Der Haupttross des Formel-1-Zirkus ist schon in die Weihnachtsferien entschwunden. Auch die Pirelli-Ingenieure sind fertig mit ihren Reifentests und haben eingepackt. Auf dem Parkplatz an der Boxengasse warten, in einem Container luftig übereinander gestapelt, die silbernen Safetycars auf ihren Abtransport. In der Mercedes-Box werkeln noch ein paar Techniker, die Auswahl beim Catering im Servicemodul ist bereits deutlich auf Kaffee, Snacks und Schoko-Törtchen geschrumpft. Auf dem leeren, aber hell erleuchteten Asphalt des Yas Marina Circuit in Abu Dhabi ziehen ein paar Jogger ihre Runden.

Genug Einsamkeit, um auf dem Formel-1-Kurs ungestört mit dem Vision EQ Silver Arrow zu rollen. Das Mercedes-Showcar wurde im Sommer im kalifornischen Pebble Beach präsentiert. Der im Scheinwerferlicht schimmernde, flache Einsitzer soll an den erfolgreichen Rekordrennwagen W 125 von 1937 erinnern. Damals entstand der Mythos der Silberpfeile, weil die Mechaniker den weißen Lack bis aufs silberne Blech abgeschabt hatten, um Gewicht zu sparen.

Der EQ Silver Arrow dagegen bekam extra eine Mehrschichtlackierung in Alubeam-Silber, um so zu glänzen wie sein historisches Vorbild - Gewicht spielt bei einem Showcar nur eine untergeordnete Rolle. Außer der Farbe ist auch das geschwungene und stromlinienförmige Design am W 125 orientiert: flach, mit weit ausladenden Radhäusern, mittigem Fahrersitz, offenem Dach und einer Heckfinne aus Plexiglas mit einem ausgesägten Mercedesstern am Ende. Bei 5,30 Meter Länge ist der EQ Silver Arrow mit seiner Karosserie aus Kohlefaser gerade mal einen Meter hoch. "Schlank, aber sinnlich", schwärmt Daimlers Chefdesigner Gorden Wagener.

Nach dem Einschalten der Zündung strahlt es überall an der schönen Flunder blau. Die Front zieren ein breit gezogenes Leuchtband, ebenso die Seitenschweller. Vorne wie im Heck leuchtet jeweils ein großer, vertiefter EQ-Schriftzug. In den ausgestellten Radhäusern rollen teilverkleidete Räder - die 168 Speichen pro Rad bestehen aus rosegoldfarben lackierten Aluminiumspeichen. Darauf aufgezogen sind vorne Slicks im Format 255/25 R 24 und hinten Slicks der Größe 305/25 R 26. Auf die Lauffläche hat der Reifenhersteller Pirelli geradezu liebevoll viele kleine Mercedes-Sterne eingeritzt. Zwei ausfahrbare Heckspoiler dienen als Luftbremse.

Ein Sitz aus sattelbraunem Echtleder

Der Einstieg ist etwas mühsam - erst recht, weil die Mercedes-Techniker peinlichst darauf bedacht sind, dass man mit seinen Hacken keine Spuren in der Karosserie hinterlässt. Und weil man selber damit beschäftigt ist, sich nicht den Kopf an der nach vorne aufklappenden Fahrerkanzel zu stoßen. Innen ist der EQ Silver Arrow ebenso puristisch wie gediegen eingerichtet - und mit viel Platz. In der Mitte thront man auf einem breiten, fest eingebauten Sitz aus sattelbraunem Echtleder, der in eine Platte aus massivem Walnussholz eingelassen ist. In den Sitzbezug wurden per Lasergravur ebenfalls Sternchen abgesteppt. Zum Fahren reichen zwei massive, individuell anpassbare Pedale, die sinniger Weise mit + und - beschriftet sind. Das Cockpit ist - natürlich - digital, die Welt da draußen nimmt man größtenteils auf einem großen Panoramabildschirm wahr, auf den ein Beamer von hinten ein dreidimensionales Bild der Umgebung projiziert. Ein Vierpunktgurt fixiert den Fahrer fest im Sitz.

Gedacht für den geräuschlosen EQ Silver Arrow ist ein Elektroantrieb mit 550 kW / 750 PS. Das soll zusammen mit einem flachen Akku im Unterboden für 80 kWh gut sein und eine Reichweite von über 400 Kilometer erlauben. Real allerdings muss der Showcar auf solche Kraftentfaltung verzichten - er wird ohnehin nie im realen Verkehr unterwegs sein. Der tatsächlich eingebaute Elektromotor erlaubt kaum mehr als Schrittgeschwindigkeit und wird von außen über ein tragbares Bedienpult ferngesteuert wie ein Modellflugzeug.

So hat Fotograf Jonathan Glynn-Smith keine Schwierigkeiten, mit dem Skateboard neben dem modernen Silberpfeil her zu rollen und seine Fotos zu schießen. Enttäuschend? Nein, warum? Der EQ Silver Arrow ist eh als schöne Studie gedacht und nicht als Rundenrekordler. Da hätte er ohnehin Schwierigkeiten, an den historische Zwölfzylinder W 125 heranzukommen: Mit dem erreichte damals Rudolf Caracciola auf der A5 zwischen Frankfurt und Darmstadt eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 432,7 km/h.