| von Stefan Grundhoff

An sich ist die Modellpflege beim Mercedes Vito überschaubar ausgefallen. Mehr Assistenzsysteme und eine bessere Ausstattung sind das eine; doch viele Gewerbetreibende dürften sich insbesondere für den neuen Dieselmotor vom Typ OM 654 interessieren, den Mercedes Vans in einem breiten Leistungsspektrum von 100 kW / 136 PS bis 176 kW / 239 PS inklusive Allradantrieb und 500 Nm maximalem Drehmoment für seine Kunden anbietet. Für viele ist nach der Modellpflege jedoch die Elektroversion des Mercedes eVito besonders interessant geworden. Den bieten die Schwaben bereits seit mehr als zwei Jahren an, doch bisher gab es nur 85 kW / 115 PS und weniger als 190 km elektrischer Reichweite. Damit ist jetzt Schluss. "Der neue Mercedes eVito Tourer setzt Maßstäbe in seinem Segment hinsichtlich Alltagstauglichkeit. Dank Schnellladefunktion und einer Reichweite von 421 Kilometern ist er flexibel einsetzbar und bietet unseren Kunden eine hohe Nutzbarkeit. Mit ihm unterstreichen wir unsere Vorstellung für einen lokal emissionsfreien Van", so Benjamin Kaehler, Leiter des Van-Bereichs Elektroantriebe.

Optisch ist der Mercedes eVito von seinen Brüdern mit den Dieselmotoren abseits der Ladeklappe vorne links im Stoßfänger nicht zu unterscheiden. Am Steuer sieht es abgesehen von dem fehlenden Gangwahlhebel und dem ersetzten Drehzahlmesser nicht anders aus. Wie die elektrische Mercedes V-Klasse wird der eVito von einem Elektromotor angetrieben, der 150 kW / 204 PS und ein maximales Drehmoment von 362 Nm leistet. Im Dauerbetrieb liefert der Elektromotor immerhin 70 kW / 95 PS. Sein Normverbrauch: 26,2 kWh / 100 km. Leider ist für die Elektrovariante bis auf weiteres nur ein Frontantrieb verfügbar und der ist bei Hotelshuttles und vielen Privatkunden vergleichsweise unbeliebt, weil man gerade mit viel Motorleistung und entsprechender Beladung als Ganzjahresfahrzeug eine Allradversion bevorzugt. Der Frontantrieb ist beim Vito sonst nur bei der günstigsten Einstiegsvariante des 102-PS-Diesels zu bekommen. Alle anderen Transporterversionen haben Hinterrad- und wahlweise Allradantrieb.

Diese Kröte muss der Elektrofan erst einmal schlucken. Hat er sich als Paketdienst oder Handwerker damit arrangiert, bietet der Mercedes eVito ein sehr überzeugendes Antriebspaket. Durch den Frontantrieb gibt es immerhin ein variables Innenraumkonzept. Taxiunternehmen und Shuttledienste profitieren etwa von den vielfältigen Sitzkonfigurationen. Mit zwei Sitzbänken im Fond wird der eVito Tourer zum komfortablen Beförderer für bis zu neun Personen oder einer Vis-à-vis-Bestuhlung. Das Ladevolumen liegt dabei zwischen 999 und 1.390 Litern. Und wer den Wagen hoch beladen hat, kann trotzdem problemlos nach hinten schauen. Das ermöglicht der neue digitale Rückspiegel, der ein Kamerabild der Fondkamera in den Innenspiegel mit seiner Auflösung von 1.600 x 320 Pixel projiziert.

Nur als Fronttriebler

Der Elektromotor ist kraftvoll und allemal dynamisch zu fahren. Dabei kann man über die Schaltpedale am Lenkrad wie beim Verbrenner nicht die einzelnen Gänge, sondern die Rekuperationsstufen wechseln. Entweder man lässt den eVito wie bei einer Automatikversion locker rollen oder man fährt ihn in der höchsten Stufe mit dem sogenannten One-Pedal-Feeling. Dann erspart man sich ähnlich einem Autoscooter vergangener Zeiten das Bremsen nahezu ganz, fährt komplett mit dem Gaspedal und muss nur noch bei einer Gefahrensituation wirklich bremsen.

Man gewöhnt sich schnell an den One-Pedal-Modus und spendiert dem eVito dabei gleich noch eine maximale Reichweite. In der Rekuperationsstufe D-Auto werden die Informationen der Sicherheitsassistenten vernetzt und die Stärke der Rekuperation situationsspezifisch in Echtzeit angepasst. Neben den fünf Rekuperationen bietet der eVito seinem Dienstherrn drei Fahrprogramme, die die Leistung zwischen 80 und 150 kW bzw. 109 und 204 PS variieren. In jedem Modus spürbar: das Mehrgewicht von rund 300 Kilogramm im Vergleich zum Verbrenner.

Navigation von gestern

Je nach Beladung und Fahrweise liegt die maximale Reichweite bei bis zu 421 Kilometern. Damit kann man im Vergleich zum einen oder anderen Konkurrenten leben und muss nicht einmal täglich aufladen. Längere Strecken sind durch ein Maximaltempo von 140 km/h ebenfalls drin. Für Langstrecken ist der Mercedes eVito mit seinen beiden Längen von 5,14 und 5,37 Metern auch etwas, denn für den harten Autobahnalltag kann die Höchstgeschwindigkeit auf 160 km/h erhöht werden. Trotzdem dürften die Dieselversionen hier im Autobahndauerbetrieb die bessere und sparsamere Wahl sein. Nebenbei sind diese bis zu 210 km/h im Mercedes Vito 124 cdi schnell.

Wenn die Energie im 90-kWh-Flachbodenspeicher des eVito einmal zuneige geht, steht der Besuch an der Ladesäule an. Hierzu verfügt der Mercedes Van verfügt über einen wassergekühlten AC-On-Board-Lader mit einer Leistung von elf Kilowatt. Zudem ist er auch für das Wechselstromladen daheim oder das Nachtanken mittels Gleichstrom vorbereitet. Damit kann er mit maximaler Ladeleistung von 110 Kilowatt an einer DC-Schnellladestation in rund 45 Minuten von 10 - 80 Prozent wieder aufgeladen werden. Über den Ladestand und die Reichweite informiert dabei das Display zwischen den beiden Runduhren. Nicht zeitgemäß ist das betagte Navigationssystem in der Mitte der überarbeiteten Armaturentafel, das weder zu einem neuen Vito noch einem Elektrotransporter passen will. Bedienung, Informationen und Darstellung hinken ein paar Jahre hinterher. Ärgerlich, wenn man bedenkt, dass der größere Sprinter über das moderne Bediensystem MBUX verfügt. Immerhin: man kann die eigenen Inhalte des Smartphones inklusive Musik und Routenführung auf den Bildschirm bringen. 

Der Basispreis liegt bei 53.990 netto - inkl. Wartungspaket für vier Jahre.

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