Am Donnerstagmittag (14.5.) startet die Mille Miglia 2015. 450 Teilnehmer durchpflügen auf einer 1.700 Kilometer langen Strecke den Kurs Brescia ? Rom ? Brescia und versetzen Italien vier Tage lang in den automobilen Ausnahmezustand.

Die Mille Miglia ist eine Legende. Weltweit haben Kinder, Erwachsene und Senioren irgendwie und irgendwann schon einmal von jenem legendären Autorennen in Italien gehört, das keine Grenzen zu kennen scheint. Doch der Oldtimerevent hat viel von seinem Charme verloren. Einst donnerten verwegene Kerle wie Huschke von Hanstein, Stirling Moss oder Rudolf Caracciola in ihren heißen Rennwagen durch den nur sporadisch vorhandenen italienischen Alltagsverkehr, um die Strecke Brescia ? Rom und zurück in Rekordzeiten von kaum mehr als zehn Stunden zurückzulegen. Sie riskierten bei Durchschnittstempi von über 150 km/h nicht selten ihr Leben und wurden so zu Rennfahrerlegenden ? bis heute. Längst ist die Mille Miglia zu einem Show-, Schein- und Oldtimerspektakel geworden. Wer in der Oldtimerszene etwas sein möchte, muss nicht nur einmal auf dem finalen Grün des Golfplatzes von Pebble Beach gestanden haben, um die exklusivsten Oldtimer der Welt zu ehren, sondern sollte auch die 1.700 Kilometer durch das einst drei Tage lang verkehrsrechtsfreie Italien erfolgreich absolviert haben.

Doch die Mille Miglia Storica, 1977 neu aufgelegt, hat zu kämpfen. Da sind einige Kommunen, die sich über den Trubel, den die Mille Miglia für wenige Stunden in ihr beschauliches Dorf bringt, alles andere als freuen. Einst undenkbar ? heute keine Ausnahme: Durchfahrten werden verweigert und seit zwei Jahren werfen eifrig Strafzettel geschrieben. 200, 500 oder bis zu 1.000 Euro sind bei Verkehrsübertretungen keine Seltenheit und genau deren Fehlen war es, was die Neuauflage der Mille Miglia in einem temporär rechtsfreien Raum neben den automobilen Preziosen zur Legende werden ließ. Autohersteller und Sponsoren, die der Mille Miglia seit Jahren finanzstark unter die lahmenden Flügel greifen um sich stilecht in Szene zu setzen, sehen sich zunehmend um ein wichtiges internationales Marketinginstrument gebracht. Wer sich bei der Mille Miglia angesichts von überfüllten Innenstädten in San Marino, kilometerlangen Staus in Rom oder engen Marktplatzüberquerungen wie in Siena an die erlaubten Geschwindigkeitsvorgaben hält, kann nicht nur seinen kurzen Abstecher in die Espresso-Bar an der Ecke vergessen ? er kann die vorgegebenen Durchfahrtszeiten gleich streichen und das einstige Autorennen als lahmende Touristenfahrt genießen, um in der Po-Ebene Blumen zu pflücken.

Doch hierzu sind die Teilnehmer oft nicht bereit ? und die Fahrzeuge im Feld nicht gemacht. Denn hier dürfen nur jene Modelle starten, die aufgrund von Baujahr und Eignung auch beim einstigen originalen Autorennen der Mille Miglia in den Jahren 1927 bis 1957 startberechtigt gewesen wären ? von Ausnahmen abgesehen, Rennwagen die die Geschwindigkeit lieben und brauchen. Jedes Jahr gibt es ein Hauen und Stechen um die begehrten 450 Startplätze. Schließlich will der Veranstalter nicht die gleichen Teilnehmer sehen. Legendäre Rennfahrzeuge wie der Mercedes 300 SL Flügeltürer, ein Porsche 356 B oder eine Lancia Aurelia sind dabei im millionenschweren Teilnehmerfeld ebenso gesetzt wie die spektakulären Vorkriegsmodelle vom Typ Bentley Blower 4,5 Litre, BMW 328 oder Alfa Romeo 6C. Offiziell ist die Mille Miglia seit ihrer Neuauflage im Jahre 1977 eine Gleichmäßigkeitsfahrt mit Oldtimern wie die Ennstal Classic oder die Silvretta Klassik. Die meisten Teilnehmer sehen das durchaus anders und verwandeln die mittlerweile auf vier Tage ausgeweitete Italienrundfahrt zu einem inoffiziellen Oldtimerrennen mit Freunden, Konkurrenten und der elitären Historienszene.

In Italien hat die Mille Miglia Storica in den meisten Ortschaften und Städten, die sie passiert, seit den 90er Jahren den Rang eines Nationalfeiertags mit Volksfestcharakter. Geschäfte haben Sonderöffnungszeiten, Schüler dürften der Schule fernbleiben und am Straßenrand steht vom Kleinkind bis zum hoch betagten Senior alles, was laufen kann, und winkt mit Fahnen und Händen den Teilnehmern zu, von denen sich einige wie Eroberer eines neuen Kontinents fühlen. Spannend, mitreißend und rasend schnell wird es auch in diesem Jahr ? versprochen.

Stefan Grundhoff; press-inform