| von Stefan Grundhoff

Die Nachrichtenlage im Hause Daimler könnte deutlich besser sein. Zum wiederholten Male hagelte es zuletzt eine Gewinnwarnung und die Stimmung bei den Schwaben ist seit Monaten nicht zum Besten bestellt. Kostensenkungen, Stellenreduzierungen, CO2-Druck auf eigene Mitarbeiter und Zulieferer sowie ein paar Modelle, die sich schwerer tun als erwartet. Da kommt die neue S-Klasse als Hoffnungsträger gerade recht. Doch auf einigen Märkten dürfte die Mercedes-S-Klasse erstmals nicht das unangefochtene Aushängeschild der Marke mit dem Stern sein. Mit dem EQS, einem ungleichen elektrischen Zwilling, will Daimler die Marke Mercedes im Luxussegment in ein neues Zeitalter führen. Auf einigen Märkten wird der geräuschlose Messias die neue Messlatte für die Marke Mercedes sein. Das gilt für den Antrieb ebenso wie für Design und die Innovationskraft im Allgemeinen.

Aufgrund der internen Konkurrenz zur ebenso imageträchtigen wie ertragreichen S-Klasse soll der Abstand zwischen beiden Modellen offiziell möglichst groß erscheinen, da die identische Fahrzeugklasse bespielt wird. Und dann drückt da natürlich von unten auch noch die elektrische E-Klasse, die Ende 2021 kommt. Die Modellpflege der Mercedes E-Klasse steht bereits im März auf dem immer bedeutungsloser werdenden Genfer Salon. Marktstart ist im Sommer. Im Hause Daimler sind dabei viele der Meinung, dass der EQS schon aus Marketing- und Positionierungsgründen die Bezeichnung S-Klasse hätte tragen sollen und das EQ-Logo zum Teufel gehört.

Der kommende Mercedes EQS ist mit rund 5,20 Metern etwas kürzer als die kommende S-Klasse mit langem Radstand; er wird aufgrund der Akkus im Fahrzeugboden (Plattform EVA II), des fehlenden Kardantunnels und des nicht benötigten Motorraums jedoch ein deutlich größeres und flexibleres Innenleben haben. Da der kommende Mercedes CLS keinen Nachfolger bekommen soll, darf der EQS mit rahmenlosen Türen und einer flachen Silhouette glänzen, bei der die Frontscheibe beinahe nahtlos in die Motorhaube übergeht. Am Heck sieht es nicht anders aus, denn auch hier läuft die große Heckscheibe mit mächtigem Deckel flach in den kurzen Kofferraumdeckel aus und erinnert so an eine Mischung aus Mercedes CLS und Porsche Panamera. Die Frontscheinwerfer ziehen sich vom nachempfundenen Kühlergrill weit in die Kotflügel hinein, was dem EQS zusammen mit den anderen Proportionen und dem langen Radstand einen völlig anderen Look als die S-Klasse gibt. Der EQS wird weniger eine klassische Limousine als vielmehr ein Fließheckmodell mit Coupéanleihen.

Mehrere Motorvarianten

Bei der Studie des Vision EQS ist die Instrumententafel kaum mehr als solche zu bezeichnen. Die wichtigsten Informationen werden in die Zierflächen hinter das Lenkrad projiziert, wobei es im Serienmodell klassische Instrumente sind, die die neueste Generation des Bediensystems MBUX ins Auto bringen. Auch bei Mercedes will man die Kunden mehr und mehr vom Leder entwöhnen. Neben Mikrofaser und Hölzern soll der EQS daher auch artifizielles Leder bekommen, dessen Oberfläche einem Nappaleder gleichkommt. Der Dachhimmel der Konzeptstudie ist mit einem Textil bespannt, das zum Teil aus Plastikabfällen aus dem Meer besteht. So etwas dürfte sich mittelfristig auch in die Serie retten lassen.

Es sind mehrere Motorvarianten geplant, wobei die Studie des EQS von zwei Elektromotoren angetrieben wurde, die zusammen 350 kW / 476 PS und 760 Nm maximales Drehmoment leisten. 0 auf Tempo 100 schafft der Mercedes Vision EQS zumindest imaginär in 4,5 Sekunden und soll mit seinem im Boden verbauten Akkupaket mit rund 100 kWh eine Reichweite von bis zu 700 Kilometern realisieren. Real sollten es zum Start allemal 500 Kilometer sein. Anders als beim Mercedes EQC soll die Höchstgeschwindigkeit beim EQS bei deutlich über 200 km/h liegen, um auch gegen Tesla und Co bestehen zu können, die bis zu 250 km/h rennen. Auf langen Strecken wird der Fahrer ebenso wie in der S-Klasse durch einen Autobahnassistenten der Fahrerassistenzstufe drei entlastet. Mit einer in Aussicht gestellten Ladeleistung von 350 Kilowatt soll sich das Akkupaket in 20 Minuten bis auf 80 Prozent seiner Leistung aufladen lassen.