So ganz genau wissen sie es bei Mercedes auch nicht: "Mehr als 1.700 verschiedene Varianten" seien vom neuen Sprinter ab Werk zu haben - drei Antriebskonzepte (Front-, Heck- und Allradantrieb), unterschiedliche Aufbauarten, -längen und -höhen, dazu diverse Tonnagen und Kabinengestaltungen. Der Sprinter ist das Arbeitstier im Mercedes-Stall - vom Baustellenfahrzeug mit Pritsche bis zum edel ausgestatteten Shuttle-Bus für VIP-Kunden. Und Mercedes selbst versteht sich nicht mehr nur als Fahrzeughersteller, sondern als "Anbieter ganzheitlicher Transport- und Mobilitätslösungen". Mercedes hat das auf gut Neudeutsch "adVANce-Philosophie" getauft.

So abgehoben das klingt, so bodenständig lässt sich der mindestens 5.267 mm lange Sprinter fahren - fast wie ein Pkw. Was nervt sind die nicht gerade leisen Windgeräusche, die sich vor allem am Türrahmen so ab Tempo 100 bilden. Aber das ist dann auch schon so ziemlich der einzige Krachpunkt: Der Vierzylinder-Diesel mit seinen 2.143 cm3 arbeitet laufruhig und im Hintergrund, die großen Wandflächen des Laderaums sind so fest gebaut, dass sie auch auf ruppigeren Straßen und Wegen nicht in Eigenschwingung geraten. Besonders angenehm: Die neue Wandlerautomatik mit neun Schaltstufen, die sich auch manuell über Paddles am Lenkrad steuern lässt. Mit ihr fährt es sich fast wie in einem Elektrofahrzeug: Beschleunigung in einem Zug und ohne spürbare Zugkraftunterbrechung.

Dank der diversen Kameras, die den Wagen aus der Vogelperspektive abbilden, gelingt auch das Einparken rückwärts passgenau. Die Federung ist eher komfortabel ausgelegt und schluckt einiges an Unebenheiten weg, der lange Radstand von bis zu 3.924 mm sorgt mit für präzisen Geradeauslauf des Fronttrieblers - auf der Autobahn etwa sind nur wenige Lenkkorrekturen nötig. Auch sonst ist der Sprinter gut ausbalanciert: Selbst in etwas forcierter gefahrenen Kurven gibt es kaum Seitenneigung.

Total vernetzt

Auch innen ist der Sprinter nahe am Pkw angekommen. Gestartet wird mit Keyless Go per Knopfdruck. Das griffige Multifunktionslenkrad hat seinen Weg über S- und E-Klasse in das Arbeitspferd gefunden. Es wirkt mit den vielen Knöpfen und Schaltern etwas überladen, hat aber immerhin System: Links lassen sich die Funktionen und Anzeigen des Displays vor dem Fahrer steuern, rechts der ganze Rest. Die elektrische Lenkung selbst arbeitet präzise, ist angenehm direkt und gibt gute Rückmeldung an den Fahrer.

Die bis zu 10,25 Zoll große HD-Touchscreen in der Mitte des Cockpits stammt ebenfalls aus den Pkw. Eingerahmt zwischen zwei Lüftungsdüsen im Turbinen-Look ist sie zur logistischen Schaltzentrale geworden. Ablagen hat Mercedes dem Sprinter reichlich beschert - von den gut erreichbaren Becherhaltern im Armaturenbrett über Handyfächer unter dem zentralen Display bis zur Ordnerablage über der Windschutzscheibe zu den großen Kästen etwa für Werkzeug, Schutzhelme, Arbeitshandschuhe und Regenjacken unter den Beifahrersitzen. Die Sitze selbst sind durchweg komfortabel und bieten guten Seitenhalt. Die Materialien für Cockpit ebenso wie für Sitze und Seitenwände machen einen robusten Eindruck und dürften so manche Ruppigkeit wegstecken können.

Der Laderaum des Kastenwagens bietet bis zu 17 Kubikmeter Platz, die Tonnage reicht beim Fronttriebler bis 4,1, bei Heckantrieb bis 5,5 Tonnen. Das reicht dann für bis zu sieben Europoolpaletten. Ist man mit Frontantrieb unterwegs, liegt die Ladekante um acht Zentimeter niedriger als bei Heckantrieb, die Nutzlast steigt noch einmal um 50 Kilogramm, die maximale Anhängerlast liegt bei zwei Tonnen. Die Wände ebenso wie der Boden bieten eine Vielzahl an Ösen, über die sich die Ladung festzurren und sicher fixieren lässt. Auch die Radkästen sind beladbar, was die Raumausnutzung deutlich verbessert. Die Hecktüren lassen sich bis zur Seitenwand öffnen.

Die Preise mag Mercedes noch nicht nennen

Vorteil wie Schwachpunkt zugleich ist das Vernetzungskonzept, das Mercedes dem neuen Sprinter teils serienmäßig, teils optional mit auf den Weg gibt. Acht Pakete mit flotten-, fahrzeug-, fahrer- und standortbasierten Diensten via Internet bieten die Schwaben an. So lassen sich über das zentrale Display, aber auch per Smartphone jederzeit unter anderem Fahrzeugstatus und -logistik abrufen, Wartungs- und Reparaturen managen, das digitale Fahrtenbuch anzeigen und - klar - die Türen fernbedient öffnen. Per SMS kann der Disponent aus dem Programm zum Fuhrparkmanagement im Büro heraus neue Ziele und Aufträge direkt ins Navigationssystem einspielen und über GPS jederzeit verfolgen, wo sein Fahrer wie schnell unterwegs ist.

Die Fülle der Optionen sorgt allerdings auch dafür, dass es einer gewissen Lernwilligkeit bedarf. Und mitunter hakt der eine oder andere Dienst. Dann muss man wieder zum guten alten Schlüssel greifen, um ins Fahrzeug hinein zu kommen. Nachbesserungsfähig ist auch das MBUX Multimediasystem, das zum Beispiel Sprachsteuerung anbietet, ähnlich wie Apple mit Siri. So versteht die elektronische Assistentin zwar den umgangssprachlichen Stoßseufzer "Ich habe Hunger" sofort und listet im Display eine Reihe von Restaurants und Imbissen in der näheren Umgebung auf. Eine Aufforderung wie "Bitte aktiviere die Verkehrszeichenerkennung" wird allerdings mit Unverständnis quittiert: "Das verstehe ich nicht".

Über die Preise schweigt man sich bei Mercedes noch aus. Sicher zumindest ist, dass es mit einer gut abgespeckten Basisversion für 19.990 Euro (ohne MwSt.) losgehen wird. Nach oben dürfte es kaum eine Grenze geben. Angeboten wir der Sprinter ab Juni ausschließlich mit Dieselmotoren - einen Benziner gibt es nur für Kanada und die USA. Eine elektrisch angetriebene Sprinter-Version ist für 2019 geplant.