Sindelfingen - eine beschauliche Stadt am Rande von Stuttgart inmitten des Landes Baden-Württemberg. Eine Stadt, in der nahezu jeder Einwohner auf die Frage: "Nennen Sie mir bitte eine Automarke" wie aus der Pistole geschossen mit "Mercedes" antwortet. Warum das nicht gerade überrascht, ist natürlich die Tatsache, dass hier das weltweit größte Produktionswerk der Daimler AG steht, aus dem täglich Fahrzeuge mit einem Stern entweder auf oder in der Front auf die Straße rollen. Doch nicht nur das. Hier in Sindelfingen, wo gefühlt fast jeder Einwohner oder zumindest ein Verwandter mindestens "einmal beim Daimler g'schafft hat", wird jeden Tag aufs Neue die Zukunft neu definiert. Denn in Sindelfingen werden alle Design-Vorschläge und Zukunfts-Visionen des weltweit verstreuten Konzerns gebündelt, bewertet und anschließend in Leder genäht, in Ton geschnitzt und letzten Endes dann auch in Stahl gepresst.

Einer derjenigen, der ganz am Ende die Ergebnisse seiner 600 Mitarbeiter absegnet, die in der Design-Zukunfts-Glaskugel einlaufen, ist Chief Design Officer der Daimler AG Gorden Wagener, der dieser Tage anhand des abstrakten Modells Aesthetics A die hausinterne Kompaktklasse neu definiert: "Form und Körper bleiben, wenn man Sicken und Linien extrem reduziert. Wir haben den Mut, diesen Purismus umzusetzen. In Verbindung mit perfekten Proportionen und sinnlicher Flächengestaltung hat die kommende Generation der Kompaktklasse das Potential, eine neue Designära einzuleiten." Oder, wie es Gorden Wagener auch gern abkürzt: "Design als Kunst des Weglassens: Die Zeit der Sicken ist vorbei."

Sind solche letzten Worte gesprochen, geht es ans Tagesgeschäft für seine rund um den Globus verstreuten Mitarbeiter. Ob in Kalifornien, China, Japan, Brasilien oder Indien - das Design des zukünftigen Fahrzeugportfolios beherrscht den Tagesablauf unabhängig der jeweiligen Zeitzone. Denn das Design eines Fahrzeugs ist längst nicht mehr das, was es mal vor einigen Jahren war. Es geht schon lange um die Gestaltung des so genannten dritten Lebensraumes, der neben dem Zuhause und dem Arbeitsplatz existiert. "Eine unserer Hauptaufgaben der letzten Jahre war es, die neuen digitalen Möglichkeiten im Fahrzeug für den Benutzer möglichst intuitiv bedien- sowie beherrschbar zu machen und dem Fahrer somit die absolute Kontrolle zu ermöglichen", erläutert Klaus Frenzel, Leiter Digital Graphic & Corporate Design. "Heute gestalten wir den Paradigmenwechsel hin zur Maschine, die den Menschen versteht, die ihm das Leben erleichtert und sogar verschönert." Oder anders formuliert: Das Auto weiß mehr über den Fahrer, als er über sich selbst, wie schon heute am Vision Mercedes-Maybach 6 zu sehen ist. In das Luxus-Leder der Sitze sind minimalistische Anzeigeflächen mit integrierten Sensoren eingebaut - Body Sensor Displays. Diese erfassen beispielsweise die Vitalfunktionen der Passagiere. Dadurch können etwa Komfortfunktionen wie Sitzklimatisierung oder Massage aktiviert oder die Form des Sitzes an den Passagier angepasst werden. Da wundert die Aussage von Gorden Wagener kaum noch: "Die digitale Welt im Auto wird sich in den nächsten Jahren mehr verändern als in den letzten 50 Jahren."

Der eigentliche Schaffungsprozess eines Fahrzeugs läuft dann eigentlich immer gleich ab. Aus einer Idee folgt eine Zeichnung. Ob auf dem Bildschirm oder der viel zitierten Serviette spielt dabei keine Rolle. Ein erster Entwurf wird sichtbar gemacht. Aus der Vielzahl von Skizzen werden die vielversprechendsten ausgewählt und in ein virtuelles Modell umgewandelt. Neben dem virtuellen Modelle entstehen dann auch die ersten 1:4-Tonmodelle. Allein das Designstudio in Sindelfingen verbraucht jedes Jahr zwischen 60.000 und 80.000 Kilogramm Ton. Das meiste Material verschlingen natürlich die anschließend gefertigten 1:1-Tonmodelle, die auf einem mit Styropor umschäumten Stahlrahmen angelegt werden. Wird nun noch die den Lack darstellende Plastikfolie auf dem Tonmodell angebracht, scheint ein fertig produzierter Serienwagen im Raum zu stehen. Nachdem auch das Interieur mithilfe von Tonmodellen bis zur Perfektion durchgetestet wurde, kommt es zum finalen Modell. In Handarbeit werden das Exterieur und das Interieur mit ihren Einzelheiten in einem Modell vereinigt. Ein täuschend echtes Abbild entsteht. Wie eben das des neuen Mercedes E Klasse Cabrios, das eigentlich erst Anfang März dieses Jahres in Genf vorgestellt wird und hier in Sindelfingen schon seit zwei Jahren fertig und mittlerweile sogar schon mit leicht vergilbten Details herum steht.

Das final vom Vorstand bestätigte Designmodell wird in einem letzten Prozessschritt in 3D-Daten beschrieben, den so genannten Class-A-Daten. Anhand dieser Daten können im Anschluss sämtliche Werkzeuge, die zur Produktion des Fahrzeugs benötigt werden, gefertigt werden. Das letzte Modell vor der eigentlichen Serienproduktion ist das Datenkontrollmodell. Um die Class-A-Daten unter realen Gesichtspunkten bewerten und die Form weiter präzisieren zu können, werden diese an genau diesem Datenkontrollmodell exakt gefräst. Das resultierende Modell stellt bezüglich seiner Oberflächenqualität quasi das erste Serienfahrzeug dar und dient als Grundlage für die Serienproduktion. Und während das erste Serienfahrzeug seine Weltpremiere feiert, sind seine Schöpfer nicht nur in Gedanken mal wieder dem Rest der Belegschaft und dem Rest der automobilen Welt um einige Jahre voraus.