller wie Daimler, der nun mit dem Slogan „Tesla inside“ wirbt? Entwickler Andreas Soens: „Wir wollten schnell am Markt sein und haben das Fahrzeug daher innerhalb von zwei Jahren zusammen mit Tesla umgesetzt.“

Zu kaufen gibt es die elektrische B-Klasse ab Sommer erst einmal nur in den USA. Insbesondere im Bundesstaat Kalifornien hofft man vom ungebrochenen Trend zu Öko, Tesla und organischem „Was-auch-immer“ zu profitieren. In den USA ist der visuelle Aha-Effekt zudem durchaus vorhanden, denn weder A- noch B-Klasse werden hier angeboten, und so fällt das Elektromobil durchaus auf. Im Innenraum sind die Unterschiede zur konventionell betriebenen B-Klasse ähnlich dünn wie außen. Die Passagiere im Fond sitzen kaum spürbar ein paar Zentimeter höher und das zentrale Multifunktionsdisplay gibt jederzeit Aufschluss über Kraftflüsse und Restreichweite. „Die B-Klasse electric drive macht als vollwertiger Fünfsitzer keine Kompromisse bei Sicherheit oder Fahrspaß“, unterstreicht Andreas Soens. Im Fahrbetrieb zeigt sich die Mercedes B-Klasse ed ähnlich unaufgeregt wie die Optik es vermuten lässt und zieht agil ihren Weg. In der Mitte des Fahrzeugs ist das Lithium-Ionen-Akkupaket mit einer Kapazität von 28 kWh verbaut. „Das Ladevolumen wird dadurch nicht eingeschränkt“, sagt Produktmanager Jochen Mager, „der Kofferraum fasst 501 bis 1.456 Liter.“

Flott voran

Das Elektrotriebwerk leistet 132 kW / 180 PS und ein maximales Drehmoment von 340 Nm, das wie bei einem Elektromotor üblich direkt vom Start zur Verfügung steht und die Vorderachse kraftvoll antreibt. Es geht flott voran. Den Spurt 0 auf Tempo 100 schafft das Elektromodell in 7,9 Sekunden und erreicht eine abgeregelte Höchstgeschwindigkeit von 160 km/h. Der Verbrauch soll bei 16,6 kWh pro 100 Kilometern liegen. Ein Range Extender ist nicht verfügbar, und die Hochleistungs-Wallbox für die heimische Garage kostet extra – wohl rund 1.000 Euro.

Im Gegensatz zum BMW i3, der abgesehen von scharfen Bremsungen allein mit dem Gaspedal und der entsprechend starken Elektroverzögerung zu bewegen ist, fährt sich die B-Klasse electric drive ähnlich wie das Verbrennermodell. Jedoch werden die Fahrmodi Eco und Sport über einen Taster an der Mittelkonsole angesteuert. Die im Ökomodus verfügbaren 96 Kilowatt Motorleistung lassen sich per Kickdown auf bis zu 132 kW erhöhen. Im Sportmodus geht es immer mit voller Kraft voraus. Die verschiedenen Rekuperationsstufen lassen sich über die Schaltpaddel am Lenkrad regulieren. Ansonsten sorgt ein Abstandsradar für intelligente Rekuperation in Abhängigkeit vom Verkehrsfluss. Einfach einsteigen und losfahren ist in der Elektro-B-Klasse zwar möglich, doch richtig gut läuft es mit etwas Anleitung und Eingewöhnung, die einem dann die möglichst energieeffiziente Fahrweise ermöglicht.

Jede Menge Dampf

Im Alltagsbetrieb hat die B-Klasse ed zwar mit 132 kW / 180 PS und 340 Nm jede Menge Dampf, jedoch lässt sich das üppige Leergewicht von 1,7 Tonnen niemals überspielen. Die Fahrwerksabstimmung ist durch das Mehrgewicht straffer denn je. Wie bei den meisten Elektromodellen hapert es auch bei der Mercedes B-Klasse electric drive an der beruhigenden Reichweite. Maximal sind unter optimalen Bedingungen bis zu 200 Kilometer drin; realistischer sind bei niedrigen Temperaturen oder intensiver Nutzung von Klimaanlage oder Sitzheizung 140 bis 160 Kilometer. An der Hochvoltladeeinrichtung (400 Volt / 16 A), in der heimischen Garage oder an öffentlichen Ladesäulen lässt sich der Lithium-Ionen-Akku in gut drei Stunden wieder zur vollen Leistung bringen. Per Smartphone-App ist der Fahrer jederzeit über den Ladezustand und Vorkonditionierung informiert. Mutig allerdings, dass die elektrische B-Klasse serienmäßig nicht mal mit einem Navigationssystem ausgestattet ist, das einem neben dem rechten Weg auch die nächste Ladesäule zeigen kann. Frech: Die maximale Ausnutzung des Akkus lässt sich Mercedes in den USA mit 800 Dollar zusätzlich bezahlen. Erst dafür gibt es auf Knopfdruck den so genannten Range Modus mit bis zu 15 Prozent mehr Reichweite, einer heizbaren Windschutzscheibe und einer zusätzlichen Isolation.

Während die Mercedes B-Klasse ed im Sommer zu einem Preis ab 41.450 Dollar (knapp 30.000 Euro) in den USA mit einer ordentlichen, aber alles anderen als opulenten Serienausstattung startet, sieht es ab Ende 2014 in Europa deutlich karger aus. Um der Konkurrenz von BMW i3 und dem VW E-Golf die Stirn bieten zu können, sollte es jedoch auch hier deutlich unter 40.000 Euro beginnen. In den USA gibt es zudem ab Werk eine Achtjahres-Garantie für das im Boden verbaute Akkupaket. Verfügt die Batterie in dieser Zeit über weniger als 70 Prozent ihrer Leistungsfähigkeit, muss Daimler das Akkupaket ersetzen.

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Stefan Grundhoff; press-inform